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28/06/2016 08:29 CEST | Aktualisiert 29/06/2017 07:12 CEST

Ich habe vier Jahre für McDonald's gearbeitet - das habe ich gelernt

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Ich habe zwischen meinem 18. und 22. Lebensjahr vier Jahre lang bei McDonald's gearbeitet. In dieser Zeit war ich abwechselnd in Voll- und Teilzeit tätig, da ich einfach keinen besseren Job fand. Ich erklomm nie die Karriereleiter, wurde nie Managerin, erreichte in meiner Zeit dort nichts Bedeutendes.

Im Grunde genommen erfüllte ich das absolute Klischee einer bei McDonald's arbeitenden Versagerin. Faul, dumm, antriebslos.

  • Eine Zusammenfassung des Textes gibt es oben im Video.

"Es ist sooooo ein Scheißjob! Aber ich brauche das Geld, hahaha"

Über die Jahre bekam ich die Konsequenzen dieses Klischees auf verschiedenste Arten zu spüren. Die entsetzten Gesichter von Freunden meiner Eltern, wenn ich ihnen erzählte, was ich machte. Die schneidenden Bemerkungen: "Arbeitest du immer noch bei McDonald's?" oder "Dort könnte ich niemals arbeiten." Die Ermutigung meiner Freunde: "Geh doch morgen einfach nicht zur Arbeit!" (weil es ja ohnehin kein richtiger Job ist).

Und ich erfüllte das Klischee durch meine eigene Einstellung. Ich war ein schrecklicher Mitarbeiter, zu langsam, ungeschickt und frustriert von meinem Leben. Insgeheim hielt ich mich für zu gut für McDonald's. Ständig rechtfertigte ich mich: "Es ist sooooo ein Scheißjob! Aber ich brauche das Geld, hahaha."

Ich war eine belesene, gute Studentin, die gerne intellektuelle Gespräche führt. Ich war nicht geschaffen für diese sinnlose körperliche Arbeit.

Ich verbesserte mich nicht. Schlimmer noch, ich wollte mich gar nicht verbessern. Warum sollte ich gut in etwas sein wollen, das unter meiner Würde war?

Doch nach ein paar Jahren änderte sich meine Einstellung.

Plötzlich war ich stolz auf meinen Job.

Ich fragte mich, was der Unterschied zwischen McDonald's und den Einstiegsjobs anderer Studenten ist?

Warum ist mein Job so viel schlechter als andere?

Liegt es daran, dass ich für einen Großkonzern arbeite? Nein, denn dann wären Jobs bei The Warehouse oder Hannahs genauso peinlich.

Oder weil das Unternehmen unethisch ist? Glassons und Jay Jays nutzen Sklavenarbeit.

Vielleicht weil ich in der Fast-Food-Branche arbeite? Ein Job bei Burger Fuel ist wiederum gar nicht so schlecht.

Weil es keine geistige Tätigkeit ist? Nein, Jobs im Einzelhandel und am Empfang sind in Ordnung.

Und dann wurde es mir klar.

Bei McDonald's zu arbeiten gilt als Job für Menschen, denen nichts anderes übrig bleibt. Mir fiel auf, dass bei den meisten Einstiegsjobs keine Leute eingestellt wurden, die so aussahen wie die Leute, mit denen ich zusammenarbeitete.

Bei McDonald's gab es Menschen mit Behinderungen, Übergewichtige, Menschen, die nach gemeingültigen Maßstäben nicht attraktiv waren, Menschen, die kaum Englisch sprachen, Teenager und ganz viel Multikulti.

Diese Menschen bildeten den Kern des Ladens. Sie wurden als unsere besten Arbeiter mit Respekt behandelt.

Dann sah ich mich in Läden wie Glassons, Whitcoulls oder Starbucks um und entdeckte fast ausschließlich Menschen wie mich. Weiß, Anfang zwanzig, einigermaßen attraktiv, schlank, Englisch sprechend.

Das war das Vorurteil, das sowohl ich als auch andere mit meinem Job verbanden. Ich erfülle die Kriterien für einen "guten" Job in einem Klamottenladen. Menschen aus einem guten Umfeld sollten nicht bei McDonald's landen und mit Leuten zusammenarbeiten, die nicht einmal dann mehr erreichen könnten, wenn sie es versuchten.

Ein weißes Mädchen Anfang 20 wird ausgelacht, wenn es bei McDonald's arbeitet. Doch ich glaube nicht, dass dies auch bei Behinderten, Pazifikinsulanerinnen mittleren Alters oder Einwanderern der Fall ist. Deren Freunde kichern nicht leise: "Und wann suchst du dir einen richtigen Job?" Weil wir automatisch davon ausgehen, dass sie so einen Job haben.

McDonald's ist ekelhaft und schäbig

McDonald's ist ekelhaft und schäbig. Doch dass ich selbst und meine Freunde mich demütigten, lag nicht daran, dass ich Burger machte. Es lag daran, dass ich etwas Besseres verdient hatte. Eigentlich sollte ich intelligenter, fleißiger und talentierter als die Menschen sein, mit denen ich zusammenarbeitete. Mir stand ein "guter" Job zu.

Ich hatte das überzogene Selbstwertgefühl eines privilegierten Menschen.

Mir wurde klar, dass diese Einstellung weitaus ekelhafter war, als Pommes zu wenden.

Weil ich nicht besser bin als ein McDonald's-Mitarbeiter.

Stimmt, ich habe vielleicht andere Fähigkeiten. Ich bin nicht muskulös und diese Art von Druck macht mich nervös. Ich werde in Bürojobs immer besser sein als bei körperlicher Arbeit. Doch das liegt nicht daran, dass ich intelligenter oder talentierter oder wertvoller als ein McDonald's-Mitarbeiter bin.

Für mich ist meine Zeit bei McDonald's unbezahlbar

Es gibt unterschiedliche Arten von Arbeit und bloß weil wir die Arbeit, die von Menschen aus Randgruppen gemacht wird, für wertlos erachten, bedeutet das nicht, dass es auch so ist.

Ich bin nicht so fleißig wie meine Kollegen, die manchmal 20-Stunden-Schichten schieben und dadurch dafür sorgen, dass kein Kunde auf seinen Mitternachtsburger verzichten muss.

Ich bin nicht so clever wie unser Manager, der sich zum Ingenieur wandelte. Er lernte, wie man die ganzen Maschinen repariert, damit wir keinen Mechaniker rufen mussten.

Ich bin nicht so ein Organisationstalent wie diejenigen, die jede Woche die Zutaten für Tausende Kunden im Voraus abschätzen und bestellen und dabei ganz genau wissen, dass sie sich nicht nur mit einem wütenden Chef auseinandersetzen müssen, wenn sie es vermasseln.

Kunden warten nur auf eine Gelegenheit, um brüllen, Getränke werfen und rassistische Beleidigungen austeilen zu können, weil der Ketchup fehlt. Mir fehlt die Geduld, um damit umgehen zu können.

Das sind Talente.

Und wer sich für etwas Besseres hält, weil er im Einzelhandel arbeitet oder am Empfang Akten ordnet, der irrt.

Für mich ist meine Zeit bei McDonald's unbezahlbar. Klar, ich will nie wieder Pommes schaufeln oder Burger braten. Aber ich habe etwas viel Wichtigeres gelernt. Ich habe einen Teil meiner Arroganz abgelegt.

Ich habe hinterfragt, warum ich andere wegen ihres Jobs entmenschliche. Ich setze meine Verachtung für beschissene Großkonzerne nicht mehr mit Verachtung für deren Fußsoldaten gleich. Ich habe mehr Empathie entwickelt.

Und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum das ein Schandfleck in meinem Lebenslauf sein sollte.

Dieser Blog ist ursprünglich bei Medium.com erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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