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05/04/2016 12:26 CEST | Aktualisiert 06/04/2017 07:12 CEST

Das ist die traurige Wahrheit über ein Leben auf der Straße

Paul Bradbury via Getty Images

Obdachlose sind auch nur Menschen. Menschen mit einer traurigen Vergangenheit.

Auf die Frage nach seinem Namen antwortet er: „Mein Straßenname ist Louis." Eigentlich heißt er Nicolas D. (Name geändert) - oder besser hieß. Aber darauf kommt er so schnell nicht. Die Zeit, in der er so genannt wurde, ist schon lange her.

Nicolas wurde 1988 in einem kleinen Ort bei Kiel geboren, Eckernförde. „Dort gibt es einen wunderschönen Strand." Doch auch wenn du das Meer vor der Tür hast, heißt das nicht, dass du glücklich sein musst.

"Wenn du das Meer anschaust, fühlst du dich frei."


„Das Meer rauscht, es riecht, es ist wild und es ist frei. Genauso fühlst du dich, wenn du es anschaust. Wenn du vor dem Meer stehst, dann fühlst du dich frei. Doch die Wellen, der Wind, lassen Gedanken und Erinnerungen nur für eine kurze Weile verschwinden. Die Wellen nehmen keine Erinnerungen. Erinnerungen behältst du dein Leben lang- auch die schmerzhaften."

Nicolas ist heute 1.80 m groß, er ist blond und trägt eine Mütze über die zerzausten Haare. Eigentlich sieht er normal aus. Er ist auch normal. Doch wenn er sich auf eine Wiese setzt, so wird er komisch angeguckt oder (un-)freundlich gebeten wegzugehen.

Er ist ein 28-Jähriger, der sich mit 14 Jahren entschieden hat auf der Straße zu leben. Nicolas kannte es nicht anders. Sein Leben lang war er auf sich allein gestellt. Über seine Kindheit zu reden fällt ihm schwer. Über schlechte Dinge redet man nicht gerne. Was willst du auch erzählen? Wer will es hören? Und wie drückst du Gefühle aus, die du selbst verdrängt hast.

Gefühle, Erinnerungen, Bilder, Momente, die du mit dir herumtragen musst, weil du sie nicht loslassen kannst. In seinen Augen siehst du ihn, den Schmerz. Du kannst erahnen, dass sein Leben nicht leicht war- oder ist. Und seine Geschichte? Traurig.

Heimatlos. Haltlos. Hoffnungslos.


Wie fühlt man sich wohl, wenn man alleine ist. Wenn man richtig alleine ist. Wenn man keine Mama hat, die für einen da ist. Wenn man keine Mama hat, die einem ein Pflaster auf das verwundete Knie klebt, die einen tröstet.

Wie fühlt sich ein Leben ohne Eltern an?

Die Mutter, die dir ein Buch zum Einschlafen vorliest. Eben die Frau, auf die du dich immer verlassen kannst. Wie fühlt es sich an, wenn du keinen Papa hast? Keinen, den du rufen kannst, wenn du krank bist. Wenn du keinen Papa hast, der dich Huckepack trägt, mit dem du Fußball spielst. Keinen Papa mit dem du die Sterne beobachtest und vom Fliegen träumst. Wie fühlt sich ein Leben ohne Eltern an? Wer soll dir das Schwimmen im Meer beibringen?

Wie bringst du einem Kind, einem unschuldigen fünfjährigen bei, dass er nicht bei seiner Mama bleiben darf. Dass er keine Mama hat, die stark genug ist ihm vorzulesen. Wie bringst du einem sechsjährigen bei, dass er erstmal nicht zu seinem Vater darf.

Und Wie fühlst du dich, wenn du anfängst zu verstehen, dass deine Eltern heroinabhängig waren. Was passiert, wenn du das irgendwann realisierst? Wenn du alt genug bist zu verstehen, was die Aufgabe von Eltern sein sollte- und, was deine vermasselt haben. Was, wenn deine Eltern dir keine Wege gezeigt haben mit Kummer und Sorgen umzugehen. Was, wenn du keine Eltern hattest. Was, wenn deine Eltern zum falschen Vorbild werden.

Gezeichnet, ein Leben lang.


Nicolas ist „mehr im Heim groß geworden als zu Hause". Er musste früh lernen, dass nicht jede Mutter auf ihren Sohn aufpassen kann. Zu früh. Mit 14 entschied sich Nicolas nicht mehr Nicolas zu sein. Er wurde zu Louis. Er entschied sich ein eigenes zu Hause aufzubauen- auf der Straße.

„Ich hatte die Wahl, weil ich nicht mehr ins Heim zurück wollte, bin ich auf die Straße gegangen." Louis weiß nicht genau, wann er glücklich war. Louis weiß nicht genau ob das Leben schön sein kann, ob es schön werden kann. Louis unterdrückte das Gefühl des Alleine seins mit Heroin. Man will nicht so sein wie seine Eltern, man will nicht dieselben Fehler machen. „Aber manchmal kommst du da einfach nicht raus, nicht allein."

Das ist der rote Faden in seinem Leben, die illegale Droge Heroin. Die Linien und Narben zeichnen seine Arme. Es ist ein Betäubungsmittel, das schnell abhängig macht.

„Bist du einmal dran, kommst du nicht mehr los." Heroin versaute sein Leben. Seine Kindheit. Seine Jugendzeit. Sein hier und jetzt. Und egal, was diese Droge mit ihm und seinem Leben gemacht hat: Es hat ihm seine Kindheit bei seiner Mutter genommen, das Gefühl von Liebe, Geborgenheit und Heimat.

Es ist ein Gift, das tötet. Es hat einem Freund das Leben genommen. Und er war dabei. „So etwas verkraftet man nie. Er hatte Schaum vor dem Mund und ehe der Notarzt kam, verstarb er in meinem Arm, dieses Bild werde ich nie los."

All dieses sollten Gründe sein Heroin zu hassen, doch er ist abhängig. Er kommt nicht los und so nimmt es Louis seine Gegenwart. Nicht nur, dass er sich strafbar macht und selbst nicht mehr zählen kann, wie oft er im Gefängnis war. Es nimmt ihm sein letztes Geld. Seine Gesundheit. Sein Leben. Und trotzdem braucht er diese Droge, um den Schmerz, das Gefühl des alleine seins, des Scheiterns zu betäuben.

Das Meer nimmt einem die Gedanken, Erinnerungen eben nur für einen kurzen Moment mit. Doch im selben Moment spült es die schmerzhaften Erinnerungen zurück und es überrollt dich eine Welle. Und, wenn du nie gelernt hast zu schwimmen, dann gehst du unter. Wenn dir niemand zeigt wie du schwimmen sollst und niemand dir sagst, dass du schwimmen kannst. Dann traust du dich auch nicht einfach in die Wellen zu stürzen, denn du könntest ja untergehen.

Schutzengel


Louis musste früh lernen, dass man sich nicht immer auf Menschen verlassen kann. Louis hat viel durchgemacht. Er hatte keine leichte Kindheit und er hat auch keine leichte Gegenwart.

Aber einen Freund hat Louis und dieser Freund wird ihn niemals im Stich lassen. Es ist nicht nur ein Freund, es ist seine „treue Seele", sein Beschützer, sein Glück und sein ein und alles. „Tagsüber passe ich auf ihn auf und nachts passt er auf mich auf."

Jayson, ein Rottweilermischling lebt seit zwei Jahren bei ihm. Louis passt besser auf seinen Hund, als auf sich auf. Die beiden helfen sich gegenseitig. Dem Rüden ist es egal ob er Louis oder Nils heißt. Dem Rüden ist es egal ob sie in einem Boxspringbett oder unter einer Brücke schlafen. Jayson ersetzt die Leere, die Einsamkeit- jedenfalls ein stück. Für ihn will Louis weitermachen. Weiterleben (und vielleicht einmal schwimmen lernen.)

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