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02/11/2015 09:49 CET | Aktualisiert 02/11/2016 06:12 CET

Kai Noon - Die Bundesliga-Kolumne: Schweigend gegen den Videobeweis

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Warum die Tatenlosigkeit der Funktionäre viel mehr kaputt macht, als es der Einsatz der Technologie jemals schaffen würde

Die sogenannte „Torlinientechnologie" in der Bundesliga ist eine tolle Sache. Die wird in dieser Saison vielleicht fünf bis zehn Mal helfen, wenn die menschliche Wahrnehmung überfordert ist. Finde ich sehr gut. Der Videobeweis würde auch etwa fünf bis zehn Mal helfen. An einem Spieltag!

Das Thema Videobeweis ist spätestens nach dem vergangenen Bundesligawochenende wieder brandaktuell. In einer neuen Qualität. Es gibt keine Diskussion mehr darüber. Die Befürworter melden sich lautstark zu Wort. Die Gegner sind verstummt. Irgendwo bleibt die überfällige Einführung der technischen Hilfe auf der Strecke.

Überfällig ist sie deshalb, weil sie den Fußball gerechter machen würde, indem sie zumindest die gröbsten und folgenschwersten Fehlentscheidungen eliminieren würde. Weil sie die logische technische Fortentwicklung für ein immer schnelleres und intensiveres Spiel ist. Und einfach auch nur, weil die Möglichkeit besteht und die Gegenargumente nicht überzeugen.

Leider äußern sich bisher alle zum Thema Videobeweis - nur die Bestimmer in den Verbänden nicht. Und das sind letztendlich die entscheidenden Personen. Die nationalen Bedürfnisse der Bundesliga sind wieder eine weltweite Angelegenheit der FIFA. So wie bei der Einführung der Torlinientechnologie.

Ein Spiel auf Zeit

Mir ist schon klar, dass der Weltverband kontrollieren will, was die Mitglieder so machen und vorhaben. Mir ist auch klar, dass Prozesse auf dieser Ebene Zeit brauchen. Mir ist nicht klar, warum das Thema öffentlich ignoriert wird. Und ich empfinde es als einen schlechten Witz, wie mit den vorhandenen Hilfen umgegangen wird.

Wenn am kommenden Samstag die Bayern gegen Stuttgart in der Bundesliga spielen, kann technisch einwandfrei nachgewiesen werden, ob ein Ball im Tor war oder nicht. Drei Tage zuvor, beim Heimspiel gegen Arsenal in der Champions League, wäre diese Technologie vorhanden, darf aber nicht verwendet werden.

Ist das Wettbewerbsverzerrung, wenn in München elektronische Hilfe zur Verfügung steht, aber zur gleichen Zeit in Borisow nicht? Mir fehlt da das sportpolitische Knowhow. Und das Verständnis! Nehmen Sie das Tennisturnier in Wimbledon. Die Videoüberwachung „hawk eye" kommt auf vielen, aber nicht auf allen Plätzen zum Einsatz. Und ich habe noch keinen Spieler gehört, der deshalb unter Protest angetreten ist.

Fast alles spricht dafür

Bedenkenn sind dennoch herzlich willkommen. Eventuell gibt es wirklich Argumente gegen diese Technik. Was bisher auf dem Markt kursiert, ist mir zu wenig. Der Videobeweis...

• ist zu teuer

Im Gegensatz zur Torlinientechnologie kann auf die vorhandene TV Ausstattung zurückgegriffen werden. Bei Mehrkosten spricht das Preis-Leistungs-Verhältnis klar für den Videobeweis (siehe oben).

• zieht das Spiel in die Länge

Die Unterbrechungen dauern nur unwesentlich länger als die emotionsgeladene

Diskussion nach einer zweifelhaften Entscheidung.

• wird als taktisches Mittel eingesetzt

Das ist keine Folge der Technik, sondern eine Frage des Fair Play und ist zu regeln.

• kann nicht alles aufklären

Dann kommt die gute alte Tatsachenentscheidung zum tragen.

• entmündigt die Schiedsrichter

Hinfällig, wenn sich selbst die Unparteiischen - ohne Freigabe durch ihren Dachverband - offen für die Einführung aussprechen.

Im Detail gibt es natürlich noch Klärungsbedarf. Ich persönlich halte nichts davon, die Optionen auf ein oder zwei Mal zu begrenzen. Was ist dann mit der strittigen Situation in der Nachspielzeit, wenn das System zuvor berechtigt angefragt worden ist? Dann eher wie beim Tennis: Liegt man richtig, bleiben die Optionen. Wenn nicht, wird eine abgezogen. Kleinigkeiten.

Der Videobeweis muss kommen

Bleibt die elektronische Unterstützung wieder bei der FIFA hängen? Weil einige Herren glauben, dass unser schöner Fußball durch zu viel Technik kaputt geht? Wo sie das doch gerade mit eigenem Fehlverhalten viel besser hinbekommen. Oder spielen da wieder (persönliche) wirtschaftliche Interessen eine Rolle, weil ein Neffe eines Funktionärs mit seiner Firma technologisch noch nicht so weit ist?

Ich wünsche mir eine Revolution. Es gibt zu viele Argumente für den Videobeweis - und zu wenige dagegen. Nicht die Technik macht den Fußball kaputt, sondern die ausufernde Diskussion über Fehler, Versagen und Schuld.

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