BLOG
17/11/2015 11:12 CET | Aktualisiert 17/11/2016 06:12 CET

Flüchtlingskrise: Warum Hilfsbereitschaft alleine nicht ausreicht

Klaus Vedfelt via Getty Images

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Als ich zum ersten Mal bewusst einen „Flüchtling" getroffen habe, war ich im zweiten Schuljahr. In unsere Klasse kam Davor, dessen Vater sich und seinen Sohn nicht im zerfallenden Jugoslawien erschießen lassen wollte.

Wo Davors Mutter war, weiß ich nicht. Davor und sein Vater waren im Hotel W. untergebracht, einer kleinen Absteige, von der mir damals schon schleierhaft war, wer - außer Flüchtlingen - dort wohnen sollte.

Die Ansage in der Schule war klar:

In der Heimat unseres neuen Klassenkameraden ist Krieg, er konnte nichts mitnehmen, er braucht Kleidung und Schulsachen. Es gehört zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen - ich war damals sieben Jahre alt - wie ich in den folgenden Tagen mit meiner Mutter am Küchentisch saß und wir überlegten, was ich von meinen Sachen abgeben kann - ein Plüschtier, ein Spielzeug, eine Hose - und was wir für Davor kaufen würden: Buntstifte, Hefte, Sunkist für den Schulhof.

Irgendwie war mir dabei feierlich, fröhlich und wichtig zumute. Der Mensch, auch der kleine, ist ja gerne Wohltäter und wärmt sich am Gefühl des Gebrauchtseins.

Meinen Mitschülern, oder zumindest vielen von ihnen, ging das wohl ähnlich. Innerhalb von einer Woche hatte Davor: einen Schulranzen, Tupperdose, Füller, Hefte, Block und Zeichenstifte, neue Schuhe, einen Satz Kleider. Wir waren sehr stolz auf unser Werk.

Reihum luden wir Davor nachmittags zum Spielen ein, denn Anschluss braucht er, hatte die Lehrerin gesagt, und meine Mama fand das auch.

Ein paar Wochen ging es wohl gut.

Ich weiß nicht genau, wie viele, denn man merkt sich mit so viel Abstand ja nur Besonderes und Einschneidendes. Und das Einschneidende war, dass Davor eines Tages auf dem Schulhof eine Schlägerei anzettelte und uns als „Scheißdeutsche" beschimpfte.

In dem Moment war für uns klar: das Experiment war gescheitert. Wir hatten uns wie die besten Menschen verhalten und als Quittung bekammen wir: einen Deutschen-Hasser.

Ich weiß nicht, was aus Davor geworden ist; ich erinnere mich nicht, wie lange er noch in unserer Klasse war und noch weniger weiß ich, wo er heute ist, ob in Deutschland oder auf dem Balkan oder irgendwo ganz anders, ob er immer noch Wut auf Deutsche hat oder sie schätzt.

Ich könnte meine Mutter fragen, um Antworten zumindest auf einen Teil meiner Fragen zu bekommen, aber darum geht es mir gar nicht.

Was ich sagen will, ist Folgendes:

Ans Helfen geht der Mensch, wenn er nicht ganz verquer geraten ist, mit einer kindlichen Begeisterung. Und gefällt sich auch selbst darin! Warum auch nicht, „helfen" ist ja ein schönes Projekt. Was dabei sicher nicht nur bei Davor aus dem Blick gerät, ist oft der, dem geholfen werden soll.

Was wussten wir schon darüber, was unser neuer Spielkamerad wirklich gesehen hatte, wie er seine Situation wahrnahm. Natürlich waren wir ein Segen, einerseits. Andererseits stand er vielleicht auch nicht auf pinke Schulranzen und grüne Cordhosen und schämte sich für das dunkle Hotelzimmer, in das er niemanden einladen konnte, und musste dafür noch ständig dankbar sein.

In der Schule konnte er dem Stoff nicht folgen, weil er die Sprache vorher nie gehört hatte, und seine Mutter war auch nicht da, aus welchen Gründen auch immer. Also: die Sache ist komplizierter, als man in der ersten Euphorie meint. Nun ist aber die Frage: Ist das schlimm? Und ist das so schlimm, dass es nicht verkraftbar wäre?

Heute begegnet uns diese Frage in abertausendfacher Ausführung. Davor mal eine Million. Das heißt nicht, dass in jedem von ihnen ein Rabauke lauerte, der uns bald Ärger machen wird.

Es bedeutet aber eine verdammt große Anzahl von Einzelschicksalen, auf die wir uns einstellen müssen, mit denen wir umgehen müssen, die unsere Aufmerksamkeit brauchen, und das länger als nur bis zum ersten Satz Hefte und Kleidung. Das ist eine riesige Herausforderung und es wäre naiv, zu glauben, mit ein bisschen Applaus am Münchner Bahnhof wäre die Sache getan.

Wir brauchen mehr Menschlichkeit

Im Gegenteil: Sie ist kompliziert, und sie erfordert Einsatz. Trotzdem - und gerade deshalb - ist es richtig, sie mit Menschlichkeit anzugehen.

Wer sucht sich das Flüchtlingsschicksal schon aus? Für Davor gab es damals keine Alternative, wenn man Sterben einmal nicht mitrechnet und die permanente Angst davor auch nicht. Heute ist das nicht anders.

Die Menschen wollen nur ein besseres Leben? Ach, bitte. Jeder Sachsen-Anhaltiner, jeder Mecklenburger, der an seiner Scholle klebt und den Weg nach Bayern nicht auf sich nehmen will, kann doch ein Lied von der Heimatverbundenheit singen.

Und der Syrer, der Eritreer können sich nichts Schöneres vorstellen als unser kaltes Land? Diese Menschen sehen für sich keine andere Möglichkeit, und sie werden einen Weg finden.

Was dann passiert, hängt in großen Teilen von uns ab. Wie wir sie ver- und aufteilen. Wie schnell wir ihnen unsere Sprache beibringen. Wie viel Durchhaltevermögen wir haben. Und: wie wir ihnen begegnen, was wir von ihnen erwarten, wie sehr wir uns mit ihnen auseinandersetzen.

Wir brauchen Realismus statt blinder Euphorie genauso, wie wir Realismus statt Panikmache brauchen. Noch einmal der Blick zurück: „Der Flüchtlingsstrom aus Jugoslawien ist kaum mehr zu bewältigen", schrieb der „Spiegel" im Dezember 1991. 260.000 Asylsuchende waren in dem Jahr nach Deutschland gekommen, im Folgejahr sollten es noch einmal 440.000 werden.

Rückblickend sind das beeindruckende Zahlen: Fast eine halbe Million Menschen zusätzlich pro Jahr in einem gerade wiedervereinigten Land. Der Abgleich mit der individuellen Wirklichkeit hingegen ist ziemlich undramatisch. Was hat sich an meinen persönlichen Lebensumständen damals verändert? Nichts.

Der Umgang mit der Krise

Ob das so bleibt, ist nicht garantiert. Jeder, der ehrlich ist, muss zugeben, dass es mit der Flüchtlingskrise ist wie mit dem Ölpreis, dem Aktienkurs, dem Wetter: wir können Prognosen wagen, wir können Maßnahmen ergreifen, aber eigentlich weiß es keiner so genau. Sicher ist nur: Wie wir mit der Krise umgehen, spiegelt uns selbst wider.

Wenn wir Asylantenheime anzünden, wenn wir Flüchtlinge verprügeln, wenn wir zulassen, dass selbsterklärte „Asylkritiker" in Berliner U-Bahnen auf kleine Kinder pinkeln, dann geben wir ein extrem hässliches Bild ab. Nicht nur gegenüber anderen - gegenüber uns selbst. Wenn das unser Land ist, was genau wollen wir dann eigentlich vor der „Invasion" schützen?

Wir brauchen nicht Realismus statt Hilfsbereitschaft. Wir brauchen ihn zusätzlich. Damals in der zweiten Klasse haben wir uns Mühe gegeben, und wir haben etwas dafür zurückbekommen: ein Gemeinschaftsgefühl, die Möglichkeit, uns selbst ein bisschen zu bewähren, Verantwortung zu übernehmen. Und die Gewissheit, das Richtige zu tun.

Der Erfolg, die Rückmeldung war mittelfristig nicht so positiv, wie wir uns das erwartet hatten. Das kommt vor. Vielleicht wären etwas weniger Überschwang, Selbstbeweihräucherung, Erwartungsaufbau geraten gewesen.

Vielleicht auch psychologische Betreuung für unseren Klassenkameraden. All das sind Themen für die Erwachsenen, für uns heute, und wir werden nicht darum herumkommen, uns damit zu befassen.

Um unserer selbst willen jedoch kann Angst dabei nicht der Ratgeber sein, darf Hetze nicht die Stimmung sein, die unser Land dominiert. Als Menschen haben wir für Menschen in Not Verantwortung, das muss aller Nüchternheit zugrunde liegen.

Meine erste "Flüchtlingserfahrung" war durchaus zwiespältig. Es ändert nichts daran: Ich würde jedes Kind ermutigen, seine Plüschtiere zu teilen.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Schock Moment: Vier Flüchtlinge kletterten in einen LKW - und bekamen den Schock ihres Lebens

Lesenswert:

Hier geht es zurück zur Startseite