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19/01/2016 05:38 CET | Aktualisiert 19/01/2017 06:12 CET

Medienkrise: „Es ist ein Kollateralschaden für die Demokratie"

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So eine Konstellation ist neu: Die nach der Wiedervereinigung größte politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Herausforderung ist mit der schwerwiegendsten Medienkrise der Nachkriegszeit verbunden.

Die neue Realität von Terror, Flucht und Migration bringt es an den Tag: Das Vertrauen in die Qualitätsmedien und ihren publizistischen Auftrag - ob öffentlich-rechtlicher Rundfunk oder Print - wirkt nachhaltig erschüttert. Jenseits rechtspopulistischer Kampagnen um „Lügen-", „System-" oder auch nur „Pinocchio-Presse" sind die Zweifel in Objektivität, Wahrheits- und Realitätsgehalt medialer Berichterstattung tief in die Mitte der Gesellschaft eingedrungen.

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Die bösen Worte von der „Schweigespirale", von bewusster Vertuschung oder eines politisch-liebedienerischen Erwünschtheitsjournalismus beschreiben einen dramatischen Vertrauensverlust, der nur noch oberflächlich etwas mit der üblichen Medienkritik und -schelte zu tun hat.

Das "Systemvertrauen" ist gestört.

Das „Systemvertrauen", wie es Niklas Luhmann nennt, scheint dauerhaft gestört, in vielen Fällen gar zerstört. Das „System Medien", seine Institutionen und Akteure, haben nun nach Politik und Wirtschaft ihr Vertrauenskapital verspielt, weil es im Kern versagt hat: Wahrheitsgemäß zu berichten, möglichst objektiv Informationen aufzubereiten und einzuordnen, die Toleranz für Mehrdeutigkeit zu stärken.

Eine solche Selbst-Verpflichtung setzt voraus, seine Rezipienten nicht nur ernstzunehmen, sondern als mündig zu betrachten und ebenso zu behandeln.

Genau diesen Vertrauensvorschuss waren Teile der Qualitätsmedien, allen voran ARD und ZDF, nicht mehr bereit zu gewähren.

Wenn der Schriftsteller Peter Schneider trefflich von einer „Kultur des Wahrnehmens und Berichtens hinter vorgehaltener Hand" mit gebetsmühlenartig wiederkehrenden „Fertigbauargumenten" und moralgesättigter Realitätsverweigerung schreibt, dann steht eine journalistische Praxis am Pranger, die wissensbasierte Deutungshoheit mit politisch selbstlegitimierter Deutungsanmaßung verwechselt.

Die schulmeisterliche Erziehungspolitik

Zur Inkarnation dieser schulmeisterlichen Erziehungsrhetorik avancierte Claus Kleber, wenn er sich zur finalen moralischen und politisch-pädagogischen ‚Wahrheitsinstanz' aufblähte und dennoch Wesentliches verschwieg.

Das kollektive Unbehagen der Leser und Zuschauer, dass bewusst Fakten unter den Teppich gekehrt oder flink relativiert werden, wenn es um Flüchtlinge und Migration geht, war bereits vor den Kölner Ereignissen in zahllosen Online-Leserkommentaren und auf Foren dokumentiert.

Dass nun die Wahrheit der vielen Halbwahrheiten und Vorenthaltungen offenbart worden ist, kommt einem Kollateralschaden für die Demokratie gleich. Für die unbelehrbaren Radikalen, gleich welchen Lagers, ist es nur die Bestätigung ihres unverrückbaren Weltbildes, da gibt es nichts zu gewinnen oder zu verlieren.

Für die dialogbereite Mehrheit der Zivilgesellschaft sind solche medialen Bevormundungs-, Entmündigungs-, Präventiv- oder Verschleierungsstrategien aber ein Schlag ins Gesicht.

Vertrauen ist mit riskanten Vorleistungen verbunden.

Vertrauen ist stets mit einer riskanten Vorleistung verbunden, an die Erwartungen geknüpft sind. Denn wer vertraut, gewährt einen ganz besonderen Kredit, einen Vertrauensvorschuss, den es einzulösen gilt. Das ist in den letzten Monaten nicht geschehen.

Es geht hier um mehr als Enttäuschung, das ganze „Mediensystem" sitzt auf der Anklagebank. Das ist fatal in Zeiten zunehmender politisch-gesellschaftlicher Polarisierung und kultureller Konfrontationen, die die gesamte politische Ordnung zu destabilisieren drohen.

Was tun? Zunächst einmal gilt es zu differenzieren: Nicht allein im Fall Köln sind es die lokalen Printmedien, die noch mit dem geringsten Vertrauensproblem zu kämpfen haben, weil sie schnell und oft ohne weltanschauliche Scheuklappen die Situation vor Ort dargestellt und kommentiert haben.

Die Konstruktion einer erwünschten, vermeintlich korrekten und von Misstrauen gegenüber der Verarbeitungsbefähigung ihrer Rezipienten geprägten Medienwirklichkeit findet sich dagegen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und Teilen der meinungsbildenden Blätter mit überregionalem Anspruch.

Unterentwickelte Sensibilität für Einstellungen und Ängste der Menschen

Was hier verblüfft, ist eine unterentwickelte Sensibilität für Einstellungen und Ängste der Mehrheitsgesellschaft oder die Situation der Polizei etwa. Zu viele glauben, keine Stimme mehr in „den" Medien zu haben, von ihnen bewusst ausgegrenzt oder als irrelevant angesehen zu werden.

Die wachsenden Meinungsexzesse im Netz lassen sich nicht mit einer allgemeinen Verrohung der Gesellschaft erklären, sie künden vielmehr von einem steigenden Frustrationspegel der „Unerhörten" und „Diskriminierten", die nicht mehr allein von den politischen Rändern her kommen. Deshalb bleibt es eine zentrale publizistische Aufgabe, hier gegenzusteuern.

Das allseits beliebte (Schein-)Argument von des „Volkes Stimme", der nicht nachzugeben sei, hat angesichts des Realitätsschocks und der Möglichkeiten digitaler Medien nur noch den Wert einer faulen Ausrede. Qualitätsjournalismus muss in facettenreicher gesellschaftlicher Feldforschung eine seiner vornehmen Aufgaben sehen.

Man mag es bedauern, aber innerpolitische, regionale und lokale Themen werden die journalistische Herausforderung der nächsten Jahre sein, nur hier lässt sich Vertrauen zurückgewinnen.

Es wirkt selektiv.

Die publizistische Vermessung der höchst unterschiedlichen Wirklichkeitsfelder und ihrer Themen wirkt äußerst selektiv. Dass die Realität auch mit ihren Schattenseiten dem Leser zumutbar ist, lässt sich in den aktuellen Artikeln zu „nordafrikanischen Migranten, seit Jahren bekannten Spielarten der Kriminalität und der Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen erkennen. Warum ist das jetzt erst möglich?

Die Kluft zwischen eigenwahrgenommener, „gefühlter" und medial vermittelter bzw. gewollter Realität war nie größer als heute. Das so zerbrechliche Vertrauensverhältnis ist mittel- oder langfristig weder mit Einordnungsvorschriften noch Belehrungen zu reparieren, sondern nur in der mündigen Überwindung selbstgeschaffener „Denk-, Sicht-, Sprachbarrieren" (Peter Schneider).

Wer ein Beispiel für wahrheitsgetriebenen, differenzierungsfähigen Aufklärungsjournalismus im Printbereich sucht, wird seit Wochen in der „Welt" fündig. Die Jahrhundertthemen Terror, Flucht, Migration, Integration brauchen einen geistig unabhängigen Journalismus ohne vorauseilende „Korrektheit" und noch so gutmeinende Schere im Kopf, sonst nehmen Demokratie und Zivilgesellschaft Schaden.

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