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13/10/2015 14:09 CEST | Aktualisiert 05/11/2017 09:33 CET

Julia unterwegs - Cricket in Pakistan.

Es ist DER Trendsport Südasiens. Und zwar bereits seit der Kolonialzeit in Britisch-Indien von 1858 bis 1947. Bereits seit frühester Kindheit lernen noch heute Inder wie Pakistanis gleichermaßen, sich darin zu perfektionieren.

Ein Match kann bis zu fünf Tage andauern - ein Vollzeit-Programm für Fans wie Spieler. So viel Hingabe erfährt heutzutage kaum ein Hobby. Und ein Hobby ist das auch nicht mehr. Cricket ist fester Bestandteil der pakistanischen Kultur. Durch Schichten und Altersklassen hinweg vereint ein einziges Ziel: Die andere Atommacht Indien darin zu schlagen. Wenn ein Spiel übertragen wird, gibt es nichts wichtigeres mehr. Die Arbeit kann warten, die Universitäten ebenfalls.

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Was also macht den Reiz an diesem Sport aus, mit dem unsereins kaum in Berührung kommt? Steckt womöglich in dem Land, das sonst eher für Negativschlagzeilen bei uns bekannt ist, ein wahrer sportlicher Schatz verborgen, den die Fussball-Fans zu Hause schlichtweg nicht auf dem Schirm haben?

Zeit, in Islamabad auf Spurensuche zu gehen. Unterstützt werde ich dabei von Wahid Ejaz. Der 18jährige Spieler der Islamabad Hawks nimmt sich gerade eine Auszeit zwischen Schule und Universität und widmet sich seinem Hobby. Etwa drei Stunden trainiert er täglich, sein längstes Match dauerte drei Tage. „Ich freue mich auf die Uni. Aber sie muss in einem Land sein, in dem ich weiter Cricket spielen kann," sagt er auf die Frage nach seinen Zukunftsplänen.

Kein Wunder, hielt er doch einen Cricket-Schläger in Händen, bevor er alt genug war um zu rennen. „Keine Ahnung, warum. Mein Vater hat auch Cricket gespielt, all seine Freunde auch...Das ist eben so bei uns." Nationalsport in Reinkultur. Die Frage nach einer möglichen Fussball-Karriere stellte sich gar nicht.

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Auf den Zuschauer-Rängen erklären mir Wahid und sein Trainer Mohammad Riaz zunächst die Regeln. Die Bänke stehen im Schatten und sind bequem - fünf Tage lang würde ich vielleicht nicht hier sitzen wollen um ein Spiel zu verfolgen, aber es lässt sich durchaus aushalten.

Was die Regeln angeht, kann man festhalten: Wer sie nicht von Kindesbeinen an gelernt hat, hat ein ordentliches Stück Arbeit vor sich. Ein wenig kommen sie mir vor, als wenn jemand das Baseball-Regelwerk mit jeder Menge Tücken versehen hätte. Beim Cricket treten zwei Teams, die aus jeweils elf Spielern bestehen, gegeneinander an.

Eingeteilt wird die Partie in mehrere Durchgänge, die man als Innings bezeichnet. Vor allem geht es beim Spiel darum, stets konzentriert zu bleiben: Nicht nur um den Ball im richtigen Moment zu treffen, sondern auch um den Gegner stetig zu analysieren.

Klingt logisch - wenn man sich aber nochmals vor Augen hält, wie lange so ein Match andauern kann, wird schnell klar: Ohne Köpfchen geht hier gar nicht. „It's a mental game," bestätigt auch Wahid.

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Dies verstanden wird es Zeit, selbst mein Glück zu versuchen. Als Cricket-Neuling können mich die Spieler natürlich schlecht in ihr laufendes Match einwechseln. So begeben wir uns an den Rand des typisch ovalen Spielfelds zu einer Art Trainingsgelände.

Ähnlich wie bei Indoor-Golf-Anlagen kann hier das Schlagen des Balles perfektioniert werden. Damit dieser nicht jedes mal über alle Berge fliegt, ist der Trainingsbereich von einem Gitter umzäunt, das gleichzeitig auch die Zuschauer vor Querschlägern schützt. Denn der traditionelle Ball aus Kork, Leder und Schnur ist hart wie Stein und die Schutzausrüstung Pflicht.

Helm und Handschuhe sind schnell angezogen, etwas länger brauche ich für das Anlegen der Beinschützer mit Klettverschluss. Meine ersten Schritte darin gleichen die eines Michelin-Männchens. Um damit rennen zu können, muss man sich einen neuen Bewegungsablauf aneignen: Breitere Schritte, größerer Wendekreis.

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Nun aber los! Bevor mir Trainer Mohammad den Ball zuwirft, erklärt mir Wahid, wie ich mich positionieren muss: Mit dem Schläger auf den Boden gestützt und leicht nach vorne gebeugt warte ich auf das Go. Als der Ball kommt hole ich aus und.... „Careful!" Die Männer gehen in Deckung. Stolz grinse ich sie an: Wer in seinem Leben schonmal Tennis oder Golf gespielt hat, trifft auch den Cricket-Ball.

Mein Schwung ist sicher nicht der eleganteste, aber das Hin- und Her zwischen Trainer und mir gestaltet sich zielgenau und regelmäßig. Das satte „Klack" beim Treffen des Balles klingt ein wenig nach Holzhacken.

Nicht ganz so intuitiv gestaltet sich der Rollentausch: Mohammad schlägt, ich werfe und fange. Der große Handschuh schützt meine Hand zwar perfekt, das Schließen der Finger zur Faust muss allerdings schneller erfolgen als Normalerweise, sonst prallt der Ball lediglich vom Handschuh ab.

Doch auch diese Umstellung lässt sich prima meistern und so sind die Grundlagen des Sportes schnell erlernt. Körperlich nicht allzu anstrengend, lässt sich die Schlag- und Wurftechnik gut eine ganze Zeit lang am Stück trainieren.

Wahids Beschreibung bestätigt sich: Die Zeit verfliegt beim Cricket, weil man auch nicht direkt an seine körperlichen Grenzen stößt. Solange der Kopf wach ist, ist alles gut.

Und so hätte ich sicher noch ein, zwei Stündchen länger trainieren können. Doch es ist schon spät und der Ruf zum Gebet in Islamabad nicht mehr fern. Dann erwartet die Spieler zumindest an Trainingstagen ihre wohlverdiente Pause.

Ich nutze diese Zeit um nochmal zu reflektieren. Ohne Frage: Die Zeit verfliegt auf dem Cricket-Feld und das komplexe Regelwerk eignet sich prima um beim Zuschauen zu diskutieren und mitzufiebern. Eine außergewöhnliche Erfahrung. Und dennoch: zu Hause werde ich mir wieder Fussball anschauen. Warum? Um in Wahids Worten zu antworten: keine Ahnung, ich bin eben damit groß geworden.

Photo-Credit: Karl-Heinz Roghöfer

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