BLOG
05/11/2016 13:23 CET | Aktualisiert 02/11/2017 06:12 CET

Über den Sinn und Unsinn von Minikrediten

Stadtratte via Getty Images

Es ist immer wieder "schön" zu sehen, wie einig sich Experten und Banken, Medien und Finanzdienstleister in ihrer Uneinigkeit sind. Als Schuldenfalle bezeichnet die Journaille mit den vier weißen Großbuchstaben auf rotem Grund die Minikredite. Banken halten gleich eh nichts davon, weil sie damit nicht genug verdienen. Entsprechende Informationsportale loben Minikredite über den grünen Klee. Und windige Finanzdienstleister machen seriösen Anbietern und Kunden das Leben schwer.

Dabei ist es bei Minikrediten wie mit allem im Leben: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Schuldenfalle Minikredit?

Ein Minikredit ist vor allem mal eines: mini. Vulgo: klein. Das heißt, man leiht sich bei einem Anbieter eine Summe, die oft genug 1.000 Euro von vorneherein nicht überschreitet. Gedacht sind solche Minikredite für den Ernstfall, wenn es gar nicht mehr anders geht. Weil zum Beispiel das Auto auf dem Weg in den Urlaub den Geist aufgegeben hat und Abschleppdienst und Werkstatt bezahlt werden wollen.

Was ein Minikredit außerdem ist: ein kurzfristig angelegte Finanzspritze. Und kurzfristig angelegt bedeutet, dass man den Kredit nicht über mehrere Jahre abstottert, sondern binnen weniger Wochen an den Kreditgeber zurückbezahlt. Darauf ist diese Kreditform schon allein aufgrund ihrer geringen Auszahlungshöhe ausgelegt, die in festgelegten Raten jeden Monat zurückgezahlt werden müssen.

Und was ein Minikredit noch ist: eine gute Möglichkeit, an den Zinsen zu sparen. Wer im Notfall, wie etwa dem gerade beschriebenen Szenario, auf den Dispo ausweicht, zahlt oft horrende Zinssätze. Und da der Dispositionskredit auch nicht mit fixen Raten zurückgezahlt werden muss, bleibt er oft eine teure Endlosschleife.

Reißerische Schlagzeilen, wonach ausgerechnet der Minikredit dafür verantwortlich sein soll, dass fast 7 Millionen deutsche Privathaushalte verschuldet sind, schießen deutlich über das Ziel hinaus. Für die Überschuldung der Deutschen sollten eher Spekulanten und windige Investoren zur Verantwortung gezogen werden.

Denn die Statistiken zeigen auch deutlich, dass oftmals eher finanzielle Fehlinvestitionen oder Verpflichtungen, die durch Bürgschaften und Haftungen entstanden sind, daran schuld tragen, dass die Schulden der Deutschen seit 2011 konstant steigen. Und zu so einer riskanten Finanzspekulation kann man den Minikredit schon aufgrund seiner Machart „kleine Summe - kurze Laufzeit" nicht zählen.

Das negative Image von Minikrediten

Man kann sich nur wundern, woher das Negativimage von Kurzkrediten kommt. Wahrscheinlich spielen mehrere Faktoren mit hinein. Die Banken positionieren sich dagegen, weil ihnen Anbieter von Minikrediten drohen das Wasser abzugraben. Immerhin bieten sie selbst keine Kredite im 3-stelligen Bereich an, wollen stattdessen mit Langzeitkrediten in für den Kunden mitunter unnötiger Höhe selbst gut verdienen.

Andere Darstellungen sprechen Minikrediten die Seriosität ab, weil sie ausschließlich online zu bekommen sind. Dabei wird aber gern unterschlagen, dass glaubwürdige Portale durchaus die Schufa-Abfrage zur Bewilligungsbedingung machen und die Bonität der Antragssteller prüfen. Auch, dass viele solcher Portale entweder mit bekannten und renommierten Banken zusammenarbeiten, wenn sie nicht gar von diesen betrieben werden.

Aufgrund ihrer schnellen Bearbeitung, die sich so manche Minikreditgeber auch extra bezahlen lassen, gelten die Kreditportale schnell als vertrauensunwürdig. Gemäß dem Motto: Wenn die Prüfung dort so schnell geht, kann mit dem Angebot ja irgendetwas nicht stimmen. Und weshalb eine Ratenvereinbarung bei einem Minikredit als Manko angesehen wird, ist ebenfalls nicht ganz nachvollziehbar.

Anders als beim Dispo, aus dem man gerade aufgrund der ungezwungenen Rückzahlungsmodalitäten, oft gar nicht wieder so einfach rauskommt, hat man beim Minikredit gar keine andere Wahl, als das geliehene Geld zurückzubezahlen. Damit kommt man aus den vorübergehenden Schulden deutlich leichter und zuverlässiger heraus, als aus einem Dispokredit - den Banken bei Überstrapazierung übrigens auch ohne Ankündigung von jetzt auf gleich sperren können.

So richtig Sinn scheint diese negative Haltung gegenüber Kleinstkrediten objektiv betrachtet nicht machen zu wollen.

Alle in einen Topf geworfen

Es gibt nicht den Minikredit und es gibt auch nicht den Anbieter. Natürlich kann auch ein Minikredit der letzte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Aber damit das passiert muss man entweder schon entsprechend tief in der Misere stecken. Oder man hat sich nicht ausreichend informiert und sich beim nächstbesten Kreditgeber Geld geliehen, ohne die Konditionen zu lesen.

Nicht jeder Minikreditgeber verlangt für eine schnelle Bearbeitung des Antrags Extragebühren. Nicht alle Anbieter von Kurzzeitkrediten stellen zusätzliche Kosten in Rechnung, wenn man die geliehene Summe in Raten statt auf ein Mal zurückbezahlt. Und nicht überall kostet die Expressüberweisung extra. Das sind Verallgemeinerungen, die je nach Zusammenhang falsch bis gefährlich sind.

Was wäre denn die bessere Alternative zu einem Minikredit? Der "nette", private Geldverleiher, der in Anzeigenzeitungen und Zeitschriften wirbt?

Der überprüft nämlich tatsächlich nicht die Bonität seiner Kunden. Auch die bei Minikrediten viel kritisierten, angeblich hohen Zinsen, dürften bei solchen, alternativen Kreditgebern exorbitant höher sein. Und auch die Seriosität beim Geschäftsgebaren dürfte solche Geldgeber als Alternative zum Minikredit wahrscheinlich eher disqualifizieren.

Die schwarzen Schafe

Wie überall gibt es selbstredend auch bei Anbietern von Minikrediten immer schwarze Schafe. Ein bisschen sollte man sich eben schon damit auseinandersetzen, statt wahllos irgendetwas zu beantragen. Bei Anbietern, die damit werben, dass sie Geld auch an finanzschwache Kunden ohne Schufaprüfung verleihen, zum Beispiel. Wer sich auf solche Deals einlässt, muss entweder unverantwortlich oder ziemlich verzweifelt sein. An dieser Stelle sollte man sich dann vielleicht besser an einen Schuldenberater wenden, statt sich einen zusätzlichen Schuldner anzulachen.

Die Erkennungszeichen eines seriösen Minikreditgebers

Vor allen Dingen lehnen seriöse Finanzdienstleister auch einen Minikredit ab, wenn die Schufa-Einträge zu negativ sind. Immerhin wissen sie, dass nur die Rückzahlungen und Zinsen ihr Unternehmen rentabel machen. Es hätte einfach keinen Sinn für einen seriösen Anbieter, das Risiko einzugehen, die Kreditsumme nicht wieder zu kriegen oder vor Gericht erstreiten zu müssen.

Das gilt in ähnlicher Instanz auch für die Transparenz über Zusatzgebühren. Ein ernstzunehmender Kreditgeber wird keinen Hehl aus zusätzlichen Kosten machen, sofern sie überhaupt anfallen. Denn tauchen versteckte Kosten erst spät oder sogar erst nach der Kreditvereinbarung auf, kann der Kunde die Mehrkosten vielleicht nicht zurückbezahlen oder er tritt im Zweifel vom Vertrag zurück.

Außerdem erhebt ein seriöses Minikreditunternehmen keine zusätzlichen Gebühren für einen Rückzahlungsplan oder eine Sofortüberweisung, stellt sie, wenn überhaupt, zumindest transparent auf den ersten Blick erkennbar dar. Im Idealfall will der Anbieter auch ein Mindesteinkommen, um die Rückzahlungsfähigkeit zu sichern und die bewilligte Höhe entsprechend anzupassen.

Minikredite: Besser als ihr Ruf?

Natürlich lässt sich über den Sinn oder Unsinn von Minikrediten vortrefflich streiten. Besonders dann, wenn man beachtet, dass die Bearbeitung des Kreditantrages mitunter auch einige Tage in Anspruch nehmen kann. Da ist der Dispo natürlich verführerischer und schneller. Andererseits wird beim Dispokredit kein Rückzahlungsplan vereinbart und die Zinsen sind oftmals höher, als bei einem Minikredit. Bei diesem sind die Raten dagegen eine kalkulierbare und überschaubare, monatliche Ausgabe.

Immer wieder gern wird auch der sogenannte Payday-Loan mit Minikrediten gleichgesetzt, was nicht nur zusätzliche Verwirrung stiftet, sondern auch noch unwahr ist. Ein Payday-Loan istt es bereits für minimalste Summen, gern auch im zweistelligen Bereich, zu kriegen, er muss aber mit Eingang des nächsten Gehaltschecks vollständig plus Zinsen zurückbezahlt werden. Bei dieser Form des Geldleihens sind oftmals auch die Zinsen sichtlich höher, als das bei Minikrediten der Fall ist.

Bestimmt sind einige Kritikpunkte an Minikrediten und Payday-Loans gleichermaßen gerechtfertigt. Aber diese neue Kreditform so geschlossen zu verteufeln, wie das die Berichterstattung und die Finanzwelt tun, ist unangebracht. Man wünscht sich einfach ein bisschen mehr differenzierte Darstellung solcher Produkte. Und natürlich müssten der ein oder andere Kreditnehmer auch mehr vor sich selbst geschützt werden. Mit klaren Regulierungen seitens der Politik wäre das aber durchaus möglich.

Einige Ideen wären zum Beispiel eine Bankenpartnerschaft, die den Minikreditgeber und den Kreditnehmer absichert. Oder eine obligatorische Zulassung als Kreditunternehmen am jeweiligen Standort, sodass nicht jeder britische Online-Anbieter auch in anderen Ländern Kredite anbieten kann. Denkbar wäre auch, die Schufa-Prüfung verbindlich zu gestalten.

So lange das nicht der Fall ist, muss man eben tatsächlich an die Eigenverantwortlichkeit von Kreditnehmern appellieren. Was man von einem mündigen Bürger irgendwie auch erwarten können sollte. Aber Anbieter von Minikrediten in einem blinden Rundumschlag dafür abwatschen, dass sie eine Lücke in der Angebotspalette althergebrachter Finanzprodukte finden und schließen ... ?

Auch auf HuffPost:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.