BLOG
01/04/2015 08:34 CEST | Aktualisiert 01/06/2015 07:12 CEST

Diese Welt hat keinen Platz für mich: Wie ein Mädchen in der Psychiatrie zerbricht

Thinkstock

Die hochbegabte Marina wird in der Schule gemobbt. Sie wird depressiv. Ein von ihr freiwillig gewählter Aufenthalt in einer offenen psychiatrischen Station für Kinder und Jugendliche soll ihr helfen, wieder gesund zu werden. Doch was so hoffnungsvoll beginnt, wird zum Albtraum für sie und ihre Eltern. Marina schreibt ihre Gedanken, Sorgen und Ängste in Form von Gedichten oder anderen Texten auf.

Am Tiefpunkt

Schon so lange zum Leben gezwungen, vergeblich um den Suizid gerungen.

Der Wunsch zu sterben schon so lange da, kaum zu glauben, dass da keine Möglichkeit war.

Jetzt bin ich hier, ich hab keine Wahl, jeder einzelne Tag, eine einzige Qual. Mein größter Wunsch, dass es endlich endet, würd ich das erwarten, wär ich echt geblendet.

Alles was mir helfen könnte, hab ich schon gemacht, doch nicht eine Sache hat mir wirklich was gebracht.

Ich hab keine Kraft mehr, keine Energie.

Mein Gefühl sagt, es geht nicht mehr. Doch entscheiden tun die.

Viele andre sagen, sie hätten es geschafft, doch wenn ich frage, wie haben dies gemacht?

Fällt ihnen die Antwort schwer, sie wissen es nicht mehr.

Bei jedem sei es anders, jedem seinen Weg. Sie sagen, nur ich kann das, finden meinen Weg.

Doch mein Weg ist gut verborgen, lässt mich allein, mit all den Sorgen. Falls ich ihn jemals entdecke, ich schwör, dass ich mich nicht verstecke.

Ich würde ihn begehen. Und würde endlich sehen, wie schön es sein kann zu leben und sich dem Positivem hinzugeben.

Wir haben so Angst davor, zu scheitern. Angst, dass wir durchschaut werden, Angst, dass es nur so scheint, als ob wir so viele Freiheiten hätten. Aber eigentlich denke ich nicht, dass es so ist. Diesmal nicht. Diesmal ist es das, was wirklich funktioniert. Das Endgültige.

Ich bin froh, dass es schon so nah ist, auch wenn mir mein Leben leider keine schönen letzten Tage gönnt, denn es geht mir ziemlich schlecht. Seit meine letzte Hoffnung zerbrochen ist, ist es schlimmer geworden, obwohl ich weiß, dass ich nicht mehr lange durchhalten muss.

Ich bin viel angespannter. Ich kann damit umgehen, aber ich kann kaum mehr schlafen. Manchmal habe ich das Gefühl, wahnsinnig zu werden (aber das ist ja nichts Neues ...). Aber egal, wie schön die Vorstellung vom Tod ist und egal wie viel ich dafür geben würde...Es gibt eine Vorstellung, die noch schöner ist. Eine für die ich schon sehr, sehr viel gegeben habe und für die ich noch mal sehr, sehr viel geben würde, wenn sie erreichbar wäre.

Es ist die Vorstellung davon zu leben. Leben im Sinne von lebendig sein. Frei zu sein, von all dem was mich belastet, loslassen und mich entspannen können. Befreit sein, genießen, lachen, ehrlich lachen, glücklich sein können. Einfach Leben!

Ich weiß es nicht sicher, aber ich glaube, ich könnte so ein verdammt geiles Leben haben, wenn es mir psychisch gut gehen würde.

Ich bin noch jung. Ich habe noch nicht gelebt. Ich habe immer für die Zukunft gelebt. Für die Hoffnung. Aber meine Hoffnungen wurden enttäuscht. Meine schlimmsten Befürchtungen wurden haushoch übertroffen. Ich habe keine Zukunft.

Ich muss sogar hoffen, keine zu haben, denn wenn ich doch überleben sollte, dann wäre es eine schreckliche Zukunft. Ich habe versucht, es mir vorzustellen. Es war schrecklich. Ich hatte das Gefühl, halb wahnsinnig zu werden. Natürlich weiß ich nicht genau, wie es wäre, aber ich will es auch sicher nicht wissen!

Ich glaube nicht an so was wie ein Leben nach dem Tod.

Wenn mein Körper stirbt, wird mein komplettes Bewusstsein sterben. Ich wünschte es gäbe einen besseren Weg, aber den gibt es nicht. Ich habe lange dafür gekämpft. Doch dieses Leben gibt mir keine Chance. Und diese Welt hat keinen Platz für mich. Für mich ist es zu spät. Nur der Tod kann mich noch befreien.

Aber für viele andere ist es noch nicht zu spät! Ich war mein Leben lang ein Träumer, der für seine Träume gekämpft hat und genauso werde ich auch sterben. Manchmal denke ich mir aber auch: Was ist aus mir geworden? Bin ich nicht auch eine kalte Lügnerin geworden, die nur Schmerz hinter sich zurücklässt?

Ich weiß es nicht genau, denn ich will nicht so sein und eigentlich bin ich nicht kalt. Es tut mir wirklich leid. Ich würde es nicht tun, wenn es nicht der einzige Weg wäre. Denn ich habe ohnehin keine Wahl. Ich habe keinen freien Willen. Es ist schwer zu beschreiben, aber es ist so. Die Gefühle sind so mächtig, dass sie die Entscheidungen ohne den Geist treffen.

Ich werde nicht sehen, was die Zukunft bringen wird.

Aber ich kann davon träumen, dass nicht alles sinnlos war und das gibt mir die Möglichkeit bereit zu sein und zumindest einen schönen Tod zu sterben.

Ich danke all denen, die mir zugehört haben, denen, die für mich da waren und denen, die versucht haben mir auf menschliche Art und Weise zu helfen. Egal wie alt sie sind. (Ich habe nur so wenig über sie geschrieben, weil ich versucht habe, mich auf mich zu beschränken. Ich denke, das ist einfach eher etwas Persönliches.)

Ich weiß, dass es auch andere vielleicht nicht unbedingt schlecht gemeint haben. Aber ich würde lügen, würde ich behaupten, ihnen vergeben zu können.

Lasst mich sterben

Jeden Tag sitz ich da, mit dem Rücken zur Wand,

fühl mich leer, alles schwer und ich kann nicht mehr.

Such verzweifelt nach nem Sinn und weiß kaum mehr, wer ich bin,

ich will ja darüber reden, doch ich kriegs einfach nicht hin.

Der Druck wächst immer mehr und ich kann jetzt echt nicht mehr.

Ich will sterben, lasst mich sterben, bitte, bitte, lasst mich sterben.

Doch ihr haltet mich am Leben, sagt, es soll mich weiter geben, wollt mich binden an die Regeln, doch das lasse ich nicht zu, lasst mich doch einfach in Ruh!

Ja, ich ritze mich, wann ich will und vergess den ganzen Drill, denn ich will echt nicht mehr leben, nein, es soll mich nicht mehr geben!

Marina erhält während des Klinikaufenthaltes sieben verschiedene Psychopharmaka, von denen nur eines für Jugendliche zugelassen ist. Sie wird teilweise zwangsernährt und über mehrere Tage dauerfixiert. Auch vor kompletter Isolation schreckt das Klinikpersonal nicht zurück.

Marina beendet ihr Leben am 17. August 2012 im Alter von 16 Jahren, um sich von ihrem Leid zu erlösen.

Marina's Eltern haben nach dem Tod ihrer Tochter die Aufzeichnungen in dem Buch: "Diese Welt hat keinen Platz für mich. Wie ein Mädchen in der Psychiatrie zerbricht." veröffentlicht. Sie wollen damit den letzen Wunsch ihrer Tochter erfüllen und andere Menschen über die Missstände in Kinder- und Jugendpsychiatrien aufklären.

Unter marina-diese-welt@gmx.de kann man Kontakt zu den Eltern aufnehmen.


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen

oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Video:Gesundheit: Zehn Jobs, die depressiv machen