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28/08/2015 08:13 CEST | Aktualisiert 05/11/2017 09:34 CET

Julia unterwegs - Mein erster Klettersteig.

Die Outdoor-Branche hat ihren Gipfel bereits erreicht: Nach einem stetigen Wachstum in den letzten Jahren scheinen deutsche Freiluft-Fans ihren Bedarf an Berg- und Bike-Equipment weitestgehend gedeckt zu haben. Zumindest erwecken jüngste Umsatzzahlen den Anschein, dass die Outdoorler momentan eher in der freien Natur und weniger in Sportgeschäften zu finden sind.

Ich hingegen habe mich in den Sommermonaten bisher weitestgehend in flachen Gefilden in Action gesetzt. Zeit also, mit dem Trend zu gehen und den Outdoor-Gipfel zu stürmen. Das heißt im Klartext: Ausrüstung ausborgen und ab zum ersten Klettersteig meines Lebens.

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Als Neuling in der Sommer-Berglandschaft geht man solche Schritte natürlich schon aus Sicherheitsgründen nicht allein: So steht mir mit Michael Mühlberg und seinen 13 Jahren Klettersteigerfahrung ein erfahrener Berggeher zur Seite.

Unser Ziel: Der Schmugglersteig auf die Gargellner Köpfe in Österreich. Um die 900 Meter Stahlseil und 100 Trittklammern als Tages-Erste und bei angenehmer Temperatur auszukosten, fahren wir mit der frühesten Bahn zum Ausgangspunkt auf 2.130 Meter.

Nach 45 Minuten idyllischen Fussweg und angenehm frischer Luft ist es soweit: Vor mir liegt der Einstieg in Berg und Ausrüstung. Will heißen: Helm, Klettergurt und Karabiner anlegen; den mit ausreichend Flüssigkeit gefüllten Rucksack festziehen und möglichst genau beobachten, wie Michael den Fels erklimmt.

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Zugegeben: die Tatsache, dass man bei einem Klettersteig nur mit Mühe (wenn überhaupt) wieder umkehren kann, falls eine Passage zu schwierig erscheint, sorgt anfangs für ein mulmiges Gefühl.

Nach den ersten Schritten ist dieses aber verpufft: Zwar sieht es von unten betrachtet ein wenig waghalsig aus, wie Michael da so am steilen Berg hängt.

Doch was mit normalen Sportschuhen eine heikle Partie geworden wäre, ist dank Klettersteigschuh mit flachem Sohlenprofil ein absolut neues Erlebnis in Sachen Grip und Bewältigen von steilen Stellen. Fast ein bisschen Gecko-Feeling kommt da auf - auch wenn ich in Sachen Eleganz und Effizienz vielleicht noch ein wenig üben sollte, damit der Vergleich nicht hinkt.

Vollkonzentriert geht es also weiter nach oben. Schritt für Schritt wird der Fels gelesen und erklommen, stets doppelt Karabiner-gesichert. Zu wissen, dass so auch bei einem Abrutschten nicht viel passieren kann, gibt so ein gutes Gefühl, dass es gar nicht erst soweit kommt.

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Der in den Bergen groß gewordene Michael legt die Passagen deutlich schneller zurück als ich, scheint aber mit meiner Performance auf dem für Anfänger geeigneten ersten Streckenabschnitt mit Schwierigkeitgrad C zufrieden zu sein.

So entscheiden wir uns für den weiteren Weg auf Schwierigkeitsgrad D umzusteigen. Es geht über zwei etwa 20 Meter lange Seilbrücken, wie man sie auch aus Kletterparks kennt. Ich warte, bis Michael diese hinter sich gelassen hat, damit die Drahtseile möglichst nicht schwingen und arbeite mich seitwärts weiter voran.

Als Anfänger ist meine Konzentration dabei zu 90 Prozent auf den Drahtseilakt gerichtet. Die übrigen zehn Prozent saugen das Bergpanorama und das unglaubliche Gefühl, zwischen zwei Felsen zu balancieren, besser ein als mein iPhone es an dieser Stelle je gekonnt hätte.

Im Nu sind zwei Stunden vergangen und sämtliche Trittklammern passé. Während ich mich überwiegend aus den Beinen heraus nach oben gearbeitet habe, erfordern die in den Fels eingearbeiteten Klammern eher ein wenig Power aus den Armen.

Ein guter Tipp an dieser Stelle sind mit Sicherheit Handschuhe - durch meine generell eher dünne Haut bekomme ich hier ein paar Blasen an den Händen, was jedoch nicht weiter schlimm ist.

Die letzten Meter zum Ziel können quasi gehend über den Bergkamm zurückgelegt werden. Und dann ist es soweit: Das Kreuz ist greifbar und mein erster Gipfel ist gestürmt.

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Vor lauter Konzentration auf den Weg kann ich erst gar nicht begreifen, dass das schon das Ziel ist. Was mich an dieser Stelle auch schon frühzeitig zum Fazit bringt: Hier war ganz klar der Weg das Ziel. Und das Panorama am Gipfel ist das Sternchen obendrauf.

Zufrieden setzen wir uns auf einen Stein, Bergsteiger-like gibt es ein Vesper und ich trage mich in mein erstes Gipfelbuch ein. Durch die Anstrengung gleicht meine Schrift den krakeligen Notizen eines Erstklässlers.

Ruhig betrachten wir die zurückgelegte Strecke. Erst einigeTage später komme ich zu der finalen Erkenntnis: Die Kombination aus Sport und fast unberührter Umwelt hinterlässt Eindrücke, die bleiben. Und zwar nicht zuletzt, weil der Kopf am Klettersteig zu 100 Prozent bei der Sache ist.

Michaels Favorit ist übrigens der Pidinger Klettersteig in der Hochstaufen-Nordwand. Er gilt aufgrund seiner Länge und dem anspruchsvollen Wegverlauf als einer der schwierigsten Klettersteige im Voralpengebiet.

Viele Bergsportler zählen ihn aber auch zu den schönsten und ereignisreichsten. Bis ich diesen bewältigen kann, gilt es sicher noch zu üben. Eins ist aber klar: Noch viel mehr Wege werden ab jetzt mein Ziel.

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