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09/12/2017 08:17 CET | Aktualisiert 11/12/2017 04:27 CET

Ich lebe mit 21 Persönlichkeiten - das passiert, wenn eine davon meinen Körper übernimmt

Es war im Jahr 1995, als ich die Diagnose "multiple Persönlichkeitsstörung" bekam. Meine Hauptpersönlichkeit spaltet sich in viele Teile auf. Danach habe ich jedoch keine Erinnerung mehr daran.

Ich habe keine Kontrolle über das Umschalten meiner Persönlichkeiten. Es passiert schnell und spontan. Es ist wie Schlafwandeln.

(Im Video oben: Mit diesem einfachen Test findet ihr heraus, ob ihr schizophren seid)

Andere Menschen sagen dir, du stehst mitten in der Nacht auf und isst Kuchen - aber du kannst dich an nichts davon erinnern. Das ist schwer zu verstehen, bis du dich auf die Waage stellst und feststellst, dass du zugenommen hast.

Für mich ist die Amnesie normal - ich kenne mein Leben nicht anders. Die Aufspaltung meiner Persönlichkeiten begann schon, als ich ein junges Mädchen war. Die größte Herausforderung war für mich dabei immer, mit der Amnesie fertig zu werden.

Heute schaffe ich das besser als jemals zuvor. Mit der Hilfe meines Therapeuten und der Kunst schaffe ich es, meine Erinnerungslücken zu schließen.

14 meiner Persönlichkeiten malen

Alles hat im Jahr 2004 angefangen. Damals verbrachte ich viel Zeit mit einer Hilfskraft, der gerade zum Kunsttherapeuten ausgebildet wurde. Er fand heraus, dass fünf meiner Persönlichkeiten großes Interesse für das Malen hatten.

Ich begann also, zu malen. Zuerst waren es nur Kinderzeichnungen, aber einige Monate später wurde mir ans Herz gelegt, die Kunst ernster zu nehmen. Ich kaufte also einige Leinwände und Acrylfarbe. Seitdem geht es bergauf.

Heute malen 14 meiner Persönlichkeiten. Ich hatte über 70 Gruppen- und Soloausstellungen - auch international.

Jeder Künstler, der sich in mir befindet, hat einen eigenen, unverkennbaren Stil. Sie alle verwenden verschiedene Farben, haben verschiedene Themen. Sie malen einsame Wüsten, abstrakte Figuren und Bilder mit traumatischen Inhalten. Ich erkenne jeden an seinem Stil - das hilft mir, ihre Handlungen nachzuvollziehen, wenn sie meinen Körper übernehmen.

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Ich weiß, dass die Kunst auf mich therapeutisch wirkt

Vier meiner künstlerischen Persönlichkeiten stellen ihre Kunstwerke gerade gemeinsam aus. Ich habe ihnen Namen gegeben: Judy, Anon, Karen und Ria.

Anon malt mitten in der Nacht - gerne mit dickflüssiger Acrylfarbe. Sie schüttet sie einfach über die Leinwand.

Judy ist 15 Jahre alt und hat eine Essstörung. Sie will nur auf großen Leinwänden malen - damit fühlt sie sich schlanker. Sie hat ein schlechtes Körperbild von sich selbst.

Mehr zum Thema: Ängste, Schmerzen, Todesangst - Warum multiple Persönlichkeiten innere Lebensretter zum Überleben brauchen

Ria ist ungefähr 12 Jahre alt und ihre Bilder zeigen Missbrauchserfahrungen. Aber sie malt trotzdem mit hellen Farben. Und Karen ist ein sehr schüchternes, ruhiges Mädchen. Sie redet nicht viel, aber hat große Freude am Malen.

Ich mag die Kunst der vier Frauen - aber ich kann nicht sagen, ob ich ihre Persönlichkeiten mag. Ich mag Judy's rebellische Art. Manchmal hinterlasse ich ihr Notizen, in denen ich ihr Vorschläge zu ihren Bildern mache. Damit hat sie jedoch ein Problem, sie will nicht dass ich ihr in die Kreativität hineinpfusche.

Sie hinterlässt mir dann wiederum eine Notiz und schreibt mir, ich solle mich doch um meine eigenen Dinge kümmern. Ich weiß nicht, ob ich sie gerne treffen würde.

Ich weiß, dass die Kunst auf mich therapeutisch wirkt.

Weil ich es nie gelernt habe, zu malen, kommt meine Arbeit nur aus mir und meinen Persönlichkeiten. Sie kommt aus unseren Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen. Es ist unser Weg, miteinander zu kommunizieren und uns kennen zu lernen. Durch die Kunst lerne ich, die Personen, die in meinem Körper leben, besser zu verstehen. Sie gibt mir das Gefühl, trotzdem eine Person zu sein.

Ich schätze, es ist ähnlich, wie in sein Unterbewusstsein zu gelangen. Nur dass mein Unterbewusstsein ein physisches Wesen ist, das seine eigenen Persönlichkeiten und seine eigene Kunst hat.

Der Beitrag erschien zuerst bei HuffPost UK, wurde von Franziska Kiefl übersetzt, gekürzt und dem Verständnis angepasst.

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