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03/01/2017 10:15 CET | Aktualisiert 04/01/2018 06:12 CET

Ich musste erst Mutter werden, um meine Stimme als Frau zu finden

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Ich hatte noch nie Schwierigkeiten mit Wörtern. Meinen Eltern nach konnte ich schon mit 18 Monaten ganze Sätze sprechen. Mit zwei korrigierte ich die Aussprache meiner Oma, wenn sie "Nikolaus" sagte.

Wörter zu finden war einfach. Meine Stimme jedoch nicht. Ich habe sie erst als Mutter gefunden.

Ich war eine schüchterne, junge Frau. Meine Legasthenie machte mir das Leben in der Schule und auch außerhalb schwer, deswegen wurde ich extrem vorsichtig. Ich hatte fürchterliche Angst, dass wenn ich meinen Mund aufmachte, die Leute merken würden, wie dumm ich eigentlich bin.

Ich wäre lieber gestorben, als dass ich jemanden hätte wissen lassen, was ich dachte oder fühlte.

In meinen 20ern und Anfang 30 wurde ich langsam selbstbewusster. Ich habe gelernt, dass ich eine intelligente, fähige Frau bin. Ich bin wertvoll, und meine Stimme ist es auch. Aber ich musste immer noch daran arbeiten, mich zu behaupten. Ich war immer noch zu sehr darauf bedacht, gemocht zu werden und als das „gute Mädchen" durchzugehen.

Dann hatte ich meine erste Fehlgeburt. Dann meine zweite, dritte und vierte. Plötzlich war ich nur noch die Patientin, die nicht mal ein gesundes Kind zur Welt bringen konnte. Als ich zwei Jahre nach meiner ersten Fehlgeburt endlich meinen neugeborenen Sohn in den Armen hielt, war das Bild des guten Mädchens, an dem ich so lange gearbeitet hatte, nichts mehr wert. Wenn ich merkte, dass sich etwas nicht gut anfühlte, rief ich meinen Arzt an. Meine Angst davor, dumm dazustehen oder die Angestellten in der Praxis zu nerven, wurde überschattet von der Angst um die Gesundheit meines ungeborenen Babys.

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Ich habe alles, was ich zu Fehlgeburten finden konnte, gelesen. Wenn mir ein Spezialist empfohlen wurde, habe ich ihn angerufen und mit Fragen bombardiert. Die Leute haben mir geantwortet, und ich stellte fest, dass meine Begabung, die richtigen Worte zu finden, mir dabei half, mit Menschen umzugehen und die Informationen zu bekommen, die ich brauchte.

Als mein Sohn älter wurde, merkte ich, dass meine Begabung wieder einmal half, als klar wurde, dass die sprachliche Entwicklungen meines Sohnes verzögert war. Ich hatte keine Angst davor, nach der Hilfe zu bitten, die er brauchte. Ich fand es nicht mehr schlimm, Ärzten und Beratern meine Fragen zu stellen. Ich tat es, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Es überraschte mich vor allem, dass Menschen mir wirklich zuhörten. Ich fand, dass die Ärzte, Lehrer und Therapeuten meinen Fragen und Bedürfnissen sehr offen begegneten.

Sie sahen in mir nicht das scheue, legasthenische Mädchen. Sie sahen eine intelligente, belesene Mutter, die alles dafür tun würde, um die nötige Hilfe für ihre Kinder zu bekommen. Und wenn ich den Eindruck hatte, nicht ernst genommen zu werden, habe es die Leute wissen lassen und andere Kliniken und Beratungsstellen gesucht.

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Ich war nun eine Mutter, und so etwas Banales wie die Angst, für dumm gehalten zu werden, stand mir nicht mehr im Weg, um mich vernünftig um meine Kinder zu kümmern.

Es stellte sich heraus, dass diese Eigenschaft sehr nützlich wurde, denn alle unsere drei Kindern haben Lernschwierigkeiten. Vor allem meine Tochter braucht viel Aufmerksamkeit.

Ich wurde zur Verfechterin meiner Kinder und sehe nun, dass sie Dinge erreicht haben, von denen andere gesagt haben, dass sie sie niemals schaffen würden.

Ich wurde vielleicht mit einer Begabung für Wörter geboren, aber als ich Mutter wurde, habe ich auch meine Stimme gefunden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Kathys Seite, My Dishwasher's Possessed! Und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt.

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