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13/02/2017 07:43 CET | Aktualisiert 14/02/2018 06:12 CET

Der traurige Grund, warum Depressionen so oft unentdeckt bleiben

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Ich habe unzählige Artikel darüber gelesen, wie furchtbar es ist, an einer Krankheit zu leiden, die andere Menschen nicht sehen können. Eine Krankheit, über die andere Menschen schnell urteilen.

Ich habe auch viel über Betroffene gelesen, die von ihren Familien, Freunden und Kollegen nicht ernst genommen werden, wenn sie ihre intimsten und dunkelsten Gedanken mit ihnen teilen.

Ich bin Psychologin. Vor kurzem kam ich auf einer Veranstaltung mit anderen Menschen zusammen, die ebenfalls in diesem Bereich arbeiten (Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiater, Wissenschaftler, Professoren).

Auf dieser Veranstaltung wurde eine neue Therapie vorgestellt und als der Sprecher mit seinem Vortrag begann, fragte er uns, wie eine psychische Erkrankung auf einen Menschen Einfluss nimmt.

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Jemand antwortete, dass der Betroffene Schwierigkeiten in bestimmten Bereichen seines Lebens habe. Ein anderer antwortete, dass die Betroffenen stark leiden. Eine dritte Person sagte, dass psychisch kranke Menschen in der Gesellschaft nicht funktionieren.

Ich wartete darauf, dass jemand dem widersprechen würde, aber stattdessen nickten alle nur und auch der Sprecher stimmte den Meinungen zu.

Ich fühlte mich plötzlich sehr unwohl. Mein Herz raste, weil mich die Aussagen so wütend machten. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich die Anwesenden nicht kannte und ich zudem unter einer leichten Form von Sozialphobie leide.

Die Aussagen wurden von niemanden im Raum infrage gestellt. Und genau das brachte das Problem auf den Punkt: Hoch-funktionale Menschen, die unter einer psychischen Erkrankung leiden, werden von der Gesellschaft einfach nicht ernst genommen.

Doch was bedeutet das genau? Ich kann innerlich sterben, während ich ganz normal meinem Alltag nachgehe.

Ich weiß genau, welches Verhalten andere von mir erwarten, das ist keine Schwierigkeit für mich. Gut zu funktionieren ist ein kognitiver Prozess. Wahrscheinlich könnte jeder ohne weiteres erzählen, wie sich ein psychisch stabiler oder psychisch gesunder Mensch verhält.

Es ist wirklich einfach. Eine allgemein akzeptierte Lebensweise ist die, jeden Morgen aufzustehen, ein gepflegtes Äußeres zu besitzen, sich um all die Dinge zu kümmern, die jeden Tag anfallen, regelmäßig zu essen und am Ende des Tages schlafen zu gehen. Das ist alles zu schaffen, ganz egal, wie man sich innerlich fühlt. Zu sagen es sei schwer, ist untertrieben.

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Hoch-funktionale Menschen handeln nicht so, weil sie andere Menschen hinters Licht führen wollen. Sie handeln so, weil sie ein Teil der Gesellschaft sein wollen.

Sie wollen produktiv sein. Sie arbeiten hart daran, ihre Krankheit zu überwinden. Sie wollen sich nicht auf andere verlassen, die für sie einspringen und sich um sie kümmern. Sie wollen kein Mitleid.

Wenn also ein hoch-funktionaler Mensch um Hilfe bittet oder sich selbst oder anderen gegenüber Probleme eingesteht, dann gehört dazu eine Menge Mut.

Diese Menschen arbeiten hart daran, jeden einzelnen Tag für sich selbst eine normale Welt zu schaffen. Sie haben Angst davor, sich eine psychische Erkrankung einzugestehen.

Wenn sie sich dann schließlich dazu überwinden, dann stoßen sie oft auf wenig Verständnis und mangelnde Empathie. Nicht nur von ihrem sozialen Umfeld, sondern auch von den Experten für psychische Erkrankungen. Das kann sehr niederschmetternd sein.

Dank meines Berufes kann ich diese Dinge erkennen. Aber ich muss auch zugeben, dass ich diesbezüglich Glück habe (oder auch Pech), weil ich selber an einer psychischen Erkrankung leide.

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Wenn man damit kämpft, nicht ernst genommen zu werden, dann ist mein Rat, auf sich selbst zu vertrauen. Denn niemand kennt dich besser als du selbst.

Niemand hat das Recht, deine Probleme zu verharmlosen. Egal was passiert, man sollte sich jemanden suchen, der zuhört und deine Gefühle ernst nimmt. Lass dich nicht entmutigen. Ich weiß, dass es schwer ist, sich professionelle Hilfe zu suchen und dann auf einen Therapeuten zu treffen, der deine Probleme nicht versteht, obwohl er es eigentlich sollte.

Das Problem der meisten Therapeuten ist es, dass sie selbst den menschlichen Geist nicht verstehen.

Am Ende habe ich mich dann auf der Veranstaltung doch noch zu Wort gemeldet. Ich bin ganz schön rot geworden, als ich den Aussagen, denen vorher alle zugestimmt hatten, widersprochen habe.

Ich sagte den versammelten Experten, dass es ein furchtbarer Fehler sei, einem Menschen eine psychische Erkrankung abzusprechen, nur weil dieser Mensch im alltäglichen Leben wunderbar funktioniert.

Dieses alltägliche "Funktionieren" ist selbst ein Symptom und es ist abhängig von der Krankheit der Betroffenen. Auf meine Einwände erhielt ich keine Antwort.

Der Sprecher nickte nur und führte seinen Vortrag unbeirrt fort.

Dieser Text erschien zuerst auf "The Mighty" und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)