BLOG
28/02/2016 08:51 CET | Aktualisiert 28/02/2017 06:12 CET

Wenn dir niemand zeigt, wie du das Lachen lernst...

NADOFOTOS via Getty Images

Was tust du, wenn etwas passiert, was dein Leben verändert? Wenn es gut ist, behalte es. Wenn es schlecht ist, lasse es los.

Zu einfach? Richtig, denn manche Dinge kann man nicht loslassen, aber versuchen sollte man es trotzdem. Zumindest versuche ich das jeden Tag. Aber ich weiß, dass man oft einiges - nicht ganz freiwillig - mit sich trägt und es nicht einfach loslassen kann.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Ich war 14 Jahre alt, als meine Mutter krank geworden ist. Die Krankheit Depressionen - aus meiner Sicht - eine der schlimmsten psychischen Erkrankungen. Depressionen können tödlich enden. Meine Mutter zumindest wollte sich in Lebensgefahr bringen.

Es ist nie zu einem Unfall, Vorkommnis oder Selbstmordversuch gekommen - zum Glück. Aber all diese Bilder, Erinnerungen und Gedanken trage ich bis heute mit mir herum. Ich denke daran, wenn ich einen Fön höre. Ich denke daran, wenn ich ein Seil sehe. Ich kenne mich mit all den Tabletten aus. Und ich wünschte, ich müsste es nicht.

Bilder, die man nie vergisst

Das sind Bilder, die ich mein Leben lang niemals vergessen kann und ihr auch niemals verzeihen werde, zumindest denke ich das jetzt.

Was machst du als 14-Jährige, wenn deine Mutter im Bett liegen bleiben will. Wie erklärst du deiner Mutter, dass das Leben schön ist? So schön, dass man sich nicht umbringen sollte.

Wie kannst du als 15- Jährige zur Schule gehen und mit den anderen über Tattoos, Jungs, Noten, Lehrer reden, wenn deine Mutter zu Hause weint? Wie kannst du um sechs aufstehen, wenn du bis fünf das Weinen gehört hast ?

Wie kannst du als 16-Jährige nachts feiern gehen, wenn du Angst haben musst, dass später die Polizei oder der Krankenwagen und der Notarzt vor der Tür stehen wird. Wie kannst du das ertragen?

Wie kannst du als 17-Jährige noch hoffen, dass die Krankheit irgendwann vorbei ist und dann alles gut wird?

Wie kannst du als 18-Jährige dein Abitur machen, während deine Mutter erneut in eine Krise stürzt, weil dein Opi, ihr Vater gestorben ist?

Wie kannst du als 19-Jährige ausziehen? Wie sollst du all diese Jahre, diese Stunden, diese Erinnerungen, diese Bilder vergessen?

Wie kannst du als 20-Jährige deinen Weg gehen, wenn dir nie jemand gezeigt hat, wie das geht?

Jeder muss sich selbst finden

Die Antwort kann ich dir nicht sagen. Denn jeder muss sie selbst finden. Aber es geht. Und ich wünsche keinem, dass er diese Fragen beantworten kann. Denn das hieße, er habe ähnliches durchgemacht.

Ich bin heute 21 Jahre alt und habe bisher alles erreicht, was ich erreichen wollte. Damit meine ich Abitur, Studium, einen Hund erziehen, die erste große Liebe finden und sie behalten, die besten Freundinnen haben. Eben glücklich sein. Ich habe das Lachen dank dieser Menschen nie verlernt. Trotz der Krankheit meiner Mutter und dieser Vergangenheit, die ich, wenn ich es mir aussuchen könnte, gerne ersetzen würde.

Denn ich bin ernster als andere. Ich bin bestimmt auch trauriger als andere. Und ich bin nicht so mutig wie andere. Ich denke oft an die Vergangenheit und, wenn es um meine Mutter geht auch sorgenvoll in die Zukunft.

Ich kann nicht einfach weggehen und durch die Welt reisen. Ich kann nicht einfach loslassen und feiern. Ich kann die Kontrolle nicht verlieren. Ich kann vieles nicht.

Ich trage seit dem ich 14 bin noch die Angst mit mir herum, dass meine Mutter sich irgendwann umbringen könnte

Und vor allem kann ich vieles nicht loslassen. Ich trage seit dem ich 14 bin noch die Angst mit mir herum, dass meine Mutter sich irgendwann umbringen könnte. Ich trage immer noch die Bilder, Erinnerungen in meinem Kopf, die mich nicht loslassen. Ich kann immer noch nicht ausgelassen feiern, obwohl ich längst nicht mehr zu Hause wohne.

Ich kann immer noch nicht den Winter genießen, obwohl ich ihn eigentlich liebe. Aber Winter bedeutet für mich, seit fast zehn Jahren Dunkelheit. Ich kann keine Witze über Suizid hören. Ich kann keine Filme sehen, in denen sich jemand erhängt - egal ob Devious Maids oder Tatort. Ich kann vieles nicht und mich begleitet die Vergangenheit trotz meiner Therapie.

Loslassen: Die wichtigste Lektion

Aber gleichzeitig kann ich vieles und ich habe viel erreicht. Ich kann gut zuhören. Ich kann gut trösten. Viele sagen, ich sei sehr empathisch, sehr verständnisvoll und vor allem eine gute Freundin. Ich bin sehr zielstrebig und ich habe alles erreicht, was ich wollte. Und das wichtigste: Ich glaube an meine Zukunft.

Worauf ich hinaus will? Egal, was du mit dir herumträgst wie schlecht und wie dunkel es ist, versuch es - eben so gut es geht - loszulassen und versuche das Leben zu genießen, denn es ist schön.

Auch auf HuffPost:

Psychische Probleme und Depression: Stress im Mutterleib hat lebenslange Folgen

Lesenswert

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.