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19/08/2015 11:08 CEST | Aktualisiert 19/08/2016 07:12 CEST

Öffnet die Universitäten für Flüchtlinge!

Spencer Platt via Getty Images

Weltweit fliehen mehrere Millionen Menschen vor Krieg und Verfolgung. Hierzulande ist mit bis zu 750.000 schutzsuchenden Flüchtlingen zu rechnen. Nach Verfolgung und Fluchtstrapazen müssen sie hier in Sicherheit leben und zur Ruhe kommen können.

Wir als Zivilgesellschaft sind gefordert zu handeln: empathisch, zupackend und solidarisch. Wichtigste Mission unserer Zeit: sich vom Einwanderungsland zum Aufnahmeland mit echter Willkommenskultur und Chancen für alle zu entwickeln.

Im Fokus stehen Unterbringungsfragen. Zweifelsohne die akuteste Herausforderung für Länder und Kommunen, für die sie viel mehr Unterstützung vom Bund benötigen. Aber es geht um mehr. Menschen auf der Flucht haben ihre Familie, Freunde und Heimat zurücklassen müssen.

Nicht verloren haben sie ihr Wissen und ihre Kompetenzen. Also seht Flüchtlinge als Menschen mit Potenzial und Talent! Sie bringen mit: Lebenserfahrung, Lernwille und Neugierde, Lust auf Bildung. Sie wollen sich einbringen, mitmachen und in der neuen Heimat Fuß fassen. Dieses Geschenk sollten wir annehmen und Flüchtlinge in allen Bildungseinrichtungen willkommen heißen.

Die Hochschulen nehmen dafür eine Schlüsselrolle ein. Hochschulen sind elementarer Teil des sozialen Lebens und können der Gesellschaft durch Engagement für Flüchtlinge etwas zurückgeben. Unsere Wissensgesellschaft breitet die Arme aus - Campus öffne dich!

(Unter dem Video geht's weiter)

So viele Jobs nehmen Flüchtlinge den Deutschen weg

Internationalisierung: Deutschland profitiert

Gerade Wissenschaft lebt Weltoffenheit und braucht Internationalität wie kaum ein anderer Bereich der Gesellschaft. Weltweit sind wir drittbeliebtestes Gastland für internationale Studierende. Deutschland profitiert intellektuell, gesellschaftlich und wirtschaftlich davon.

Diese positiven Effekte müssen wir weiter ausbauen - keinesfalls dürfen sie ausgebremst oder begrenzt werden. Denn als demographisch schrumpfende und zugleich innovative Volkswirtschaft bleibt Deutschland nur mit Weltoffenheit und „Brain Circulation" hochkreativ und zukunftsfähig.

Es wäre fatal eng gedacht, Internationalisierung auf Studierende zu beschränken, die aus EU-Staaten oder mit Visa gezielt zum Studium nach Deutschland kommen. Zu Internationalität und Willkommenskultur gehört, dass Flüchtlinge, die in ihrem Heimatland studiert haben oder studieren wollten, schnell und unbürokratisch zum Studium zugelassen werden.

Jede Hochschule sollte sich einbringen

Die Länder sind zusammen mit den Landes-Hochschulrektorenkonferenzen gefordert, Selbstverpflichtungen oder Vereinbarungen zu treffen.

Als eine Blaupause kann das Memorandum von Land und Hochschulen in Nordrhein-Westfalen dienen. Darin verpflichten sich die Partner, studierwillige Flüchtlinge aus Krisengebieten bei der Aufnahme eines Studiums zu unterstützen. Flüchtlingen solle bei der Wohnungssuche und der Beantragung von finanzieller Hilfe unter die Arme gegriffen werden.

Sofern ein Studienabschluss schon vorliegt, solle bei der Anerkennung der Abschlüsse beraten, Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung aufgezeigt werden. Hochschulen sind auch Orte der Integration von Flüchtlingen: Schon jetzt engagieren sich dafür viele Freiwillige an Universitäten und Fachhochschulen.

Angehende Juristinnen und Juristen geben Rechtsberatung, Germanistik-Studierende Deutschkurse. Andere organisieren Vorlesungen oder stehen als Mentor oder Mentorin mit Rat und Tat bei den ersten Schritten in Deutschland zur Seite.

Die soziale Infrastruktur auf dem Campus lässt sich für Flüchtlinge öffnen: von Verpflegung in Mensen über Hochschulsport bis zur psychologischen Beratung von Traumatisierten ist vieles denkbar und machbar. Mentoring und Talentscouting sollten flächendeckend hochschulische Praxis werden.

Mit Service-Learning kommen Studierende mit der Praxis in Kontakt. Durch ihren Einsatz für Flüchtlinge erhalten sie eine klare Vorstellung vom Ausmaß der Krisen auf der Welt und wachsen zu Verantwortungsträgern heran.

Flüchtlinge wiederum können Netzwerke und Freundeskreise aufbauen. Sie erhalten eine Perspektive anstatt zu Tatenlosigkeit verurteilt zu sein. Hochschulen und Länder sollten dieses Engagement stärken und unterstützen.

Ausbildungsfinanzierung sichern

Auch für den Bund bleibt noch viel zu tun, vor allem bei der Finanzierung von Ausbildung und Studium. Flüchtlinge und Asylsuchende müssen endlich schnelleren Zugang zur Ausbildungsförderung erhalten.

Es muss selbstverständlich sein, nach drei Monaten Aufenthalt in Deutschland Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) bzw. der Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) erhalten zu können. Die Absenkung auf 15 Monate zum nächsten Jahr, wie es die Bundesregierung plant, reicht bei weitem nicht aus.

Daneben muss die Stipendienförderung für geflüchtete Studierende und Studieninteressierte auf die tatsächliche Nachfrage ausgerichtet werden. Allein 5.000 syrische Studierende haben sich 2014 beim DAAD um ein Stipendium beworben.

Dafür hat das Auswärtige Amt nur 200 Plätze finanziert. Der Bedarf ist also weitaus höher als das Angebot. Daher müssen Bund und Länder Stipendienprogramme für Flüchtlinge dringend ausbauen. Geld ist vorhanden, denn die Mittel des erfolglosen „Deutschlandstipendiums" lassen sich zügig für Flüchtlings-Stipendien umwidmen.

Die Potenziale und Talente von Flüchtlingen müssen sich schnell entfalten können, breite Wege auf den Campus und in den Arbeitsmarkt geebnet werden. Geflohene Menschen brauchen echte Aufnahme, Ausbildung und Aufstiegswege. Lasst uns Flüchtlinge von heute zu Bürgern und Botschafter Deutschlands von morgen machen! Diese Chance lassen wir uns von Rassisten nicht kaputt machen, sondern packen an!

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

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Faktencheck: Was bekommen Flüchtlinge eigentlich alles in Deutschland?


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