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27/10/2015 10:56 CET | Aktualisiert 27/10/2016 07:12 CEST

Kai Noon - Die Bundesliga-Kolumne: Kurzzeitige Gesetzeslücke

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Die Trainer Schubert und Zorniger haben das, was dem jeweils anderen gerade fehlt.

Nur, damit wir von der gleichen Grundlage ausgehen. Ein Gesetz der Liga ist seit Jahrzehnten gleich und hat sich wahrscheinlich statistisch sogar bewährt. Trainer ohne Erfolg werden entlassen. Die anderen bekommen einen langfristigen Vertrag. Bisher.

Aktuell wird zeitgleich in zwei Fällen dieses Gesetz einfach außer Kraft gesetzt. In Mönchengladbach. Und bei Alexander Zorniger. Die unterschiedliche Fokussierung, „Verein" auf der einen und „Person" auf der anderen Seite, macht das Thema so außergewöhnlich.

Ich trete hier nicht an, um irgendetwas zu fordern. Weder einen Vertrag für André Schubert und schon gar nicht die Entlassung von Alexander Zorniger. Ich versuche nur zu verstehen, warum die Fußball-Welt auch funktionieren kann, wenn sie sich andersherum dreht.

Gegensätzlicher geht es kaum

Hier ist der zurückhaltend sachliche Andre Schubert. Der hat Gladbach wieder in die Erfolgsspur gebracht, aber den Verein noch nicht vollständig davon überzeugen können, mehr als eine Übergangslösung zu sein. Dagegen steht der selbstbewusst extrovertierte Alexander Zorniger. Der schafft es selbst als Drittletzter der Liga, die Verantwortlichen des Vereins in der Öffentlichkeit ruhigzustellen.

Alexander Zorniger wirkt wie ein polternder, arroganter Besserwisser, der sich seiner Außenwirkung nicht nur bewusst ist, sondern diese auch noch pflegt. Das ist nicht neu und das sei ihm auch gestattet. Es hat etwas abstoßend Faszinierendes, diesen Mann ohne große Reputation und ohne ausreichende Erfolge dermaßen überzeugt auftreten zu sehen.

André Schubert wirkt in seiner flauschig grünen Kapuzenjacke dagegen eher wie ein Maskottchen. Die Trainerjobs in Paderborn, St. Pauli und beim DFB waren wertvolle Erfahrungen, aber keine ernsthaften Referenzen. Er ist höflich und sachlich, ohne erkennbare Extreme. So ein Auftreten führt selbst im Erfolgsfall dazu, dass es viel länger dauert, andere von sich zu überzeugen.

Alte Sorgen, neues Problem

Das Stuttgarter 3:4 am vergangenen Wochenende in Leverkusen bringt Alexander Zorniger jetzt allerdings in große Not. Zum wiederholten Mal geht der VfB nach spektakulärer Spielweise als Verlierer vom Platz. Dieses Spiel, nach 3:1-Führung, hätten selbst die Münchner Löwen über die Runden gebracht - und die stehen im Moment als Sinnbild chronischer Erfolglosigkeit im Profifußball.

Zorniger allerdings wollte nicht nur das Spiel gewinnen. Er wollte es im Zorniger-Stil gewinnen. Volle Pulle bis zum Schluss. Ende Oktober muss man sagen dürfen: Da geht es einem Trainer ausschließlich um sich. Stuttgart ist dabei nur der Verein, den Zorniger gerade trainiert. Der VfB tut mir leid. Nicht wegen der Misserfolge. Ich denke, es traut sich keiner, die Probleme einfach mal anzusprechen.

Machen Sie mal etwas Krasses: Stellen Sie sich vor, Zorniger hätte den Erfolg von Schubert. Mit fünf Siegen aus fünf Spielen in der Bundesliga. Oder Schubert wäre so wie Zorniger. Mit dieser Wucht. Unvorstellbar. Stattdessen kämpft der Borussen Trainer weiter um die verdiente Anerkennung. Bisher ist er derjenige, der die Mannschaft wieder auf das Niveau seines Vorgängers zurückgebracht hat. Was sehr viel ist, aber offensichtlich nicht alles.

Bewerbungsgespräch Teil 2

Gladbach kann, mit Ausnahme von Pep Guardiola, José Mourinho und wenigen anderen, jeden Trainer der Welt haben. Die Borussia ist wieder wer. Aber Gladbach bleibt der unaufgeregten, wohl durchdachten Art treu. Sie pokern nicht, oder warten auf einen besseren, oder gar den Moment, in dem Schubert durch Niederlagen aus dem Raster fällt. Schubert kriegt seine Chance. Der Welpen-Schutz der ersten vier Wochen, den er selbst gar nicht wollt, ist (endlich) vorbei.

Der Gladbacher Weg bis hierher funktioniert nur, weil alle die Ruhe bewahren. Selbst die potentiellen Trainerkandidaten in der Warteschleife, die befürchten müssen, es am Ende doch nicht zu werden. Irgendwann naht selbst im scheinbar idyllischen Mönchengladbach der Moment der Entscheidung. Die Geduld der Öffentlichkeit ist auch bei dieser bisher hinreißend kitschigen Erfolgsgeschichte nicht unendlich. So ist das eben in der Bundesliga.

Und Zorniger? Was soll ich sagen? Ich habe nicht mal dieses voyeuristische Bedürfnis, so einen möglichst tief fallen zu sehen. Ich erwische mich sogar dabei, dass ich mir vorstelle, was erst wird, wenn das System Zorniger regelmäßig auf dem Platz funktioniert.

Ich glaube, genau so und nur so funktioniert das „Prinzip" Zorniger. Nicht er muss der (Fußball-) Welt zeigen, dass sein System richtig ist. Die Kritiker müssen ihm beweisen, dass es so niemals Erfolg haben wird. Das ist ein interessanter Ansatz. Auf Dauer aber keiner für die Gesetze der Liga, auch wenn sie grade kurzfristig nicht gelten.

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