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10/12/2016 07:59 CET | Aktualisiert 11/12/2017 06:12 CET

Wer die Rentendebatte zu einer Generationendebatte macht, macht Politik gegen die junge Generation

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Die Frage, wie Altersvorsorge künftig organisiert und finanziert wird, betrifft im Wesentlichen nicht die heute über 60jährigen, sondern die Menschen, die sich jetzt in Ausbildung und im Arbeitsleben befinden.

Etwa ab 2030 gehen geburtenstarke Jahrgänge in Rente und Pension und unsere Lebenserwartung steigt. Das wird Geld kosten. Manche tun so, als würde eine Privatisierung dieser Kosten in Form kapitalgedeckter Systeme wie Betriebsrenten, Lebens-, Direktversicherungen und Riesterrente die junge Generation entlasten.

Gleichzeitig werden Horrorszenarien über den Anstieg der Beiträge zur Gesetzlichen Rentenversicherung an die Wand gemalt. In Wirklichkeit übersteigen die Kosten und Risiken kapitalgedeckter Altersvorsorge den Anstieg der Beiträge zur gesetzlichen Rente bei weitem.

Diese höheren Kosten (allein schon bedingt durch die mindestens vierfachen Verwaltungs- und Provisionskosten der Versicherungsgesellschaften) werden nach den vorliegenden Konzepten zum allergrößten Teil von den Versicherten, also den jetzt Jungen, getragen. Ohne massive steuerliche „Anreize", sprich milliardenschwere Subventionen, wird es angesichts der Nullzinsen und Finanzmarktrisiken kaum noch private Altersvorsorge geben.

Damit würde der Ausstieg aus der paritätischen, der solidarischen Finanzierung fortgesetzt, weil der Beitrag der Arbeitgeber dann - wie schon jetzt bei der Krankenversicherung - eingefroren würde. Mit Riester liegen wir schon heute bei einem Beitragsniveau von 22,7%, also 9,35% für den Arbeitgeber und 13,35% für die Versicherten. Weitere Altersvorsorgebeiträge kämen noch oben drauf.

Wer der jungen Generation wirklich helfen will, darf sie nicht auf diesen falschen und teuren Weg schicken.

Wenn wir jetzt die Weichen richtig stellen, können wir den Beitragsanstieg begrenzen und eine Rente gewährleisten, die den Lebensstandard im Rahmen des solidarischen gesetzlichen Systems annähernd, also bei einem Niveau von mindestens 50%, sichert.

Dafür muss zunächst sichergestellt sein, dass nicht beitragsgedeckte Kosten wie Ost-West-Angleichung und die Mütterrente über Steuern finanziert werden. Anstatt Steuermittel in die Subvention von Pensionsfonds und Versicherungen zu pumpen, sollten wir damit das gesetzliche System entlasten.

Wenn wir ab jetzt zusätzlich eine demografische Reserve in diesem System aufbauen und die Beiträge moderat anheben, kommen wir mit einem Gesamtbeitragsniveau von 22-24% durch die nächsten Jahrzehnte.

Mehr zum Thema: Aus Hungerlöhnen können keine Luxusrenten entstehen

Dies gilt immer nur für den Fall einer heute absehbaren, krisenfreien Entwicklung. Um das System dauerhaft zu stabilisieren, brauchen wir eine nachhaltige Strukturreform: den Übergang in die Erwerbstätigenversicherung. Dabei zahlen alle Erwerbstätigen, auch Selbstständige, Beamte und Berufspolitiker Beiträge in die gesetzliche Rente und erhalten entsprechende Leistungen. Niemand darf rückwirkend schlechter gestellt werden.

Wir wollen Ungleichbehandlungen zwischen Beschäftigtengruppen schrittweise beseitigen und Spitzenverdiener einbeziehen.

Dreh- und Angelpunkt der Alterssicherung ist der Arbeitsmarkt und die Gestaltung der Arbeitswelt. Flexibilisierung, Crowd- und Clickworking dürfen in Kombination mit dem Rentenrecht nicht zur weiteren Flucht aus der Solidargemeinschaft anreizen, also zur Umwandlung von sozialversicherungspflichtiger Arbeit, z.B. in Scheinselbständigkeit und Minijobs. Die Gerechtigkeit verlangt, dass jede Arbeitsstunde ordentlich bezahlt und rentengesetzlich gleich behandelt wird.

Gerade die junge Generation braucht Ordnung auf dem Arbeitsmarkt statt Warteschleifen, Dauerpraktika, Befristung, Leiharbeit und Niedriglohn; wir brauchen starke Gewerkschaften mit besserem Tarifrecht, handlungsfähige Betriebsräte und angemessene Löhne. Alles das sichert mit Beiträgen auch die Rentenversicherung und die Ansprüche im Alter.

Mehr zum Thema: Wir Jungen dürfen uns nicht eintrichtern lassen, wie unsere Rente aussehen soll

Es muss auch Schluss sein damit, junge Beschäftigte ständiger Leistungsverdichtung und Dauerstress auszusetzen! Sie sollen schließlich das gesetzliche Rentenzugangsalter produktiv und gesund erreichen. Hört auf mit einer Politik gegen die Jungen, die den Generationenvertrag aufkündigt und stattdessen die Finanzmärkte weiter aufbläht.

Sorgt stattdessen dafür, dass niemand, der /die jahrzehntelang gearbeitet und Beiträge gezahlt hat, am Ende in Altersarmut landet!

Sorgt dafür, dass die Renten für alle an die allgemeine Wohlstands- und Lohnentwicklung angekoppelt bleiben. Sorgt dafür, dass die zusätzliche private Vorsorge, sei es durch Betriebsrente oder Lebensversicherungen, transparent und sicher gestaltet wird! Sie sollen ein echtes Plus zur gesetzlichen Rente darstellen anstatt als Krücke für ein ausgehöhltes Solidarsystem zu dienen!

In einem Sozialstaat, wie er in der Verfassung der Bundesrepublik verankert ist, kann es auch in Zeiten demografischen Wandels nicht vom Zeitpunkt der Geburt abhängen, ob eine Generation durch ein gesetzliches System der Altersvorsorge an die allgemeine Wohlstandsentwicklung angekoppelt bleibt. Es ist Aufgabe der Politik, dies über geeignete Verteilungsmechanismen sicherzustellen.

Ein Blick auf die gesamte Wertschöpfung unserer Volkswirtschaft zeigt, dass die Spielräume existieren.

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