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09/04/2016 09:46 CEST | Aktualisiert 10/04/2017 07:12 CEST

Der unterschätzte Donald Trump

Carlo Allegri / Reuters

Jahrelang liebäugelte Donald J. Trump mit einer Präsidentschaftskandidatur. Ernstgenommen hatte ihn niemand. Umso überraschender war für die politischen Berichterstatter seine Verkündung im Sommer 2015 in den republikanischen Vorwahlkampf einzusteigen.

Doch Trump wurde weiter belächelt. Von seinen Konkurrenten, Politikern, Medien und Wissenschaftlern. Der Immobilienmogul hätte nicht die geringste Chance Kandidat der Republikaner zu werden, so die einhellige Meinung. Dennoch führte Trump urplötzlich die Umfragen an.

Die übereinstimmende Meinung zu diesem Zeitpunkt: Es ist noch früh im Vor-Vorwahlkampf. Sobald sich die ersten Vorwahlen nähern, wird sich einiges in den Umfragen verschieben.

Und tatsächlich, die erste Vorwahl wurde von Ted Cruz gewonnen. Mit dem Verlust des Gewinnerimages sei Trump entzaubert. War zumindest dies eine ernstzunehmende Prognose oder eher die Hoffnung der Verzweiflung?

Trump belehrte alle Zweifler eines besseren, gewann die nächsten Vorwahlen und setzte sich kontinuierlich von seinen Konkurrenten ab. Im dritten Monat der republikanischen Vorwahlen liegt Trump komfortabel in Front.

Wenngleich es mitnichten sicher ist, dass Trump auch die benötigte absolute Delegiertenmehrheit auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner erreicht, führt der Weg zum Präsidentschaftskandidaten nur über den politischen Außenseiter aus New York.

Ein Präsidentschaftskandidat Trump würde als Außenseiter in die Wahl gehen

Und wieder erklingen die Stimmen, dass ein (wahrscheinlicher) Präsidentschaftskandidat Trump gegen die demokratische Kandidatin, die voraussichtlich Hillary Clinton sein wird, bei der Hauptwahl im November keine Chance haben wird.

Abermals spricht vieles für eine Wette gegen einen Erfolg von Trump. Einerseits haben sich die demographischen Vorteile der Demokraten weiter verstärkt. Minderheiten, unverheiratete Frauen und Millenials tendieren traditionell zur demokratischen Partei. Gruppen, deren Bevölkerungsanteil in den vergangenen Jahren weiter zugenommen hat.

Andererseits sehen aktuelle Umfragen zu einem möglichen Duell Clinton gegen Trump die ehemalige Außenministerin als klare Favoritin. Freilich sind solche Daten zum jetzigen Zeitpunkt noch wenig aussagekräftig.

Gleichwohl ist Clintons Vorsprung mit 49,7% zu Trumps 39,1% beträchtlich. Im Wahlmännerkollegium, schließlich geht es bei der Wahl um die Delegierten der einzelnen Staaten, kommt Clinton auf 347 Stimmen zu Trumps 191.

Doch auch Ronald Reagan lag im März 1980 satte 25 Prozentpunkte hinter Jimmy Carter - und gewann dennoch die Wahl. Ebenso sollte nach den Erfahrungen der vergangenen Monate Trump mitnichten unterschätzt werden. Der US-Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2016 schreibt seine eigenen Gesetze.

Denn auch die Aspekte, welche für einen erfolgreichen Wahlkampf Trumps sprechen, sind vielfältiger Natur:

Clinton verkörpert Establishment

Trump hatte bisher weder ein politisches Amt inne noch hatte er sich um eines beworben. Diese politische Unerfahrenheit ist seine größte Stärke, da das Vertrauen in Berufspolitiker in den USA auf einem Tiefpunkt angelangt ist. Gerade einmal zehn Prozent der Bevölkerung sind mit der Arbeit ihrer Kongressabgeordneten zufrieden.

Sollte Hillary Clinton die demokratische Kandidatin werden, kann Trump diesen Vorteil ausspielen. Kaum ein anderer US-Politiker verkörpert das politische Establishment so sehr wie Clinton. Egal ob als First Lady, Senatorin oder Außenministerin - Clinton ist seit Jahrzehnten im politischen Geschäft. Im demokratischen Vorwahlkampf ist dies schon für den politischen Außenseiter von links, Bernie Sanders, von Nutzen.

Trump trifft mit Themenauswahl den Nerv der Wählerschaft

Trump kümmert politische Korrektheit wenig und spricht Themen ohne Rücksicht auf Verluste an. Seine Direktheit empfinden viele Amerikaner als willkommene Abwechslung zum alltäglichen Politikersprech, den auch Hillary Clinton perfekt beherrscht. Mit Themen wie Migration, Terrorismus, Wirtschaft und Freihandel trifft Trump zudem den Nerv der Bevölkerung.

Teflon-Trump

Mit seinen unkorrekten Aussagen schießt Trump jedoch auch des Öfteren über das Ziel hinaus. Egal ob Frauen, Mexikaner, Behinderte oder Kriegshelden - Trump hat schon nahezu jede Gruppe beleidigt. Seinem Erfolg bei den innerparteilichen Vorwahlen konnte dies kaum etwas anhaben. An Trump scheinen Skandale nur so abzuperlen.

Teflon-Clinton?

In den vergangenen Jahren hat auch Hillary Clinton diese Eigenschaft nahezu perfekt verkörpert. Bisher haben ihr diverse Skandale noch keine Wahlen oder Ämter gekostet. Das Vertrauen in ihre Person ist jedoch nachhaltig beschädigt. Turbulenzen um ihre Stiftung, außenpolitische Entscheidungen und ihrem eMail-Konto machen Clinton angreifbarer denn je.

Trump hat Republikanern neue Wählergruppen erschlossen

Des Weiteren hat Donald Trump der republikanischen Partei neue Wählergruppen erschlossen. Insbesondere weiße, weniger gebildete Nichtwähler weiß Trump auf seiner Seite. Die Folge: Bei den ersten 15 Vorwahlen nahmen drei Millionen mehr Wähler bei Republikanern teil als bei Demokraten.

Die hohe Wahlbeteiligung führt zu einem energiegeladenen republikanischen Wahlkampf. Trumps treue, weiße Wähler der Arbeiterklasse könnten dazu führen, dass umkämpfte Staaten wie Ohio, Pennsylvania, Wisconsin oder Michigan bei der Wahl im November zur republikanischen Partei tendieren könnten.

Wie einst Barack Obama Afro-Amerikaner mobilisierte und diese Euphoriewelle mit in die Hauptwahl nahm, ist es durchaus möglich, dass Trump dies mit seinem Wählerklientel nachahmt.

Im Gegensatz hierzu ist es fraglich, ob Clinton die einst von Obama geschmiedete Koalition der Minderheiten hinter sich bringen kann. Gleichwohl erweist sich selbstredend Trumps Herausforderung, ob dessen Neuwähler den weiteren Verlust an Minderheitenstimmen decken können.

Wer Obama nachfolgt ist nicht prognostizierbar

Bis zur Präsidentschaftswahl am 8. November 2016 kann noch vieles passieren. Terroranschläge, die Wirtschaftslage, Skandale und vieles mehr sind potentielle Einflussfaktoren auf den Wahlausgang. Die von den Medien schon ausgerufene Siegerin Hillary Clinton hat noch einen weiten Weg vor sich.

Vielleicht bringt sogar noch ein dritter, „unabhängiger" Kandidat das Duell zwischen Demokraten und Republikaner durcheinander. Es hätte einmal mehr niemand vorausgesehen.

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