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21/04/2015 12:01 CEST | Aktualisiert 21/06/2015 07:12 CEST

Warum wir keine Angst vor Veränderung haben müssen

Veränderungen können Menschen Angst machen. Zumal die Geschichte zeigt, dass wir vor Veränderungen nicht fliehen können. Dabei sind Veränderungen Gelegenheiten, die beides bieten: Vor- und Nachteile.

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"Doch wo Licht ist, ist auch Schatten!" - ein weiser Spruch, der nicht besser ausdrücken könnte, wie wir Veränderungen in einer Gesellschaft begegnen sollten. Denn Veränderung an sich stellt zunächst einen Prozess dar, der in ihrem Wesen dichotom ist: Eine Veränderung kann etwas möglich machen oder Möglichkeiten einschränken, Erwünschtes beschleunigen oder abbremsen, sie kann zu Frieden aber auch zu Kriegen führen, sie tragen zum Umweltschutz bei oder sie machen schlicht viel Müll.

Eine Hürde, die uns daran hindert, gelassener mit Veränderungen in der Zukunft umzugehen, ist ihre Ungewissheit. Im Gegensatz zur Zukunft ist Vergangenheit ein Zustand der absoluten Information: wir wissen, ob sie gut oder schlecht für uns war, weil sie geschehen ist. Und wenn sie schlecht war, haben wir es irgendwie überlebt, also kann es nicht so schlecht für uns gewesen sein.

Zukunftsskepsis ist eine anthropoligische Konstante

Schon Aristoteles war ein Zukunftspessimist. "Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt.", sagte er zu Lebzeiten. "Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen."

Die Menschheitsgeschichte ist durchsetzt mit solchen "Früher war alles besser"-Proklamationen. Schriftsteller, Philosophen, Politiker, die betrübt in die Zukunft blickten und nach der Vergangenheit sehnten. Wenn man möchte, so ist die Zukunftsskepsis eine anthropologische Konstante, so dass es auch in der Zukunft Menschen geben wird, die den Dieselmotor, die 60-Watt-Glühbirne, das "Facebook von damals" oder das "gute alte Internet" vermissen werden.

Und diese Zukunftsskepsis ist deswegen eine anthropologische Konstante, weil sie ökonomisch vernünftig ist. Die Vergangenheit zeichnet sich durch vollkommene Information aus. Die Ereignisse sind geschehen. Der Zustand der Unsicherheit ist überwunden, für die auch eine Lösung gefunden wurde. Warum also Kraft, Zeit und Geld, alles knappe Ressourcen, in etwas investieren, das in der Zukunft so oder so ausgehen könnte?

Nur blöd, dass am anderen Ende der Welt, ein kongeniales Paar mit den Namen Steve Jobs und Steve Wozniak an etwas arbeiten, das die Art, wie wir arbeiten, nachhaltig verändern wird. Und der Gürtel wurde Ende der 1990er Jahre wieder enger geschnallt, als die kapitalistische Öffnung eines kommunistischen Landes, das damals zur Dritten Welt gehörte, zu einem ernst zunehmenden Konkurrenten für die westlichen Volkswirtschaften geworden ist.

Veränderung ist die Dialektik komplementärer Kräfte

Ein Wesensmerkmal dieser anthropologischen Konstante ist also ihre Labilität. Ein Mensch, eine Gruppe, eine Stadt, eine Region, eine Nation oder eine Weltregion mögen den Zustand der vollkommenen Stabilität erreicht haben, aber dann passiert die Krim-Krise, der demografische Wandel, der Strukturwandel wie im Ruhrgebiet, die Pleite einer Firma, die nahezu jeden Menschen einer Stadt beschäftigte, ein Machtkampf, der zum Zerwürfnis in einer Partei führte oder ein Unfall mit Todesfolge, die einen Menschen zum Umdenken gezwungen hat.

Die oben erwähnte Dichotomie ist beim genaueren Hinsehen aber eine Dialektik zwischen zwei gegensätzlichen oder komplementären Kräften, die etwas Neues hervorbringen. Und diese Erkenntnis ist im Umgang mit der Zukunft wichtig: Wir sind der Zukunft, die sich durch Ungewissheit auszeichnet, nicht ohnmächtig ergeben.

Sie bietet uns Handlungs- und Gestaltungsspielräume an, für die wir nun einmal Geld, Kraft, Kreativität und Zeit aufwenden müssen. Aber die Geschichte zeigt uns, dass es sich nicht nur lohnt, sich damit auseinanderzusetzen. Wir haben auch keine andere Wahl.

Und wenn sich am Horizont eine Veränderung anbahnt, die dunkle Wolken vor sich schiebt, sollten wir uns im Sinne der Dialektik bewusst werden: "Wo es Schatten gibt, muss es auch Licht geben."


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