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26/08/2015 13:50 CEST | Aktualisiert 26/08/2016 07:12 CEST

Gen Y - Ein Leben auf dem Drahtseil über dem Abgrund

Dave Fimbres Photography via Getty Images

Wenn ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis umschaue, dann finde ich viele blinde Flecken auf dem medialen Hochglanzbild, dass alle immer von der viel diskutierten Generation Y zu zeichnen versuchen.

Wir wurden als Young Professionals, Game Changer und High Potentials angekündigt. Aber nicht jeder von uns kann ein Mark Zuckerberg sein, die meisten scheitern trotz Masterplan, wenn auch nicht ganz so spektakulär, wie Jason Goldberg, der Fab.com gegen die Wand gefahren hat.

Unter dem Hochglanz-Finish findet sich bei näherer Betrachtung der nicht so glanzvolle Alltag: Kinderlosigkeit, Beziehungslosigkeit, Arbeitslosigkeit und Schulden.

Es gibt die, die auf ihrem Studentenjob hängen geblieben sind, und mit 35 trotz Nebenjobs kaum 1000 Euro netto verdienen. Es gibt die Hartz IV Akademiker, obwohl sie Unmengen an Bewerbungen schreiben, es gibt die, die ihren Traumjob machen, aber dafür ihr Privatleben opfern mussten.

Wer sich fürs Privatleben entscheidet, hat meistens beruflich schon verloren und wer sich für die Karriere entscheidet, vereinsamt sowieso. Gen Y ist wie Camus' Sisyphos in einer absurden Berufswelt, ein Leben wie eine zerbrechliche Seifenblase über dem Abgrund.

Depressionen, Burnout und Schulden sind bei den meisten an der Tagesordnung.

Von Universitätsabsolventen und jungen Berufsanfängern wird heute erwartet, dass sie mobil sind. Frisch aus der Schule oder der Universität bleiben die wenigsten in ihren Heimatstädten oder kehren dahin zurück.

Mehr als 70 Prozent der Berufsanfänger waren laut einer Befragung von Stepstone bereit auch fern des derzeitigen Wohnorts eine neue Stelle anzunehmen und umzuziehen. Ähnlich hoch ist die Bereitschaft zu einem Umzug nur noch am anderen Ende der Karriereleiter bei Führungskräften.

Doch wenn gerade Berufsanfänger unbedacht und übereilt für den ersten Job umziehen, tun sich oft private und finanzielle Abgründe auf. Neben dem beruflichen Stress, dass man seine Chefs in der Probezeit von sich überzeugen muss, verzichtet man auch auf das soziale Netz von Familie und Freunden und muss sich ein komplett neues aufbauen.

Finanziell gesehen, ist gerade für Berufsanfänger ein Umzug eine Katastrophe, denn zu den tatsächlich Umzugskosten kommen zusätzliche finanzielle Belastungen, die schnell in den monetären Ruin führen können: Wohnungssuche, Kaution, Maklerprovision, Ablöse oder andere Kosten für Renovierungsarbeiten, Mobiliar, etc...

Dass man die meisten dieser Kosten später vom Finanzamt mit der Steuerklärung absetzen kann, wissen gerade die Berufsanfänger nicht. Ich kenne einige, die mit 25 noch nie eine Steuererklärung gemacht haben.

Auf der einen Seite wird von Berufsanfängern Mobilität erwartet, auf der anderen Seite, wenn man dann mobil ist und aus beruflichen Gründen bereit ist umzuziehen, gilt man bei Personaler als „unbeständig" und es wird als Charakterschwäche ausgelegt, wenn man mehr als zwei oder drei unterschiedliche Arbeitgeber in 10 Jahren hatte.

Dass aber der Verlust eines Jobs recht wenig mit der persönlichen Arbeitsleistung und Einstellung und vielmehr mit gesamtwirtschaftlichen Problemen der jeweiligen Unternehmen zu tun haben könnte, daran denken Personaler nicht.

Zudem geben nur wenige Führungskräfte Querdenkern mit ungewöhnlichen Lebensläufen überhaupt eine Chance.

Die meisten wollen eher angepasste Mitarbeiter, die viel Leistung erbringen und schnelle Resultate. Selbstbewusste und schwer beeinflussbare Mitarbeiter haben es dagegen schwer, die Lieblinge der Chefs zu werden.

Personalchefs erwarten, dass wir den Masterplan haben. Doch den gibt es nicht! Was wir wollen ist einfach: eine Festanstellung ohne Befristung, eine höhere Bezahlung als der Stapelwagenfahrer, die Möglichkeit auch mal ein Wochenende auszuspannen.

Ich habe zum Beispiel nach meinem Studium zwei Jahre bei einer Unternehmensberatung als Praktikantin im Bereich PR & Marketing gearbeitet. Ich hatte ein Hochglanz-Büro in einem Hochglanz-Gebäude mit Panorama-Ausblick und habe mit Journalisten aus echten Hochglanz-Printmagazinen Email-Verkehr gehabt.

Es war ein außerordentlich gut bezahltes Praktikum aber eben mit 1-Jahres Vertrag und einem nicht sehr luxuriösen Job Titel als Praktikantin. Ein drittes „Praktikumsjahr" wollte ich einfach nicht machen. Wie soll man das später im Lebenslauf noch erklären? Erster Jobwechsel nach zwei Jahren in eine andere Branche als Assistentin, wieder mit befristeten Arbeitsvertrag (Krankheitsvertretung).

Nach 12 Monaten zweiter Jobwechsel und erster Umzug von München nach Hamburg, wieder mit Einjahresvertrag als Junior Manager, mit Firmen Laptop und Firmen iPhone (damit man auch ja Nachts um drei noch arbeiten kann).

Als dann mein befristeter Vertrag nach zwei Jahren endlich in einen unbefristeten Vertrag übergehen sollte, plötzlich das Aus: Wir brauchen keine PR, wir zählen in Zukunft auf Mundpropaganda. Äh ja, ... WTF?

Also die Katze Irmgard in die Transportbox gepackt, die Möbel zum Sperrholz und zurück zu Mami und Papi gezogen. Von dort mit Umzug Nummer drei zu Job Nummer vier. Wieder befristet, immerhin Job Titel PR Manager, Gehalt überdurchschnittlich.

Innerhalb der Probezeit dann die Kündigung, weil ich unter anderem vergessen habe, eine fünf Minuten Zigarettenpause einzutragen.

WTF-Moment Nummer zwei, Umzug Nummer vier zurück nach München, Job Nummer fünf zur Überbrückung bis dann endlich dem sechsten Arbeitgeber endlich die Festanstellung kam.

Berufliches Fazit mit 35:

  • 5 Umzüge in 5 Jahren
  • 6 verschiedene Arbeitgeber in 10 Jahren

Wer sich nicht gerade 10000 Euro von den Eltern „leihen" kann, für den ist diese Art der Mobilität oft der Start in eine lange und nervenaufreibende Beziehung mit den Banken: Von Überziehungskredit über nicht bezahlte Ratenkäufe und Finanzierungen bis zum bodenlosen Schufa-Score.

Der Nachsendeauftrag funktioniert auch nur soooo weit. Willkommen in der Schuldenfalle. Im Schnitt steht jeder 20 bis 25-jährige bereits mit 7000 Euro Schulden da. Interessant wird es jedoch wenn man die Altersgruppe der 25 bis 35-jährigen betrachtet: Da steigt die mittlere Schuldenhöhe mit 16.000 Euro plötzlich auf über das Doppelte an.

Betrachtet man auf der anderen Seite die Höhe der Gehälter für Berufseinsteiger, die kaum 2000 Euro brutto übersteigen - Danke Mindestlohn - und die Lebenshaltungskosten auf der anderen Seite (Miete, Auto, Versicherungen, Handy & Telefon) ist es kein Wunder, dass der Gen Y nichts anderes übrig bleibt als Kredite auf zunehmen.

Wenn ich also lese die Gen Y sei wenig belastbar, wäre depressiv weil zu verhätschelt und mit zu großen Erwartungen ins Berufsleben gestartet, dem kann ich nur widersprechen.

Das Leben ist absurd und eigentlich sollte man uns dafür bewundern, dass wir nicht einfach aufgeben.

Dass wir weiter unsere Bewerbungen schreiben, und zum 100mal dem Jobcenter erklären was Theaterwissenschaft ist, dass wir zum fünften Mal umziehen quer durch Deutschland und immer wieder, ob im Job oder privat, von vorne beginnen können. Camus hat in Der Mythos von Sisyphos geschrieben:

„Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. [...] Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

Der Hochseilakt über dem Abgrund ist eine Herausforderung. Aber einfach aufgeben ist nicht das Markenzeichen der Gen Y, denn wir haben Seifenwasser in der Handtasche und erschaffen die Seifenblasen immer wieder neu.


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