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15/11/2015 09:58 CET | Aktualisiert 15/11/2016 06:12 CET

"Wir müssen unsere Einigkeit bewahren"

dpa

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Großes Entsetzen, tiefe Trauer und Schmerz empfinden wir in diesen Tagen, wenn wir mit unseren Gedanken bei unseren französischen Nachbarn, den Opfern und ihren Familienangehörigen sind. Nicht nur wir Europäer trauern mit Frankreich, sondern auch viele andere Menschen auf der Welt, die die extremistisch motivierten Attentate als Angriff auf die Menschlichkeit empfinden.

Nicht nur die Trauer um die unschuldigen Opfer von Paris beschäftigt mich heute, sondern auch die Sorge um die gesellschaftlichen und politischen Folgen dieser grausamen Tat. Ich denke an die rechtspopulistischen Kräfte in ganz Europa, die diese Katastrophe nutzen, um Ängste zu schüren.

Der Sündenbock für Terrorismus

Die sich einen Sündenbock suchen, um die Komplexität der Bekämpfung von Terrorismus täuschend einfach erklären zu können. Vor allen Dingen denke ich an meine muslimischen Freunde und Mitmenschen, von welchen ich weiß, dass sie jetzt schon die Befürchtung haben, wieder einmal im Fokus der gesellschaftlichen und medialen Debatte zu stehen.

Ich denke darüber nach, wie es sein muss, wenn man sich deutsch fühlt, die Werte dieses Landes schätzt, sich an Gesetze hält und sich dennoch ständig für seinen Glauben, der doch etwas Persönliches, Eigenes oder auch Intimes sein dürfen sollte, öffentlich rechtfertigen muss.

Wer gibt mir eigentlich als Christ das Recht, von Muslimen zu verlangen, sich von extremistischen Taten zu distanzieren, die sie doch genauso wie ich auf das Schärfste verurteilen?

Aber ebenso stelle ich mir die Frage aus der Sicht eines Christen, was mir die Befugnis gibt über extremistische Christen zu sagen, sie hätten aufgrund ihrer gewaltverherrlichenden Taten kein Recht darauf, Christ zu sein? Ich glaube nicht, dass das eine Entscheidung ist, die ich als Mensch zu treffen habe.

Extremistisches Gedankengut

Natürlich dürfen wir nicht die Augen davor verschließen, dass es auch in unserem Land extremistisches Gedankengut gibt, das sich auf den Islam beruft und dem wir entgegentreten müssen.

Im gleichen Atemzug müssen wir aber auch über diejenigen reden, die gegen den Islam und unsere muslimischen Mitmenschen und gar Flüchtlinge hetzen, zu Gewalt bereit sind und sich dabei auf christlich-abendländische Werte berufen. Sie alle glauben sich so fern zu sein und doch sind sie sich so nah.

Unsere Aufgabe liegt dennoch nicht darin über diese Menschen zu urteilen, sondern darin, sie von friedlichen Alternativen zu überzeugen. Wir müssen es schaffen, die theologische Debatte von der politischen zu unterscheiden. Denn die theologische Debatte kann nur von den Glaubensanhängern selbst geführt werden.

Extremisten instrumentalisieren uns

In diesen Zeiten müssen wir zeigen, dass wir nicht zulassen werden, von Extremisten für ihren Kampf gegeneinander instrumentalisiert zu werden. Wir sollten davon absehen, uns in einem Rechtsstaat als Christ und Moslem voneinander zu separieren und uns stattdessen als Bürgerinnen und Bürger verstehen, die alle gleichermaßen den Vertrag eingegangen sind, das Grundgesetz zu schützen und für Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte zu kämpfen.

Ein Blick in unsere pluralistische Gesellschaft zeigt eine Geschlechter-, Generationen-, sowie Meinungs- und Glaubensvielfalt, die uns - nach dieser einzigartigen und friedlichen Wiedervereinigung, die gerade einmal 25 Jahre jung ist und um die uns viele Länder dieser Welt beneiden - nicht nur zu einer der wirtschaftsstärksten, aber auch zu einer der freiheitsliebenden und verantwortungsbewussten Nationen der Welt gemacht hat.

Die Flüchtlingszahlen, die keine Masse, keine Flut und auch keine Lawine, sondern Individuen darstellen, bestätigen, dass Menschen sich ganz bewusst für Deutschland entscheiden - und das nicht nur aus Gründen des Schutzes und der finanziellen Unterstützung, sondern weil sie in erster Linie in Deutschland eine wirkliche Zukunft für ihr Leben und das ihrer Familie erkennen.

In unserer ganzen Wut, die menschlich ist, sollten wir uns vor Augen halten, dass Hass keine Antwort auf Hass sein kann. Denn Hass nimmt ein, bestimmt, zerstört, sät neuen Hass. Wir müssen offene Dialoge über Chancen aber auch Ängste zulassen, Versäumtes erörtern und über neue politische und gesellschaftliche Handlungsoptionen debattieren.

Aber zuallererst unsere Einigkeit bewahren.

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