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28/12/2016 06:50 CET | Aktualisiert 29/12/2017 06:12 CET

Ihr glaubt, 2016 war ein beschissenes Jahr... dann lest das hier

BARAA AL-HALABI via Getty Images

2016 - es war ein Jahr, das für viele Menschen in die Kategorie "beschissenstes Jahr seit langem" fällt. Seit sehr langem...

In der Tat ereignete sich in diesem Jahr auf der ganzen Welt Schreckliches: Die humanitäre Katastrophe in Aleppo, die Terroranschläge in Brüssel, Istanbul, Orlando und Nizza, der Putschversuch in der Türkei, oder die Naturkatastrophen in Mittelitalien und Ecuador.

Es schien, als ob die Flut von Horrornachrichten nicht abreißen wollte. Journalisten und Experten zeichneten für Europa und den Rest der Welt pechschwarze Zukunftsbilder.

Es hat den Anschein, als ob es 2016 mit der Menschheit ruckartig bergab ging.

Doch statistisch gesehen stimmt das nicht. Früher war überhaupt nicht alles besser. In Bezug auf Armut, Demokratie, Bildung, Gesundheit, Alphabetisierung, Kindersterblichkeit - und sogar Terror ging es Europa und der Welt noch nie so gut wie heute.

Das zeigen diese 6 Statistiken:

1. Die Zahl der Terror-Opfer hat abgenommen

Die Zahl der Opfer von terroristisch motivierten Verbrechen ist seit den späten 1980er-Jahren gesunken. Damals wurden besonders Großbritannien und Spanien Jahr für Jahr von Terroranschlägen erschüttert, die hunderte Menschen das Leben kosteten.

Zusammen mit dem Terror der extremen Linken in Deutschland und Italien befand sich Europa in einer Art Kriegszustand. In jedem Jahr kamen Menschen ums Leben.

Inzwischen sind es eher einzelne Anschläge als ein dauerhafter Terror, die Schrecken verbreiten.

Das schmälert natürlich nicht die Grausamkeit der islamistischen Anschläge in diesem und im vergangenen Jahr. Jedes Opfer von Terrorismus ist ein Opfer zu viel.

2016 sind bei den großen Anschlägen in Brüssel, Nizza und Berlin 128 Menschen ums Leben gekommen. Im vergangenen Jahren waren es bei den zwei großen Anschlägen in Paris (auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und das Konzerthaus Bataclan) 147 Menschen.

Dennoch haben heute mehr Menschen Angst vor dem Terror als etwa in den 1970er-Jahren.

Infographic: Victims Of Terrorist Attacks In Western Europe | Statista
You will find more statistics at Statista

2. Die weltweite Armut sinkt

Auf der Welt gibt es zwar immer noch zahlreiche Menschen, die an Hunger leiden oder sich keine vollwertige Mahlzeit leisten können. Doch die zynische Behauptung "das sei nunmal so und das werde sich niemals ändern" ist faktisch falsch.

Dem Oxford-Ökonomen Max Roser zufolge, zeichnete sich bereits im Jahr 1981 ein historischer Wandel in der Geschichte der menschlichen Lebensumstände ab.

Erstmals lebten 1981 mehr als 55 Prozent der Weltbevölkerung nicht in extremer Armut. Bis zum Jahr 2015 stieg diese Zahl sogar auf 90 Prozent an. Sprich: Nur noch zehn Prozent der Weltbevölkerung leiden an extremer Armut.

3. Immer mehr Menschen können lesen und schreiben

Ebenso bemerkenswert ist die Tatsache, dass in den letzten fünfzig Jahren Hunderte Millionen Menschen gelernt haben, zu lesen und zu schreiben - zwei Fähigkeiten, die unabdinglich sind, wenn es darum geht, später ein Auskommen zu finden.

Die Formel ist einfach: Bildung bedeutet auch mehr Wohlstand - mehr Wohlstand bedeutet mehr Gesundheit und mehr Sicherheit.

4. Mehr als 95 Prozent der Kinder erreichen das 6. Lebensjahr

Kein Kind sollte aufgrund von Hunger oder mangelnder gesundheitlicher Versorgung sein Leben frühzeitig verlieren. Es ist dennoch wichtig, sich vor Augen zu halten, dass um 1900 mehr als acht Mal so viele Kinder dieses traurige Schicksal teilten als heute.

Grund für die erhebliche Verbesserung dieser Umstände ist nicht nur der medizinische Fortschritt, sondern auch Verbesserungen bei der Hygiene. Immer weniger Kinder sterben an Erkrankungen wie Typhus und Tuberkulose, da der weltweite Ausbau von Wohnraum und sanitären Anlagen die Verbreitung dieser lebensbedrohlichen Infektionskrankheiten erheblich reduziert.

5. Immer mehr Länder bekennen sich zur Demokratie

Noch vor weniger als hundert Jahren lebte ein Drittel der Menschheit unter einer Kolonialregierung, zum Beispiel in Indien oder in Afrika. Deutschland wurde bis 1918 noch autokratisch geführt und selbst unsere Großeltern wuchsen in einer Diktatur auf. Nach 1945 breiteten sich kommunistische Regime aus. Die DDR war bis 1990 eines davon.

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich der Anteil der demokratisch geführten Länder weltweit von 11 Prozent auf 56 Prozent verfünffacht. Tendenz steigend.

6. Im Jahr 2100 wird fast jeder Mensch eine sekundäre Schulbildung haben

Aber wir sollten nicht nur in die Vergangenheit schauen, um zu sehen, dass es mit unserer Welt alles andere als bergab geht. Keine der hier genannten Fortschritte wäre möglich gewesen, wenn sich der globale Bildungsstandard nicht kontinuierlich verbessert hätte.

Forscher des "Wittgenstein Center for Demography and Global Human Capital" haben sogar festgestellt, dass es im Jahr 2100 so gut wie niemanden mehr geben wird, der nicht wenigstens eine elementare Schulbildung genossen hat.

Außerdem sollen bis dahin sieben Milliarden Menschen ein Bildungsniveau vergleichbar mit einem deutschen Realschulabschluss haben. Das wäre ein gigantischer Fortschritt für die Menschheit.

Warum es so wichtig ist, diese Statistiken zu kennen

Seine Forschung zur Geschichte der globalen Lebensumstände begründet der Oxford-Ökonom Roser unter anderem so: Wir brauchen Informationen über den menschlichen Fortschritt, um nicht das Vertrauen ineinander zu verlieren.

Roser beklagt eine immer ausgeprägtere Ignoranz der Menschen gegenüber positiven globalen Entwicklungen. So wüssten 95 Prozent der US-Bürger nicht, dass die extreme Armut immer weiter abnehme - die für ihn wichtigste Errungenschaft unserer Zeit.

Ähnlich verhält es sich mit dem aktuellen Themen Kriminalität und Terror: Zum Beispiel ist die Anzahl der Gewalttaten gegen Frauen in Deutschland auf dem niedrigsten Stand seit 2001. Das zu wissen ist wichtig, um nach Ereignissen wie der Silvesternacht in Köln nicht in Panik zu verfallen.

Eindrücklich beschrieben hat den Unterschied zwischen gefühlter und statistischer Sicherheit zuletzt die Journalistin Sonja Gillert in der Zeitung "Die Welt".

Schuld an der verzerrten Wahrnehmung vieler Menschen seien unter anderem die Medien und das Bildungssystem, erklärt Roser. Diese stellten oft lediglich negative singuläre Ereignisse wie Flugzeugabstürze, Terroranschläge oder Naturkatastrophen detailliert da.

Dies verunsichere die Bürger und lasse sie blind für die positiven Errungenschaften werden, die nur langsam vonstatten gehen. Eine wichtige Möglichkeit zu verstehen, wie es wirklich um unsere Welt steht, sind Statistiken, glaubt Roser.

Mehr zum Thema: Journalist Michael Gleich über konstruktiven Journalismus: "Viele Medien zeigen nur die halbe Wahrheit"

Wie wir unsere Zukunft gestalten, ist untrennbar mit einer Bewertung unserer Vergangenheit verbunden. Es ist also enorm wichtig zu wissen, was wir in den vergangenen Jahrzehnten erreicht haben - auch um optimistisch auf das zu blicken, was wir alles noch erreichen können.