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04/04/2016 13:58 CEST | Aktualisiert 05/04/2017 07:12 CEST

Kai Noon - Die Bundesliga-Kolumne: Strohhalme ausverkauft

dpa

Der VfL Wolfsburg sucht vor dem Madrid-Spiel nach der Form und einem Mutmacher

Nach der Auslosung des Viertelfinals in der Champions League sind aus Wolfsburger Sicht zwei Stimmungen im Gedächtnis geblieben. Der Satz von Manager Klaus Allofs, der schmunzelnd fragte, ob die von Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge geforderte Setzliste „jetzt schon umgesetzt werde" - die Topteams Real Madrid und Bayern München bekamen die Underdogs VfL Wolfsburg und Benfica Lissabon zugelost. Plus die recht unverblümt ausgesprochene Hoffnung, dass Real Madrid nicht in Form und damit schlagbar sei.

Dabei wurde großzügig unterschlagen, dass auch der niedersächsische Bundesligist schon zum Zeitpunkt der Auslosung weit hinter den Möglichkeiten geblieben war und am vergangenen Freitag mit dem 0:3 in Leverkusen den ungebremsten Fall nachhaltig bestätigte. Einen Tag später spielte Real lange Zeit nicht gut in Barcelona, gewann am Ende aber mit 2:1 und der VfL muss sich spätestens jetzt einen anderen „Strohhalm" suchen, mit dem man wenigstens etwas Hoffnung vor dem größten Spiel der Vereinsgeschichte heraussaugen kann. Aber Strohhalme sind ausverkauft in Wolfsburg.

Was den Wolfsburgern bisher komplett fehlt, ist die Bestätigung der Erfolge.

Alle paar Jahre „haut" der VfL sportlich einen raus. Aufstieg 1997, Deutscher Meister 2009, Vizemeister und Pokalsieger 2015. Damit kann man sich eigentlich vor die Tür trauen. Was den Wolfsburgern bisher komplett fehlt, ist die Bestätigung der Erfolge. Zumindest ich bin nicht bereit, für die aktuelle Saison die Erklärung (oder Ausrede) gelten zu lassen: Die Mannschaft konzentriert sich voll auf die Champions League und opfert dafür die Bundesliga an stinknormalen Werktagen. Dafür ist das Team viel zu teuer, verfügt über zu viele namhafte Spieler - und zeigt deutlich zu viele bestenfalls durchschnittliche Leistungen.

Die Situation nach der überraschenden Meisterschaft muss anders bewertet werden als die aktuelle. Damals war das Team für eine Überraschung gut, aber bei weitem kein Spitzenteam für konstant hohe Ansprüche. Die Pokalsieger von 2015 könnten das sein, aber sie zeigen das immer wiederkehrende Wolfsburger Problem: Die Mannschaft hat Potential, ist teuer und bekommt ein sorgsames Umfeld - aber es fehlt, nennen Sie es, wie Sie wollen, der Biss, die Bereitschaft, die Motivation, mehr zu tun als im erfolgreichen Vorjahr. In Wolfsburg geht es ihnen gut, unabhängig vom sportlichen Erfolg.

Die Weltmeister Andre Schürrle und Julian Draxler haben überragende Fähigkeiten. Neuzugang Max Kruse auch. Der wäre unumstrittener Teil des Kaders der Nationalmannschaft, wenn er sich nicht wiederholt mit Schlagzeilen aus seinem Privatleben selbst ins Abseits stellen würde. Keiner der drei allerdings ist ein Führungsspieler, der das gesamte Team in schwierigen Phasen mitnehmen kann. Wenn es läuft, kann jeder von ihnen alleine ein Spiel gewinnen.

Aber das Spiel und die gesamte Profiabteilung sind gemeinsam mit dem Hauptsponsor auf große Namen ausgerichtet. Auf die Erwähnten, auf Abwehrspieler Dante, der gerade in den „kleineren" Partien zu Unkonzentriertheiten neigt und auf einen nicht sozialisierbaren Stürmer wie Nicklas Bendter, von dem sich der VfL viel zu lange hat auf der Nase herumtanzen lassen. Das Signal auch nach Innen war fatal: Wir wollen Stars und die genießen (fast) unbegrenzten Kredit. Spieler wie Kevin de Bruyne, die aus ihrem Wechselwunsch kein Geheimnis machen und trotzdem noch eine glänzende Saison hinlegen, sind nicht nur in Wolfsburg eine Seltenheit.

Die Verletzung von Draxler, die Formkrise von Schürrle und die Eskapaden von Kruse und Bendtner sind einfach zu viel.

Bleibt die Rolle von Trainer Dieter Hecking. Natürlich stellt sich mir die Frage, ob eine so große Zahl von Topstars einen Trainer mit einem ganz großen Namen braucht, damit sie konstant laufen? Ein „Nein" von Hecking hat dieselbe Bedeutung, klingt aber natürlich ganz anders als ein „Nein" von Guardiola, Mourinho oder Klopp. Das ist selbstverständlich nicht „fair", aber so sind die Gesetze - auch außerhalb des Fußballs. Ich bin allerdings der Meinung, dass selbst der Hochadel der Trainerzunft in Wolfsburg diese Schwierigkeiten bekommen hätte. Die Verletzung von Draxler, die Formkrise von Schürrle und die Eskapaden von Kruse und Bendtner sind einfach zu viel.

Bislang kann sich der VfL Wolfsburg auch gar nicht erlauben, mehrere der Stars gleichzeitig auf der Bank zu lassen. Das wäre ein fatales Signal nach Außen. Wer von den Hochbegabten in die Autostadt geht, der will viel verdienen und so etwas wie eine Garantie auf einen Stammplatz. Sonst kommt kaum noch einer aus dieser Preisklasse. Dieses Risiko hat der VfL im vergangenen Jahrzehnt gescheut. Sie konnten es sich leisten.

Im Zuge des Abgasskandals wird es jetzt allerdings spannend. Ich habe keine Vorstellung, wie die Chefs des Autobauers in Sachen Sportsponsoring entscheiden. Eine Variante ist, jetzt erst recht zu klotzen, gerade im Fußball. Das andere Extrem ist eine drastische Kürzung des Etats für den VfL. Zugegeben, aktuell heißt die Formel im Bundesliga-Business: Kein Geld gleich kein Erfolg. Auf der anderen Seite zeigt Wolfsburg (ähnlich wie einige Klubs aus dem „Ablösesummen-Paradies" Premier League in England): Die Formel funktioniert auch genauso MIT Geld.

Aber gut, das ist Zukunftsmusik. Und die Saison in Wolfsburg ist ja noch nicht verloren. Real Madrid ist ja noch da. Das Mindeste, was der VfL da rausholen kann, ist die Erinnerung an das Erreichen des Viertelfinals und das Aus gegen einen der ganz Großen der Fußball-Welt. Aber einen „Strohhalm" für den Traum vom Halbfinale? Nicht in Wolfsburg. Den müssen die Königlichen aus der spanischen Hauptstadt dem VfL schon mitbringen.

Vielleicht gibt es die Chance, dass Real den Gegner unterschätzt, so wie der sich im Moment darstellt. Allerdings muss der Strohhalm schon ein sehr großer sein, damit er reicht für Hin- UND Rückspiel.

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