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16/02/2016 04:48 CET | Aktualisiert 16/02/2017 06:12 CET

Flüchtlingskrise und Friends Day auf Facebook - wo sind die Unterschiede?

ANTONIO SCORZA via Getty Images

Also ich glaube, es gibt nichts Schöneres als einen Friends Day auf Facebook. Abgesehen davon, dass es nichts Schöneres als Friends und Facebook gibt. Und am allerschönsten sind Facebook Friends, denn diese sind so angenehm unpersönlich, dass sie einen nicht stören, im modernen Selbstdarstellungsselbstge****.

Obwohl dieses moderne Selbstdarstellungsselbstge**** schon irgendwie genial ist, in seiner komplizierten Einfachheit, denn man braucht überhaupt nicht mehr die Anerkennung des andren, um im Monitorlicht einer frivolen Selbsttätigkeit nachzugehen, es genügt schon die virtuelle Anerkennung, die man sich wunderbar selbst besorgen kann, indem man den Blödsinn tatsächlich glaubt, den man über, von und um sich herum erfindet.

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Nur noch zwei Menschen sind nicht auf Facebook zu finden: Meine Oma und Adolf

Win-Win also in der Unterbuxe. Friends Day auf Facebook jedenfalls ist etwas ganz tolles und sicherlich wird jeder dieses einmalige Event kennen, denn es existieren nur noch zwei Menschen, die nicht auf Facebook zu finden sind: Meine Oma und Adolf Hitler (zumindest nicht persönlich). Die beiden haben übrigens nichts miteinander zu tun.

Falls jemand außer Oma und Hitler den Friends Day nicht kennen sollte: Es handelt sich dabei um ein vermeintlich feinsinniges, von wahrscheinlich glattgegelten Marketingwesen, liebevoll mit Klaviertönen zusammenkomponiertes Bild-in-Bild-Geschiebe, der eigenen facebookschen - eigentlich belanglosen, aber durch viel audiovisuellen Schnickschnack aufpolierten - Vergangenheit, die wohl irgend so etwas wie Sentiment erzeugen soll. Und das gelingt sogar, eben so gut, wie Werbung das leisten kann, also in einer Mischung aus Selbstekel, Fremdekel, Weltekel, Existenzekel, Ekelekel, Superekel, Seehoferekel - ekelativ eben.

Und dann wird das lustige Friends-Day-Video nicht nur ekelig, sondern verliert ein bisschen an seiner Unschuld, spätestens, wenn die Fotos auftauchen, die gemeinsame Aktivitäten mit Freunden zeigen und noch eins und noch eins und noch eins, an Sandstränden, in hippen Szenebars, im Schlafzimmer unter einer weißen Bettdecke vergraben (mit Schatzi) - im Hintergrund trapst das Klavier rührselig vor sich hin - und in dreckigen Bahnhofstoiletten (mit dem Mann/der Frau fürs Grobe).

Der Lieblingsstalker

Dann wird das schon ungefähr so gruselig, als wenn der Lieblingsstalker mal wieder ein vermeintlich feinsinniges, liebevoll mit Klaviertönen zusammenkomponiertes Bild-in-Bild-Geschiebe auf DVD unter der doch eigentlich dreifach verschlossenen Haustüre hindurch schiebt und sein hämisches Lachen minutenlang in den dunklen Gassen der Nachbarschaft zu hören ist, widerhallend in der eigenen Furcht vor der baldigen, ganz persönlichen (nicht nur virtuellen) Auslöschung.

Ja, ungefähr so muss sich das anfühlen. Und es will einfach nicht in irgendein Weltbild passen, warum man personale Stalker kollektiv mit wie auch immer berechtigter Verachtung straft, während man virtuelle Stalker ins eigene Schlafzimmer, bzw die eigene Bahnhofsklokabine gucken lässt.

Aber das ist ja auch wieder ein alter Hut, abgegrabbelt, überflüssig und reif für die Müllkippe, was mich unweigerlich an Karneval erinnert und an die vor kurzem stattgefundene Dauerpenetration auf zu vielen Sendeplätzen.

„Gewagt", „chaotisch" und „jeck"

Ja, er hat es wieder getan, der närrische Bürger trug verrückte Hüte und noch verrücktere Perücken und er klatschte so lange apathisch in die Hände, bis diese zu bluten begannen und er nannte das ganze mal wieder „gewagt" und „chaotisch" und „jeck" in seiner überkorrekten Ausgelassenheit, mit dem Gehorsamkeitslächeln auf den Lippen, so gewagt und chaotisch und jeck ritualisiertes, monotones Klatschen eben sein kann.

Wobei der diesjährige Karneval dann doch wieder einen modernen Touch hatte, denn nun hat man sich auch auf solchen Veranstaltungen auf den neuen deutschen Konsens geeinigt (und das mit kleinbürgerlicher Wohlstandspose in Gestalt von Bernd Stelter), klipp und klar zu sagen, dass jeder willkommen ist, bis auf diejenigen, die sich daneben benehmen, denn die - ja wie genial und einfach, einfachgenial ist das denn? - können dann auch gerne wieder nach Hause gehen, gerade, wenn sie kein „freundsche Jesischt" machen. Meine Güte.

Abgesehen davon ist es, sich über Karneval aufzuregen und über das verklemmte Deutschsein, auch ein alter Hut, richtig grabbelig und irgendwie auch überflüssig, denn egal wie oft man sich darüber beschwert und wie viele Leute es einem gleich tun mögen, beides verschwindet einfach nicht, sondern metastasiert fröhlich vor sich hin.

Russlanddeutsche auf die Barrikaden

Zumindest aber, und hier liegt der Unterschied zum Friends Day auf Facebook, wird sich Deutschland sowieso bald in Luft auflösen, denn: Die Flüchtlinge kommen immer noch! Und jetzt gehen auch noch - mag man der wie man ganz oft hört aus Lügen gepressten Süddeutschen glauben - Russlanddeutsche auf die Barrikaden und sind ganz stolz - zumindest wohl die Ingolstädter - auf ihren Heiland Seehofer und dabei vergessen sie nicht nur die eigene Geschichte der Ausgrenzung, die ja wohl immer noch Bestand hat - immerhin lässt sich kein guter bayerischer Bürger eine Lästerei über das „Russenpack" (egal ob mit deutschen Wurzeln oder nicht) entgehen - sondern steigen ebenfalls, ohne mit einem einzelnen Gedanken zu zucken, auf den Kultur-determiniert-Verhalten-Zug auf und antworten auf die Konfrontation mit den Schwierigkeiten der eigenen Integration mit den wahrscheinlich o-tönigen, aber sicher ähnlichtönigen Worten: „Das ist mir im Moment wurscht" und zudem möge man nur wieder ohne Angst auf die Straße gehen.

Wie sich diese Phrase „ohne Angst auf die Straße gehen" überhaupt dermaßen etablieren konnte, bleibt schleierhaft, kann wahrscheinlich nur mit kognitiver Minderbegabung (die übrigens, so unsere einhellige gesellschaftliche Meinung, biologisch bedingt und unabänderbar ist) oder Hysterie erklärt werden - in beiden Fällen - wie es sich im ordentlichen Deutschland gehört - wäre dies ein Fall fürs Heim oder die Anstalt und da braucht man nun wirklich gar keine Angst zu haben, dass man von einem Flüchtling überfallen wird, und überhaupt, wieso bleiben diese achsoverängstigten Menschen denn nicht endlich der Straße fern, die ihnen solche Angst macht, dann könnte man sie vielleicht auch mal ernstnehmen, aber nein, da wird protestieren und demonstrieren gegangen, statt sich in der Speisekammer zusammenzukauern und einzukoten, wie es sich für jemanden gehört, der sich von einer gewaltigen Angst bedroht fühlt. Kein Wunder, dass die Politik nichts unternimmt, kommt halt schizo rüber.

Und so bleibt eigentlich nichts anderes zu zitieren, als:

"Everybody is identical in their secret unspoken belief that way deep down they are different from everyone else."

― David Foster Wallace, Infinite Jest

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