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03/12/2016 07:04 CET | Aktualisiert 05/12/2017 06:12 CET

An alle, die missbrauchte Frauen zu Tätern machen

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Es gibt Momente, in denen schäme ich mich für die Menschen in unserem Land.

Vergangene Woche erschien ein emotionaler Schicksalsbericht in der Huffington Post. Darin beschreibt eine Frau, wie es war, vier Jahre lang von ihrem Freund immer wieder geschlagen zu werden. Und sie erklärt, wieso sie trotzdem bei ihm geblieben ist.

Die Kommentare bei Facebook unter diesem Artikel sind unfassbar unter der Gürtellinie - sie sind so beleidigend, dumm, fies, unbedacht und gefühllos, dass ich sie hier nicht wiedergeben möchte. Aber der Tenor von fast allen war: Selbst schuld! Wie kann sie nur so lange bei ihm bleiben, wenn er sie schlägt?

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Wahrscheinlich haben die meisten Kommentarschreiber den Artikel noch nicht einmal gelesen. Denn Ziel des Textes war es, zu beschreiben, wie es dazu kommen konnte. Warum die Frau bei ihrem gewalttätigen Partner geblieben ist.

Die Reaktion auf den Blog zeigt eine besorgniserregende Entwicklung in unserer Gesellschaft: Immer öfter werden auch die Opfer von sexuellen Übergriffen, Misshandlungen und Gewalt für die Tat mitverantwortlich gemacht. "Victim Blaming" nennen Experten das Phänomen. Auffällig oft tragen übrigens Frauen diese vermeintliche Mitschuld.

Victim Blaming

Und dieses "Victim Blaming" geschieht nicht nur nach der Tat, sondern immer öfter au schon vorab: Dem potenziellen Opfer - also Frauen - wird eine Art Prophylaxe empfohlen, wie beim Zahnarzt: Gehst du nicht einmal im halben Jahr hin, brauchst du dich nicht wundern, wenn der Karies wuchert.

Bei Frauen heißt das: keine kurzen Röcke, keinen tiefen Ausschnitt, niemals mit jemandem mitgehen, den man nicht kennt, auf gar keinen Fall zu sehr mit einem Fremden flirten, dunkle Gassen meiden, Mann beim ersten Anflug von Aggressivität verlassen, immer Pfefferspray mit sich führen, Selbstverteidigungskurs besuchen.

Die Liste ist lang und ich habe mich über diese Ideen an anderer Stelle schon ausgelassen.

Viel schlimmer aber finde ich, wie weit dieses "Victim Blaming" mittlerweile ist. Egal ob die Polizei, die Medien, Freunde und Bekannte des Opfers oder anonyme Facebook-Schwachmaten - jeder schiebt die Schuld auf die Frau, die vergewaltigt oder geschlagen worden ist. Victim Blaming ist zum Volksport geworden. Und salonfähig, das ist das schlimmste.

Wieso ist es so schwer, die Schuld voll und ganz beim Täter zu suchen?

Einer aktuellen europaweiten Studie zufolge glaubt jeder vierte Europäer, dass Frauen teilweise selbst schuld an Vergewaltigungen sind. Wenn sie sich freizügig kleiden, betrunken sind, freiwillig mit jemandem nach Hause gehen, viele Sexualpartner hatten.

Einige der Befragten sind sogar der Meinung, dass nicht-einvernehmlicher Sex in manchen Situationen gerechtfertigt sei. 22 Prozent sind der Meinung, dass Missbrauchsopfer die Vorwürfe oft übertreiben.

Um zu sehen wie das in der Praxis geht, ein kurzer Blick zurück: Man mag von Gina Lisa und ihrer Geschichte halten was man will. Aber das Model wurde noch vor ihrem Prozess, bevor klar war, ob ihre Geschichte stimmt oder nicht, von großen Teilen der Medien, der Gesellschaft und der Facebook-Gemeinde als Schuldige an den Pranger gestellt.

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Wieso gibt man ausschließlich Frauen, die Opfer von sexueller oder häuslicher Gewalt geworden sind, die Schuld an einer Straftat?

Ich habe noch niemanden zum überfallenen Ladenbetreiber sagen hören: Du bist schuld! Hättest du doch nur dein Schaufenster nicht so schön dekoriert.

Ich habe noch nie gehört, dass jemand einem bestohlenen Ex-Porsche-Besitzer zugerufen hat: Hättest du dir halt einen 20 Jahre alten Golf gekauft.

Ich habe noch niemanden nach einem Handtaschenraub das Opfer beschuldigen hören: Hättest du eben nicht die Gucci-Tasche getragen.

Sobald es aber um sexuelle Gewalt oder Gewalt in Beziehungen gegen Frauen geht, wird es schwer, die Schuld voll und ganz beim Täter zu suchen. Aber wieso?

"Victim Blaming" ist ein Problem der ganzen Gesellschaft

Man könnte das Victim Blaming auf die mangelnde Empathiefähigkeit in der Gesellschaft schieben. Aber ich glaube nicht, dass es so einfach ist. Denn wie ich es erlebt habe, sind unter den Blamern nicht nur hasserfüllte, empathielose Menschen, die ein leichtes Opfer suchen.

Unter ihnen sind auch Freunde, Familie, Polizei. Deshalb ist das Victim Blaming auch ein Problem der ganzen Gesellschaft, von Männern und Frauen, von Intellektuellen bis zu den wenig Gebildeten - unabhängig von Beruf oder Einkommen.

Die Realität vor der eigenen Haustür nicht wahrhaben wollen

Der Mensch baut sich gern seine Traumwelt. Die Realität aber ist in vielen Ecken sehr düster, es gibt Abgründe, Hass und Gewalt. Und was dem Mensch, der sich gern seine rosafarbene Welt macht, wie sie ihm gefällt und der dabei zu gerne vergisst, wie sie wirklich ist, gar nicht passt, ist, wenn das Grauen nah ist. Wenn das Unaussprechliche in der Umgebung passiert.

Vergewaltigte Frauen im Bürgerkrieg in Afrika? Vergewaltigungen an amerikanischen Universitäten? Saudi-arabische Frauen, die von ihren Ehemännern geschlagen werden? Weit weg - die Frau darf, zumindest von Deutschland aus, das Opfer sein.

Aber wehe es geschieht etwas in der Nachbarschaft. Dann wird so getan, als gäbe es das "hier" nicht. Da setzt ein Schutzmechanismus eins, damit mit man sich nicht mit der Realität auseinandersetzen muss.

Es leichter sich einzureden, es gäbe hier keine Vergewaltiger und keinen Missbrauch. Wenn dann doch was passiert, dann muss die Frau was falsch gemacht haben. Mit dieser Verblendung fühlt man sich nicht nur sofort sicherer, es muss auch niemand aktiv werden, da es ja anscheinend gar kein Problem gibt, das behoben werden müsste.

Und so gelten die Übergriffe vor der eigenen Haustür als nicht so schlimm, man muss ja nur die "richtige" Kleidung tragen, "zur "richtigen" Uhrzeit daheim sein, in den "richtigen" Clubs feiern gehen. Die Sexualpädagogin Katja Grach hat in der Huffington Post einen erschütternden Beitrag über dieses Phänomen geschrieben.

Denkt an das Opfer, denkt an seine Gefühle

Gleichzeitig ist es auch möglich, der Frau indirekt die Schuld zu geben, wie ein Kommentar und dem eingangs angesprochenen Artikel zeigt: "Selbst schuld! Meint ja jede zweite deutsche Frau, sich auf die Bad Boys aus dem naja orientalischen Kulturkreis einlassen zu müssen."

Frei nach dem Motto: Nein, ein guter deutscher Mann würde seine Frau nie schlagen. Bitte? Ist das euer Ernst? Sind dann alle 130.000 Fälle von Gewalt in Beziehungen, die das BKA im vergangenen Jahr erfasst hat - wohlgemerkt erfasst, die Dunkelziffer ist um ein vielfaches höher - von, um zu zitieren, "Bad Boys aus dem naja orientalischen Kulturkreis" ausgegangen?

Wie naiv seid ihr eigentlich? Denkt ihr wirklich, indem ihr das Schreckliche leugnet macht ihr es ungeschehen? Unterliegt ihr immer noch der Kleinkinder-Logik des "ich seh dich nicht, also siehst du mich nicht"?

Ich will gar nicht anfangen damit, was "Victim Blaming" für ein Opfer bedeutet. Ich würde noch nicht einmal so viel von euch erwarten, dass ihr euch ausmalen könnt, welche tragische Reichweite eure hirnlosen Aktionen haben. Nur so viel: In einem traumatisierten Zustand ist man besonders empfänglich dafür, die Schuld bei sich zu suchen - und das ist psychisch zermaternd.

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Deshalb ist mein Appell nicht nur: Denkt an das Opfer, denkt an seine Gefühle, denkt an den Rattenschwanz an Problemen, den unbedachte Schuldzuweisungen mit sich bringen.

Sondern auch: Hört auf, so blind zu sein. Hört auf, euch vor der Realität vor eurer Haustür zu verschließen und den Opfern sexueller und häuslicher Gewalt die Schuld zu geben. Die Schuld beim Opfer zu suchen, weil es bequemer ist, sich der Realität nicht stellen zu müssen.

Der Realität, dass diese Gewalt an Frauen Alltag ist, dass es so etwas auch bei uns gibt, dass man sich davor nicht schützen kann.

Hört auf so feige zu sein und das alltägliche Grauen zu leugnen. Denn dann, wenn wir alle unsere Augen öffnen, können wir auch etwas dagegen tun. Aber blind hat noch niemand eine erfolgreiche Schlacht geschlagen.

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