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02/03/2015 09:17 CET | Aktualisiert 02/05/2015 07:12 CEST

Kai Noon - Die Bundesliga-Kolumne: „Schön Hässlich?"

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Nach der Derbyniederlage ahnt Schalke 04, dass mehr Offensive sogar erfolgreich sein kann.

Einen Schönheitspreis gibt es in der Bundesliga nicht. Und selbst wenn, dann wäre Schalkes Fußball dafür nicht nominiert worden. Aber die Ergebnisse waren da. Seit drei Wochen ist es auch damit vorbei. Spätestens mit dem 0:3 im Revierderby. Radikale Veränderungen sollen her. Der Zeitpunkt ist günstig. Mehr aber auch nicht.

Schalke hat sogar noch Glück. Die Schlagzeilen nach der erschreckend einseitigen Partie am vergangenen Wochenende gehören exklusiv dem ungeliebten, siegreichen Nachbarn. Und natürlich Batman und Robin - alias Pierre Emerick Aubameyang und Marco Reus beim Verkleidungsjubel.

Die notwendige Abrechnung mit den Verlierern steht weiter unten. Fürs Derby kann man die Analyse kurz machen, wie Sportvorstand Horst Heldt: „Fast ein Komplettausfall" hat er es genannt, mit viel Wohlwollen. Für den Rest der Saison werden die Konsequenzen drastischer sein. Trainer Roberto Di Matteo hat angekündigt, zu überdenken, „wie es grundsätzlich weitergeht". Und dann noch dieser Satz: „Ob wir unser System weiterspielen wollen?" Ausgerechnet Di Matteo. Ausgerechnet SEIN System.

Sicherheit war das oberste Gebot. Fünf Abwehrspieler, häufig in einer Fünfer-Kette, davor noch zwei oder drei Defensive. Das hat zu Beginn geholfen, eine orientierungslose Mannschaft zu stabilisieren. Für die Offensive bleiben rein rechnerisch nicht mehr viele Akteure übrig. Aber, es hat gereicht. Irgendwie.

Die Kollegen der BILD-Zeitung haben diesen Stil „hässlich" genannt. Zu hart? Aber wie sonst? Zurückhaltend? Nein, zu wenig. Gnadenlos effektiv? Auch nicht. Unschön? Hm. Hässlich kommt der Situation wirklich am nächsten. Niemand ist verpflichtet, schönen Fußball zu spielen. Aber es ist ein wesentliches Kriterium für Image, Ansehen und Sympathie.

Die Schalker Verantwortlichen hatten gerade Lehren aus dem eigenen Fehlverhalten der jüngeren Vergangenheit gezogen. Einer Vergangenheit, in der Trainer ohne Reaktion zu lange öffentlich bewertet, kritisiert und in Frage gestellt werden durften. Selbst im Erfolgsfall. Das sollte mit Roberto Di Matteo nicht passieren. Diesmal wurde (fast) alles ins Positive überhöht. Wenn jedoch die (ohnehin geringe) Attraktivität GLEICH-, aber die Ergebnisse AUS-bleiben, dann ist die Fallhöhe extrem gefährlich. Das hat etwas von einem Sturzflug.

Was passiert jetzt auf Schalke? Eine neue Grundausrichtung? Ein neues System? Eine neue Philosophie? Offensiv? Klingt super. Ich habe allerdings Zweifel, dass das im großen Stil überhaupt so schnell funktioniert. Zum einen wirken die Schalker gefangen in ihrem defensiven Korsett. Zum anderen fehlt schlicht das Personal!

Nationalspieler Julian Draxler ist verletzt. Jefferson Farfan auch. Sidney Sam hat wahrscheinlich so viel Klasse wie nachweislich muskuläre Probleme. Er ist oft da, aber selten dabei. Klaas Jan Huntelaar war lange gesperrt und Eric Maxim Choupo-Moting muss gerade alleine seine gesamte Fußballwelt retten - erst beim Afrika Cup und nahtlos hintendran den S04. Zu viel. Mit der Folge, dass der Kameruner geradewegs in ein Formtief läuft. Und Kevin Prince Boateng schafft körperlich maximal eine halbe Saison. Kann in wichtigen Situationen helfen. Man weiß es nur vorher nie so genau.

Bleibt als einzig gestandener Kreativspieler Max Meyer - der ist 19. Roberto Di Matteo lässt ihn zu Beginn fast genauso oft draußen, wie er ihn in der Startelf bringt. Vielleicht wegen vermeintlicher Schwächen in der Defensive, vielleicht fehlt ihm aber auch aktuell das Selbstvertrauen, im Zweifel eher vorwärts als quer zu spielen. Wenn ihn der Trainer gebrauchen kann, dann muss er den erfahren Nachwuchsspieler deutlich stärken.

Nach und nach werden Akteure zurückkommen, ein Leon Goretzka etwa. Goretzka kann die fehlende Verbindung zwischen Abwehr und Angriff werden. Nur darf nicht mal er selbst erwarten, dass nach einer so langen Pause das Niveau gleich da ist und auch noch konstant hoch bleibt. Bei den anderen Rekonvaleszenten erst recht nicht.

Eine Systemänderung kann helfen. Das Schalker Spiel würde in anderen Räumen stattfinden, die Wege zwischen allen Mannschaftsteilen UND nach vorne wären kürzer. Vor allem aber ist es ein Impuls für den Kopf. Eine aktive Beschäftigung mit dem Spiel an sich. Allerdings auch eine Operation am offenen Herzen, mitten im laufenden Betrieb.

Viele Trainer behaupten, Fußball sei rein eine Sache der EIN- und nicht der AUF-stellung - um danach dann doch allerlei Winkelzüge ins System einzubauen. Ich nehme mir die Freiheit, das anders zu sehen. Grundsätzlich. Bei Schalke momentan ganz besonders. Die richtige Einstellung ist die Grundlage. Aber die Ausrichtung bestimmt den Weg.

Mit nahezu unveränderter Personalsituation im gelernten Defensiv-Konzept wird Schalke den riskanten Weg ins Ungewisse gehen müssen. Nach nur vier Toren in der Rückrunde und der Derby Niederlage als Tiefpunkt mit nur einem Punkt aus vier Spielen, glaube ich, Schalke muss jetzt aktiv werden!


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