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24/02/2016 13:10 CET | Aktualisiert 24/02/2017 06:12 CET

Warum wir unsere Freundinnen noch mehr brauchen, wenn wir älter werden

huffingtonpost

Vor einigen Jahren war ich mit meiner Familie am Strand, als mir neben uns eine Gruppe von Frauen auffiel, die alle in etwa um die 50 waren.

Ich konnte auf den ersten Blick erkennen, dass sie ein Mädelswochenende zusammen verbrachten. Es deutete alles darauf hin -- die Kühlboxen und die Cocktails, die Strandtaschen mit Liebesromanen, die Strohhüte und die Sonnenschirme, die im Sand steckten -- doch das deutlichste Anzeichen dafür war ihr Gelächter.

Sie lachten und lachten, und zwar auf die Art, mit der man die Aufmerksamkeit und Neugier von allen, die sich in Hörweite befinden, erregt.

Am selben Nachmittag traf ich zwei der Frauen im Aufzug. Als ich sie darauf ansprach, dass sie viel Spaß zusammen zu haben scheinen, lächelten sie und nickten. Eine von ihnen antwortete: „Oh ja, wir haben wirklich Spaß. Wir wiederholen diesen Strandurlaub bereits seit 20 Jahren regelmäßig und wir haben schon alles zusammen durchgestanden -- Scheidungen, Todesfälle, Krebs, Arbeitslosigkeit. Verliere niemals den Kontakt zu deinen Freundinnen, meine Liebe. Je älter du wirst, desto mehr wirst du sie brauchen."

Dieses Gespräch hinterließ einen bleibenden Eindruck bei mir. Ich wusste meine Freundinnen zwar immer schon sehr zu schätzen, doch ich hatte nie darüber nachgedacht, dass ich sie im Alter sogar noch mehr brauchen würde. Und um ehrlich zu sein, habe ich mir ihre Worte erst seit dem letzten Jahr richtig zu Herzen genommen.

Denn erst seit ich in meinen 40ern bin, ist mir richtig bewusst geworden, wie real Scheidungen, Todesfälle, Krebs, Arbeitslosigkeit und andere schwere Lebenskrisen sind. Jetzt verstehe ich, was sie meinten, als sie betonten, wie wichtig Freundinnen sind, weil man in meinem Alter mit Problemen konfrontiert wird, die man sich nicht vorstellen kann, wenn man jung und unbekümmert ist.

Das, was sie hatten, war etwas ganz Besonderes.

Vergangenen Februar wurde mir bewusst, wie viel Wahrheit in dem Ratschlag steckte, den diese Frauen mir gegeben hatten, da meine Freundin Emily, die ich kennenlernte, als unsere Töchter sich anfreundeten, ihren Mann bei einem Flugzeugabsturz verlor.

Emily und Joe waren nicht irgendein Paar -- die beiden waren bereits seit ihrem 15. Lebensjahr beste Freunde und ihre unglaubliche Liebe hielt noch immer an. Das, was sie hatten, war etwas ganz Besonderes. Dass es so früh und plötzlich endete, war unfassbar, ungerecht und schwer zu begreifen.

Joes Tod traf viele Menschen sehr schwer und ihr gemeinsames Zuhause war voller Trauer und Schmerz, so viele schwere Herzen an einem Ort. Inmitten dieses Unglücks gab es jedoch auch extrem viel LIEBE. Man konnte den Heiligen Geist überall spüren, er wirkte in Emily und in den Menschen, die sie umgaben.

Als ich am Tag nach Joes Tod Emilys Haus verließ, saß ich in meinem Auto und dachte über all das nach, was ich beobachtet hatte. Was mir nicht mehr aus dem Kopf ging, war der Gedanke an die Frauen in Emilys Leben und wie toll sie waren.

Es ging nicht nur um das Essen, das mitgebracht wurde, um die Zuneigung, mit der die Familie überhäuft wurde oder die Tatsache, dass so viele Menschen alles stehen und liegen gelassen hatten, um nach Birmingham zu fahren oder zu fliegen.

Es ging darum, dass Emilys Dorf zusammenkam, dass Freunde aus ihren sämtlichen Lebensabschnitten vertreten waren (Jugend, College, Jurastudium, Arbeit und Mutterschaft) und es ging darum, wie gut alle sie kannten.

Und weil sie Emily so gut kannten, konnten sie ihr einen großen Teil ihrer Last abnehmen.

Als ich am Morgen nach Joes Tod bei Emily zu Hause ankam, fragte mich beispielsweise jemand, ob ich nicht den Nachruf für Joe schreiben könnte. Ich stimmte natürlich zu und erhielt erst einmal die Namen der noch lebenden Familienangehörigen.

Da Emily gerade einen Termin mit dem Pastor hatte, um die Beerdigung zu besprechen, begann ich mit der Hilfe von vier Freunden, die Emily und Joe schon seit Jahrzehnten kannten, mit dem Nachruf. Ich wollte erst einmal eine Rohfassung schreiben und die Lücken von Emily ausfüllen lassen.

Doch stell Dir vor! Emily musste gar keine Lücken ausfüllen, weil ihre alten Freunde die Lücken für sie ausfüllten. Gemeinsam riefen sie sich die wichtigsten Stationen in Joes Leben ins Gedächtnis: die besonderen Unternehmungen, die er immer mit seinen Töchtern geplant hatte, dass er als Erster von seinen Kommilitonen sein Jurastudium beendet hatte, bei welchen Anwaltskanzleien er gearbeitet hatte, seine Rolle als Basketball-Commissioner, wie sehr er die Missionsreise seiner Kirchengemeinde nach Maine geliebt hatte -- die Liste geht noch weiter.

Während sie redeten und ich tippte, fragte ich mich selbst: Wie viele Menschen haben Freunde, die den Nachruf für ihren Mann schreiben könnten? Und was sagt das über Emily und ihre Beziehungen aus?

Überall in Emilys Haus schwirrten Frauen herum, die sich um alles kümmerten. Als ich an einer Gruppe von Frauen aus ihrer Kirchengemeinde vorbeiging, hörte ich, wie sie die Aufbahrung und das Mittagessen mit der Familie vor der Beerdigung planten. „Das würde Emily nicht wollen, aber das würde ihr gefallen", sagten sie. „Warum bieten wir ihr nicht einfach Möglichkeit A und Möglichkeit B an?"

Als Emily eine Stunde später von ihrem Termin mit dem Pastor zurückkam, war die gröbste Arbeit bereits getan. Sie bekam den Nachruf zum Gegenlesen ausgehändigt und erhielt mehrere Optionen für den Samstag sowie Zwischeninfos von Freunden, die sich um kleinere Angelegenheiten kümmerten, damit Emily ihre Energien für die wichtigen Aufgaben aufsparen konnte.

Unsere Freundinnen können uns nicht retten, denn das kann nur Gott allein, doch Freundinnen können uns dabei helfen, ein Unglück zu verkraften. Sie können unsere Gedanken lesen und verstehen unsere Gefühle, sie wissen intuitiv, was zu tun ist -- und sie tun es dann auch.

Sie können zuhören, sich in uns hineinversetzen und uns ihr Mitgefühl zeigen. Gott kann uns durch sie Trost spenden und uns zum richtigen Zeitpunkt eine Schulter zum Ausweinen zur Verfügung stellen.

An manchen Tagen fehlt mir einfach die Zeit und Kraft dazu

Es ist nicht leicht, Freundschaften zu pflegen, wenn man mit der Erziehung seiner Kinder beschäftigt ist. An manchen Tagen fehlt mir einfach die Zeit und Kraft dazu. Doch zu sehen, wie Emily ihren Verlust bewältigte, hat mir eines klar gemacht, nämlich dass es den Heilungsprozess fördert, wenn man bereits vor dem Eintreten eines Unglücksfalls starke Beziehungen aufgebaut hat.

Der Glaube erhält Dich aufrecht und Deine Freunde und Deine Familie halten Deine Hand, während Du langsam weitergehst. Sie helfen Dir, wieder zur Normalität zurückzufinden.

Sie gehen mit Dir zum Yoga, bringen Dir etwas von Starbucks mit, gehen mit Deinen Kindern ein Eis essen, planen am Muttertag einen Mädelsausflug an den Strand, kümmern sich um die Fellpflege bei Deinem Hund, reden Dir gut zu, besuchen Dich weiterhin regelmäßig, um zu sehen, wie es Dir geht und zeigen Dir auf eine Million Arten, dass sie Dich aufrichtig lieben.

„Verliere niemals den Kontakt zu deinen Freundinnen, meine Liebe. Je älter du wirst, desto mehr wirst du sie brauchen." Die Frauen im Aufzug hatten vollkommen recht. Und wenn ich jetzt eine Gruppe wie sie sehe, die Spaß hat, wird mir klar, dass Gelächter nur ein Teil dessen ist, was so ein kompliziertes Erwachsenenleben mit sich bringt.

Und obwohl wir in unserem Leben auf jeden Fall auch tolle Männer brauchen, weil sie eine ebenso wichtige Rolle spielen, sind Männer einfach nicht dafür geschaffen, uns so zu verstehen, wie eine von uns das kann.

Manchmal braucht es einfach eine andere Frau, die intuitiv weiß, was zu tun ist -- und es dann auch tut. Oder die spürt, was gesagt werden muss -- und es dann auch sagt. Oder die unsere unausgesprochenen Gedanken und Gefühle wahrnimmt -- und sie versteht.

Gute Freunde zu haben, hängt sehr stark davon ab, ob man selbst ein guter Freund ist. Dass Emily einen so starken Freundeskreis hat, liegt an der Tatsache, dass sie in ihre Beziehungen investiert. Und genau in dem Moment, wenn sie es am dringendsten brauchen kann, zahlt es sich für sie aus.

Ich hoffe, dass diese Geschichte eine kleine Erinnerung daran ist, warum Freundinnen in guten wie in schlechten Zeiten wichtig sind, beim Lachen und beim Weinen und während der Höhen und Tiefen, die uns zeigen, wer uns langfristig zur Seite steht und wer bereit ist, unseren Kummer mit uns zu teilen.

Damit es eines Tages, wenn wir wieder einmal am Strand gemeinsam lachen, eine Geschichte gibt, damit unser Gelächter noch lauter erklingen kann und die Neugier von allen, die sich in Hörweite befinden, erregt.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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