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15/12/2016 07:49 CET | Aktualisiert 16/12/2017 06:12 CET

Niemand verteufelt die AfD

dpa

Satire - Die Höllenfahrt

Wie immer war ich müde, als ich am Ende eines langen Arbeitstages in die S-Bahn stieg. Die Fahrt nach Hause dauerte gewöhnlich eine halbe Stunde. Da mein Arbeitsplatz in der Innenstadt lag, war die S-Bahn immer sehr voll. Sie leerte sich allmählich, je näher wir der Endstation kamen. Dort, in einem Vorort der Stadt, lag meine Wohnung.

Auch diesmal freute ich mich auf meine gemütliche Wohnung, auf die Ruhe und auf das bescheidene Abendessen, welches ich mir zu gönnen pflegte. Oft schlief ich während der Fahrt ein, was aber kein Risiko bedeutete, denn an der Endstation hielt die Bahn auf jeden Fall und wartete etwa eine halbe Stunde, bevor sie zurückfuhr.

Ich war meistens der Einzige, der an der Endstation ausstieg, denn mein Arbeitstag dauerte etwas länger als der der anderen. Wenn ich nicht schlief, beobachtete ich die Menschen, die im Abteil saßen oder standen, solange, bis auch der letzte ausgestiegen war. Auch heute gab es auf der letzten Strecke niemanden mehr, den ich beobachten konnte. Also schaute ich gelangweilt durch das Fenster auf die im Dämmerschein liegende Landschaft.

Wie erschrak ich aber, als wir uns der Endstation näherten und die Verlangsamung zusammen mit dem damit verbundenen Bremsgeräusch ausblieb. Die Bahn hielt volles Tempo und fuhr einfach weiter. Ich dachte "Gleich knallt es!" und hielt mich an der nächsten Stange fest. Es knallte aber nicht, sondern statt dessen sah ich die Endstation an mir vorbeirauschen, so als ob im Laufe des Tages eine wundersame Schienenverlängerung stattgefunden hätte.

Kurz darauf hatte ich das Gefühl, als ob die Bahn sich nach vorne neigen und einen Hang hinunterfahren würde. Durch das Fenster sah ich aber nur die schwarzen Wände eines Tunnels. Fuhren wir etwa direkt ins Erdinnere hinein? Eine gute Weile fuhren wir so mit hoher Geschwindigkeit abwärts, und ich verstand überhaupt nicht, wie das möglich war. So oder so glaubte ich, dass mein letztes Stündlein geschlagen hatte, und ich erwog, ein letztes Vaterunser zu beten. Eines war klar: In wenigen Minuten würde ich entweder vor dem Herrn des Himmels stehen oder dem Herrn der Hölle, je nachdem, wie mein Lebenswandel zu beurteilen war.

Als braver Angestellter der Berliner Allgemeinen Versicherung war ich mir keiner Schuld bewusst oder zumindest keiner Sünde. Schuld? Ja, doch vielleicht, wenn ich an all die armen Versicherungsnehmer dachte, denen wir die Ausbezahlung der Versicherungssumme ausgeschlagen hatten, unter Hinweis auf irgendwelche windigen Paragraphen, die winzig klein geschrieben im Versicherungsvertrag standen. Die armen Leuten wussten ja nicht, was sie da unterschrieben, wussten nicht, dass sie ihr Leben lang Beiträge zahlen mussten, ohne je etwas dafür wiederzubekommen.

Aus diesen Gedanken wurde ich durch das plötzliche Quietschen der Bremsen herausgerissen. Die Bahn bremste so stark, als ob es sich um eine Notbremsung handelte. Nach wenigen Sekunden stand sie still und die Türen öffneten sich. Ich hielt den Atem an. Wo war ich? Was geschah nun? Die plötzliche Stille war unheimlich. Ich näherte mich mit vorsichtigen Schritten der Tür und schaute hinaus. Mein Blick fiel auf schwarze Wände auf der gegenüberliegenden Seite. Die Decke war ebenfalls schwarz und wölbte sich hoch über mir wie in einer riesigen Höhle. Ich blickte nach links und rechts, sah aber keinen Menschen. Da ich keine bessere Alternative hatte, trat ich hinaus.

Irgendwas oder irgendwer musste doch jetzt kommen, dachte ich. Aber nichts geschah. Ich schaute mich weiter um und glaubte an dem einen Ende des Bahnsteigs einen schwachen Lichtschein zu erkennen. Ängstlich ging ich darauf zu. Je näher ich kam, desto deutlicher erkannte ich, dass es sich um eine Tür handelte. Als ich davor stand, bekam ich die Erklärung für das Leuchten. Die gesamte Tür bestand aus gehämmertem, schwarzem Blech. In der Mitte war ein Löwenkopf aus Eisen, umgeben von einem Ornament. Aus dem Löwenmaul hing ein Ring heraus, der offenbar als Türklopfer diente. Links und rechts davon aber waren zwei Löcher in der Tür, durch welche ein grellgelbes Licht hindurchdrang. Innerhalb des Ornamentes wirkten diese Löcher wie die Augen eines Raubtieres. Je länger ich mir das anschaute, desto größer wurde meine Angst.

Da ich aber keinen anderen Ausweg entdecken konnte, entschloss ich mich endlich, mit Hilfe des Ringes an die Tür zu klopfen. Irgendwie musste es doch weitergehen. Nach einer Minute wurde die Tür geöffnet. Ein Herr in einem feinen, schwarzen Anzug mit weißem Hemd und rotem Schlips öffnete mir. Auf dem Kopf trug er einen Zylinder. Er lächelte nur und sagte nichts.

"Ich wollte nur fragen...", begann ich, entdeckte dann aber, dass der rechte Fuß des Herrn nicht in einem Schuh steckte, ja, gar nicht stecken konnte, denn er hatte die Form und Beschaffenheit eines Pferdehufs. Das schockierte mich so sehr, dass ich nicht weitersprechen konnte. Ich schaute mich um und suchte nach der Möglichkeit eines Rückzugs. Doch gerade als ich mich umdrehen wollte, packte mich der Herr am Arm und zog mich hinein.

"Wir haben Sie schon erwartet!", sagte er dabei.

"Wie, mich erwartet? Wieso?", fragte ich verdattert.

Er aber lächelte nur und nahm seinen Zylinder ab. Als ich die zwei Hörner auf seinem Kopf erblickte, wurde mir zur Gewissheit, was ich schon befürchtet hatte: Ich befand mich in der Hölle! Zugleich bereute ich es, jemals in der Versicherungsbranche gearbeitet zu haben. Denn anderer Verfehlungen als jener, deren ich mich als Angestellter der Berliner Allgemeinen Versicherung schuldig gemacht hatte, konnte ich mich nicht erinnern. Nun musste ich dafür büßen. Glaubte ich auf jeden Fall!

Es war tatsächlich sehr heiß in der Hölle, und dabei befand ich mich erst im Vorraum.

"Ja, dann werde ich Ihnen mal Ihr neues Quartier zeigen!", meinte der Teufel im Anzug.

"Übrigens", fuhr er fort, indem er mich am Arm zu der nächsten Tür zerrte, "ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Lucius Ferus." Dabei grinste er so teuflisch, wie es nur Teufel können.

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