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29/02/2016 10:53 CET | Aktualisiert 01/03/2017 06:12 CET

Moskaus streng geheimer Krieg

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Am 16. Mai 2015 erhält Alexander Alexandrow einen Befehl. Er führt ihn aus, wie so viele Male zuvor. Der Befehl lautet: Erkundung ukrainischer Stellungen am Rande der ostukrainischen Stadt Schastja.

16 Mann rücken an diesem Tag von Luhansk aus in nördliche Richtung. In Friedenszeiten benötigte man mit dem Auto von Luhansk bis nach Schastja 20 Minuten. Jetzt ist die Stadt am nördlichen Ufer des Flusses Siwerskij Donez Feindesland; der Fluss ist die inoffizielle Grenze und Frontlinie. Luhansk, wo Alexandrow stationiert ist, befindet sich unter der Kontrolle der Separatisten; in Schastja stehen die Ukrainer. Schastja ist eine strategisch wichtige Stadt. Die Separatisten haben schon mehrmals ihre Einnahme angedroht. Alexandrow und die anderen sollen herausfinden, wie stark der Feind wirklich ist.

Die Männer teilen sich in Gruppen. Der 28-jährige Alexandrow ist mit zwei anderen unterwegs. Sie kreuzen den Fluss, der am Rande der Stadt durch dicht bewaldetes Gebiet mäandert. Es ist eine idyllische Auenlandschaft, Birken, Schilf, Fische, Frösche. Doch die Männer sind nicht zur Erholung gekommen. Hier, in der Nähe einer Brücke, liegen die ukrainischen Stellungen, die sie auskundschaften sollen.

Alexandrow und seine Kameraden wagen sich heran. Sie beobachten die Positionen eine gute Stunde. Die Befestigungen wirken verlassen. Die drei Männer pirschen sich weiter heran. Observieren. Nichts regt sich, kein Laut ist zu vernehmen. Alexandrow inspiziert einen Schützengraben, während die beiden anderen ihm den Rücken freihalten. Plötzlich fallen Schüsse. Jemand schreit „Rückzug".

Alexandrow hastet über das Gelände, er sieht einen verletzten ukrainischen Soldaten, rennt weiter. Nach ein paar Schritten knickt er ein. Er ist getroffen. Am Oberschenkel. Alexandrow schleppt sich in einen Schützengraben, versucht, die Blutung zu stillen. Plötzlich ist er von ukrainischen Soldaten umringt. Es sind seine letzten Momente in Freiheit.

Alexandrow inspiziert einen Schützengraben, während die beiden anderen ihm den Rücken freihalten. Plötzlich fallen Schüsse.

Alexander Alexandrow und seinen am rechten Arm verletzten Gruppen-Kapitän Jewgenij Jerofejew, der bei der missglückten Aufklärungsoperation ebenfalls gefasst wurde, dürfte es in der Ukraine eigentlich nicht geben. Die beiden sind russische Staatsbürger und aktive russische Militärs. Dies gaben sie selbst zu Protokoll, widerriefen es aber später. Als man Alexandrow fragte, was er in der Ukraine gemacht habe, sagte er zunächst: „Ich habe Befehle ausgeführt."

Er hat Befehle ausgeführt, und zwar als Aufklärer der Dritten Speznas-Brigade des Militärgeheimdienstes GRU, stationiert in der Kaserne Nummer 21208 in der Wolgastadt Toljatti. Er war einer von 220 Männern unter dem Kommando von Major Konstantin Napolskich, die am 26. März 2015 die Grenze zur Ukraine überschritten haben, um dort am Krieg teilzunehmen. Alexandrow ist Unteroffizier, Jerofejew Offizier.

Alexandrow - blass und blond, ein zarter Flaum über der Oberlippe - und Jewgenij Jerofejew - 30 Jahre, dichtes kastanienbraunes Haar - sind zu Gesichtern eines Krieges geworden, den es offiziell nicht gibt. Zum Symbol einer Geheimoperation, eines unerklärten Krieges, den die Russische Föderation in der Ostukraine führt.

Doch wie groß ist das Ausmaß der russischen Beteiligung? Ist sie kampfentscheidend? Und warum ist sie so schwer nachweisbar? Die inoffizielle Schützenhilfe vom Nachbarn ist deshalb so schwer nachweisbar, weil sie verdeckt geschieht und ihr Gesicht wechselt. Sie kommt und geht in Wellen. Aber sie war und ist kampfentscheidend.

Das offizielle Russland streitet eine Intervention im Krieg in der Ostukraine ab. Auch im Fall der Häftlinge von Schastja. Beide Männer hätten ihren Dienst im Dezember 2014 quittiert, heißt es. Sie seien als Freiwillige in die Ukraine gegangen: Otpusniki nennt man sie sarkastisch, Urlauber. Doch Alexandrow und Jerofejew, die in der Ukraine vor Gericht stehen, bestritten das zunächst. Sie sagten, sie seien im Dienst gewesen.

„Ich bin kein Terrorist", erklärte Alexandrow gegenüber der russischen Zeitung „Nowaja Gaseta" bezüglich der ukrainischen Anschuldigung des Terrorismus. Er sieht sich als Kriegsgefangener: „Ich habe Befehle ausgeführt ... Befehle! Ich habe doch auf mein Vaterland einen Eid abgelegt!" Die russischen Einheiten agierten den Angaben der Soldaten zufolge im Kriegsgebiet relativ autonom: Ihre Aufgabe sei die Beobachtung beider Seiten gewesen; sie hätten der lokalen russischen Führung Bericht erstattet.

Direkt mit den ostukrainischen Separatisten hätten sie nicht zusammengearbeitet. Jerofejew kommentierte die Behauptung, es gebe keine russische Armee in der Ostukraine, mit scharfen Worten: „Wie Sie sehen, gibt es sie. Es wäre nur unangenehm, das zuzugeben." Aber warum ist er überhaupt in die Ostukraine gegangen? „In der Armee werden Befehle nicht in Frage gestellt."

Geheimoperation, eines unerklärten Krieges, den die Russische Föderation in der Ostukraine führt.

Es wäre für Moskau mehr als unangenehm, würde es eingestehen, dass es den Krieg im Donbass am Laufen hält: Die Argumentation, wonach ein „Bürgerkrieg" im Osten der Ukraine tobe, wäre nicht mehr aufrechtzuerhalten; ebenso wenig wie die „neutrale" Position, die es derzeit bei den Friedensverhandlungen einnimmt. Würde es offiziell zur Kriegspartei, drohten scharfe Verurteilungen durch die Staatengemeinschaft und eine Verschärfung der Sanktionen.

Doch der Fall Alexandrow/Jerofejew ist nicht der erste und einzige. Es gibt weitere gut dokumentierte Fälle, auf die sich die Staatengemeinschaft schon jetzt berufen könnte. Im Juli 2015 nahmen ukrainische Soldaten den russischen Major Wladimir Starkow aus der Region Kirow fest. Die Umstände seiner Verhaftung haben etwas Absurdes:

Starkow fuhr einen Lkw, der Militärgut geladen hatte. Er wurde an einem ukrainischen Checkpoint außerhalb von Donezk aufgehalten. Offensichtlich hatte er sich verfahren. In einem Video, das in Gefangenschaft angefertigt wurde, erklärte Starkow: „Die Kommandanten stellen dich vor vollendete Tatsachen, dass du in der DNR oder LNR dienen wirst."

Der Major wurde im Herbst 2015 zunächst von einem ukrainischen Gericht zu 14 Jahren Haft verurteilt. Später wurde er von Präsident Poroschenko begnadigt und gegen einen hochrangigen ukrainischen Kriegsgefangenen „ausgetauscht". Starkow war wie die im Mai verhafteten Soldaten zunächst in die Region Rostow abkommandiert worden. Dort erhalten die Soldaten in den inoffiziellen Basen nahe an der Grenze zur Ukraine eine mehrwöchige Ausbildung.

Namentlich bekannt sind die Militärcamps in den Ortschaften Persianowka und Kusminka, 45 bzw. 40 Kilometer nordwestlich von Rostow am Don. Daneben gibt es mehrere kleinere Armeestützpunkte, teilweise nur ein paar hundert Meter von der Grenze entfernt. Von hier können Soldaten und Militärgerät innerhalb kürzester Zeit in den Donbass geschickt und wieder abgezogen werden. Schließlich werden sie über die Grenze in das Separatistengebiet eingeschleust. Eine Ablehnung des Spezialeinsatzes wagen die Wenigsten.

Über das Ausmaß der russischen Operation gibt es nur Schätzungen. Der ukrainische Geheimdienst setzt die Zahl der russischen Soldaten - also Männern wie Alexandrow und Jerofejew - auf 9000. Sie sollen über mehr als 500 mit Waffensystemen ausgestattete Fahrzeuge, 200 Panzer und 150 Artilleriesysteme verfügen. Das ist der streng geheime Teil der Operation.

Eine andere Kategorie bilden die russischen Freiwilligen, die an der Seite der lokalen Kämpfer Krieg führen und in der sogenannten „Volkswehr" - opoltschenie - dienen. Sie rekrutieren sich aus einem breiten, illustren Spektrum: Da gibt es Anhänger extremistischer Ideologien - Nationalbolschewiken, Rechtsradikale -, Fans des Kosakentums und des Panslawismus, aber auch einfach Waffennarren, Kriegsveteranen, Kriminelle, für die die Ostukraine einen Fluchtweg darstellt, und natürlich Arbeitslose oder die so verbreiteten Working Poor, die mit dem Sold einfach mehr verdienen als in ihrem Hilfsjob als Bauarbeiter oder Kohlensortierer.

300 Dollar erhält ein Soldat mittlerweile im Monat, erklärt Fjodor Beresin, ein leitender DNR-Militär, 500 Dollar ein Offizier, und Männer mit Spezialkenntnissen vermutlich mehr. Insgesamt wird die Zahl der Kämpfer auf Sei- ten der Separatisten auf 40.000 bis 50.000 geschätzt.

Der ukrainische Geheimdienst setzt die Zahl der russischen Soldaten auf 9000.

Die russischen Soldaten hingegen nehmen eine Sonderposition ein. Sie gehören zur höheren Kriegerkaste. Sie sind nicht nur, wie die beiden in Schastja Verwundeten, oft in der Aufklärung aktiv, sondern bedienen auch komplexe Waffensysteme. In kritischen Situationen werden sie zur Unterstützung im Kampf beordert: etwa in der Schlacht um die Bahnhofsknoten- punkte Ilowajsk und Debalzewe, wo die Ukraine schwere Verluste hinnehmen musste.

Eingesetzt werden sie aber vor allem als Ausbildner und auf der Kommandoebene. Die langfristige Strategie dahinter: Sie sollen ihr Wissen über Kriegskunst, Truppendisziplin und Koordination an die unteren Ränge weitergeben, damit in Zukunft die Separatisten den Kampf selbst- ständig führen können.

Während Starkow und die beiden GRU-Soldaten lebend aus dem Kriegsgebiet hinausgelangten, hatten andere Kämpfer nicht dieses Glück. Ein Bericht des ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow schätzt, dass im Sommer 2014 150 russische Militärangehörige im Donbass ums Leben gekommen sind; weitere 70 seien im Winter 2014/2015 bei der Debalzewe- Offensive gestorben.

Wer in Russland diese Todesfälle recherchiert, bekommt ebenfalls Ärger. Als die Zeitung „Pskowskaja Gubernia" die geheimen Begräbnisse von Soldaten im Sommer 2014 aufdeckte, wurde ihr Herausgeber Lew Schlossberg schwer verprügelt. In Telefongesprächen, die die Zeitung veröffentlichte, war von 70 Toten der 76. Pskower Division der Luftlandetruppen die Rede.

Den Angehörigen wurde ein Redeverbot erteilt, sie wurden eingeschüchtert bzw. angewiesen, konstruierte Antworten zu geben. Seit 2015 ist das Redeverbot auch amtlich: Per Dekret hat der Kreml den Tod von Soldaten bei Spezialeinsätzen in Friedenszeiten zum Staatsgeheimnis gemacht. Gegen Medienberichte, die die Schweigepflicht nicht einhalten, kann prozessiert werden.

Aufsehen erregten auch die Fälle der Panzerfahrer aus Burjatien, die im wochenlangen Kampf um die Stadt Debalzewe den Separatisten einen entscheidenden Vorteil verschafften. Diese jungen Männer waren wegen ihres asiatischen Aussehens als Ausländer erkennbar, wodurch sie sowohl den Anwohnern als auch Journalisten auffielen. Auch hier erlangte der Fall eines schwer verletzten Burjaten Berühmtheit, den eine Journalistin der „Nowaja Gaseta" im März 2015 in einem Spital in Donezk interviewte.

Wer in Russland diese Todesfälle recherchiert, bekommt Ärger.

Dorschi Batomunkujew war zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre alt, er hatte sich im Juni 2014 auf drei Jahre verpflichtet und gehörte der Fünften Panzerbrigade in Ulan Ude an. Batomunkujew war in einer Stadt stationiert, die 6000 Kilometer vom Kriegsschauplatz entfernt liegt. Er und seine Mitstreiter hatten zehn Tage im Zug gesessen, bevor sie in Rostow am Don ankamen.

Mit 30 Panzern und 300 Mann überschritten sie am 8. Februar die Grenze in die Ukraine. „Mit einem Panzerbataillon kann man einiges machen", gab Batomunkujew im Interview zu. Für die Separatisten haben die russischen Panzerfahrer entscheidende Hilfe bei der verbissenen Schlacht um die Stadt Debalzewe geleistet.

Auch Batomunkujew gab an, bis zu seiner Verwundung offiziell in der Armee gedient zu haben. „Man sagte uns, dass wir auf eine Übung fahren. Aber wir wussten alle, wohin es geht", sagte er zur Journalistin Jelena Kostjutschenko. „Ich war bereits moralisch und psychisch darauf vorbereitet, was uns in der Ukraine erwartet." Der Soldat hatte im Kampf um Debalzewe schwere Verbrennungen davongetragen, sein Gesicht und seine Hände waren mit Verbandsmaterial umwickelt.

Der junge Soldat wurde ein paar Tage später in ein Spital ins russische Rostow am Don überstellt, offiziell wurde er dort aber nie als Patient eingetragen. Seiner Familie versicherte man, dass das Militär für seine Genesung aufkommen werde. Nachdem die Lokalzeitung „Nowaja Burjatia" im April einen kritischen Artikel veröffentlichte, in dem die Mutter des Soldaten klagte, bisher vom Verteidigungsministerium keine finanzielle Hilfe erhalten zu haben, wurde der Artikel kurze Zeit später von der Website entfernt.

Auch aus der Printauflage von 50.000 Stück wurde die Story entfernt: Die Redakteure schnitten drei Tage lang die betreffende Story heraus. Der Chefredakteur behauptete später, seine Mitarbeiter hätten das freiwillig gemacht, da der Bericht so viel Aufsehen erregt und zu widersprüchlichen Reaktionen geführt habe. Und das wolle man in einer ruhigen und friedlichen Republik wie Burjatien nicht.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Die Ukraine im Krieg"

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