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15/12/2015 05:05 CET | Aktualisiert 15/12/2016 06:12 CET

Warum die Gesundheitsversorgung Deutschlands in Gefahr ist

Thomas Barwick via Getty Images

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Deutschland geht es verschieden. Die soziale und regionale Spaltung findet sich auch in der Gesundheitsversorgung wieder.

Während einerseits die größten Krankenhauskonzerne im vergangenen Jahr 900 Millionen Euro Überschüsse erwirtschaftet haben, ist in meinem Wahlkreis im ländlichen Kreis Steinfurt eine kirchliche Krankenhausgesellschaft in Insolvenz gegangen.

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Bislang konnte nur eines von drei Krankenhäusern in eine neue Trägerschaft überführt werden, das eine Krankenhaus in Emsdetten ist bis auf weiteres geschlossen, das in Steinfurt akut von Schließung bedroht.

Versorgung der Menschen gefährdet

Dadurch ist die Versorgung der Menschen im zweitgrößten Flächenkreis Nordrhein-Westfalens gefährdet: schon vor der Schließung stehen dort pro 10.000 Einwohnern nur ein Drittel der Betten im Krankenhausplan, die im benachbarten Münster vorgesehen sind.

Schon heute sind die Wege weit und durch fehlenden öffentlichen Nahverkehr gerade für arme, ältere oder behinderte Menschen kaum zu überwinden. Die Schließung des Emsdettener Krankenhauses im Juli hat bisher zu über 600 zusätzlichen Rettungswageneinsätzen geführt.

Sollte das Krankenhaus in Steinfurt auch noch geschlossen werden, so droht ein Kollaps der Notfallversorgung, denn der dann nötige Ausbau des Rettungsdienstes wäre nicht innerhalb weniger Monate zu schaffen.

Gegen die Krankenhausschließung in Emsdetten haben bereits Tausende Bürgerinnen und Bürger demonstriert und Petitionen unterschrieben, der Stadtrat hat einstimmige Beschlüsse gefasst und eine Bürgerinitiative gründete sich - mit 2.000 Mitgliedern. Auch in Steinfurt gab es eine erste Demonstration für den Erhalt des Krankenhauses.

Kreativität in der Krise

An Runden Tischen und in einem neu gegründeten Verein werden Konzepte für eine zukunftsfähige Lösung entwickelt: sektorenübergreifende Gesundheitsdienste, Verknüpfung von ambulanter und stationärer Versorgung, Einbeziehung nichtärztlicher Gesundheitsberufe sind Stichworte. Die Krise setzt ungeahnte Kreativität und Solidarität frei.

Da die Erwartungen an die Bundes- und Landespolitik bitter enttäuscht wurden, wollen die Bürgerinnen und Bürger die Sache nun selbst in die Hand nehmen. Doch wie groß sind die Chancen?

Durch die Reformen der letzten Jahrzehnte sind Krankenhäuser von Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge mehr und mehr zu Wirtschaftsunternehmen geworden. Und als Unternehmen sind sie den Prinzipien von Markt und Wettbewerb unterworfen.

Sie müssen Gewinne erzielen, um nicht Verluste zu machen und damit die Insolvenz zu riskieren. Die öffentliche Hand hat sich zurückgezogen und das Feld privaten Akteuren und deren Profitinteresse überlassen.

Gewinn ist Maßstab aller Dinge

Gleichzeitig wurden die Finanzierungsregelungen so gestrickt, dass sie die privaten Investoren und die großen Kliniken und damit die Städte gegenüber dem ländlichen Raum bevorzugen. Die öffentliche Krankenhausplanung ist kaum das Papier wert, auf dem sie gedruckt wird.

Denn ebenso, wie es der öffentlichen Hand schwer gemacht wird, ein dringend benötigtes, aber finanziell angeschlagenes Krankenhaus zu retten, genauso ist es fast unmöglich, ein prosperierendes, aber für die Versorgung nicht unbedingt notwendiges Haus zu schließen. Der Gewinn wird zum Maßstab aller Dinge, nicht der Bedarf.

Die andere Seite der strukturellen Unterversorgung ist die renditegetriebene Über- und Fehlversorgung, die häufig an organisierte Körperverletzung grenzt. Ein Krankenhausarzt kann kaum noch einem Patienten von einer Operation ab- und etwa zu Sport und Physiotherapie raten, weil er damit seinen Arbeitgeber finanziell schädigt.

Dementsprechend ist Deutschland unter den OECD-Ländern heute führend bei der Zahl von Bandscheibenoperationen oder künstlichen Hüften und Kniegelenken.

Es gibt noch viel zu tun

In Deutschland sind wir noch weit davon entfernt, dass sich das Gesundheitswesen am Bedarf der Bevölkerung ausrichtet.

Eine Krankenhausplanung, die nicht gleichzeitig die Verzahnung von ambulant und stationär fördert und die letzten Endes vor den Profitinteressen Weniger die Gesundheitsinteressen Vieler vernachlässigt, kann nicht demokratische und soziale Ziele erfüllen.

Die Krankenhäuser müssen wieder in öffentliche Hände. Ihre Finanzierung muss sich am Bedarf ausrichten, nicht am Markt.

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