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15/02/2016 05:44 CET | Aktualisiert 15/02/2017 06:12 CET

Warum es irgendwann keine Nationen mehr geben wird

ullstein bild via Getty Images

Eigentlich braucht man kein Prophet zu sein, um vorauszusehen, dass die Menschen der Zukunft, vielleicht schon in weniger als vierhundert Jahren, in die historischen Museen gehen werden, um sich dieses merkwürdige Gebilde, genannt „Nation" etwas näher anzuschauen, wissend, dass es über tausend Jahre lang die Sinne der Menschen beschäftigt und verwirrt hat.

Wenn jemand heute auf einen Schrottplatz geht und ein altes, amerikanisches Auto vom Typ „Buick Super" entdeckt, wird er sich die Frage stellen, wie man sich in den Fünfzigerjahren einen solchen Luxus hat leisten können, obwohl dieses benzinsaufende Straßenschiff doch alles andere als gut und umweltfreundlich war.

In ähnlicher Weise werden sich die Museumsbesucher der Zukunft fragen: Warum in aller Welt haben die Menschen so lange an ihrer „Nation" festgehalten, obwohl der Nationalismus sich doch deutlich als schädlich, ja sogar zerstörerisch erwiesen hat!

Tatsächlich gibt es Begriffe, die schon längst auf den Schrottplatz der Geschichte gehören - es sei denn, man gewährt ihnen gnadenvoll einen Platz im Museum.

Denn genau genommen weiß heutzutage niemand, was mit der eigenen Nation, der man angeblich angehört, gemeint ist, ja, ob überhaupt irgendein Sinn in diesem Begriff steckt. Friedrich Meinecke, der berühmte deutsche Historiker (1862 - 1954), von dem man wirklich sagen kann, dass er einiges an deutscher Geschichte mitbekommen hat, versucht sich an einer Definition und muss gestehen, dass es eigentlich unmöglich ist:

„Was sondert innerhalb des universalen Rahmens der Menschheitsgeschichte einzelne Nationen voneinander ab? Die Antwort kann nur sein, dass es keine Formel gibt, welche allgemeingültig die Merkmale dafür angibt. Nationen, so sieht man wohl auf den ersten Blick, sind große, mächtige Lebensgemeinschaften, die geschichtlich in langer Entwicklung entstanden und in unausgesetzter Bewegung und Veränderung begriffen sind, aber deswegen hat das Wesen der Nation auch etwas Fließendes.

Gemeinsamer Wohnsitz, gemeinsame Abstammung -- oder, genauer gesagt, da es keine im anthropologischen Sinne rassenreinen Nationen gibt --, gemeinsame oder ähnliche Blutmischung, gemeinsame Sprache, gemeinsames geistiges Leben, gemeinsamer Staatsverband oder Föderation mehrerer gleichartiger Staaten -- alles das können wichtige und wesentliche Merkmale einer Nation sein, aber damit ist nicht gesagt, dass jede Nation sie alle zusammen besitzen müsste, um eine Nation zu sein."(1)

Das Problem klärt sich ein klein wenig auf, als Meinecke sich dazu entschließt, Kulturnation und Staatsnationzu unterscheiden:

„Da ist es denn, trotz aller gleich zu machenden Vorbehalte, ein durchaus fruchtbarer Gedanke, die Nationen einzuteilen in Kulturnationen und Staatsnationen, in solche, die vorzugsweise auf einem irgendwelchen gemeinsam erlebten Kulturbesitz beruhen, und solche, die auf der vereinigenden Kraft einer gemeinsamen politischen Geschichte und Verfassung vor allem beruhen."(2)

Diesem Ansatz folgend halte ich es für absolut notwendig, zwischen dem Staat als einem Zusammenschluss von Bürgern, welche innerhalb derselben Grenzen und unter denselben Gesetzen leben wollen, und der Nation als einer Kulturgemeinschaft zu unterscheiden.

Kulturnation und Staatsnation

Das erste ist ein juristisches Gebilde, das auf einem politischen Willensentschluss beruht, also ein Institut des Rechts. Das zweite ist eine historische Größe, aus dem Schoß der Geschichte unkontrolliert hervorgewachsen, beeinflusst von verschiedenen kollektiven Faktoren, wie Sprache und Religion, oder von individuellen, wie dem Wirken kulturschaffender Persönlichkeiten.

Gehört jemand dem deutschen Staat an, so beruht dies nicht nur auf der Tatsache, dass er eventuell auf dem Gebiet dieses Staates geboren worden ist, sondern auch darauf, dass er sich willentlich dazu bekannt oder entschlossen hat, diesem Staat als Bürger anzugehören. Jeder Erwachsene hat im Prinzip das Recht, seinen Pass abzugeben oder zu behalten.

Wer nach Erreichen des Mündigkeitsalters seinen Pass behält, trifft, ob bewusst oder nicht, die Entscheidung, Bürger dieses Staates zu sein und damit seine Gesetze anzuerkennen. Wer das nicht will, dem steht es frei, sich einem anderen Staat anzuschließen und dort die Staatsbürgerschaft zu beantragen.

Völlig unabhängig davon ist es, sich als „Deutscher" zu fühlen, weil man etwa die deutsche Sprache spricht oder deutsche Sitten und Gebräuche pflegt und gemeinsam mit anderen auf große deutsche Persönlichkeiten wie Goethe, Schiller, Beethoven oder andere zurückblickt, die man als geistige Vorväter anschaut.

Im Gegensatz zur juristischen Staatsbürgerschaft, welche gesetzlich als ein klarer Tatbestand aufgefasst werden kann, ist die Mitgliedschaft in einer kulturellen Gemeinschaft eher unklar, deutbar und sogar bezweifelbar. Es ist der Interpretation des Einzelnen überlassen, zu definieren, was er unter seinem „Deutschtum" verstehen will. Dafür gibt es keine Richtlinien, keine vorgegebenen Merkmalsbeschreibungen, keine Autoritäten. Sie ist - mit anderen Worten - der Konstruktion des Einzelnen überlassen. Jeder konstruiert sich seine Nation - in seinem Bewusstsein wohlgemerkt.

Ist die „Nation" eine individuelle Konstruktion, so ist es auch „das Fremde", das man als nicht der eigenen Nation zugehörig empfindet. Dies hat Andrea Wilden in einem Artikel hier in der Huffington Post zutreffend festgestellt: „Fremdheit ist keine Eigenschaft, sondern eine Konstruktion".

Zu Recht macht sie auf Folgendes aufmerksam:

„In Zeiten von globaler Mobilität, Migration und Vernetzung sind Begegnungen und auch Konfrontationen mit dem Anderen, dem Fremden, alltägliche Praxis und Normalität. So wird Fremdheit angesichts von zunehmendem Pluralismus und Multikulturalismus zur „Grunderfahrung des Lebens in der postmodernen Gesellschaft" (Rommelspacher 2002, 11)."

Wir sind von Fremdem umgeben, zu jeder Zeit, und dies nicht nur, weil viele Fremde in unserer Nähe sind, sondern auch, weil das Eigene, wie zum Beispiel die Nation, gar nicht definiert werden kann. Wenn wir nicht wissen, wer wir selbst sind, insofern wir in einer kulturellen Tradition stehen, wie sollten wir wissen, was das Fremde ist? Beides muss erst vom Einzelnen definiert, und das heißt: konstruiert, werden, mit der Folge, dass es so viele verschiedene Konstruktionen gibt, wie es Einzelne gibt.

Nationalität als Privatsache

Daraus ergibt sich eigentlich der zwingende Schluss, dass Nationalität eine Privatsache ist. So wie man im Zuge der Religionskriege vor fünfhundert Jahren sich schließlich dazu gezwungen sah, die Zugehörigkeit zu einer Religion zu einer Privatsache zu erklären, so ist es jetzt an der Zeit, dasselbe mit der Nation zu tun. Die Nation ist ein kultureller Begriff, der zur freien Verfügung des Einzelnen steht. Es muss der Freiheit des Einzelnen überlassen bleiben, seine Nationalität so zu leben, wie er es für richtig hält.

Eine ganz andere Frage ist die, welcher staatsbürgerlichen Gemeinschaft man angehört. Ist dieser Entschluss einmal gefallen, muss man sich den Gesetzen der Gemeinschaft unterordnen. Da ist kein Raum für individuelle Deutung und Konstruktion. Allenfalls kann man als politisch Engagierter an der Verabschiedung von Gesetzen selbst mitwirken.

Die Mitwirkung an der „Kulturnation" aber verlangt, dass man selbst kulturschaffend tätig ist, das heißt, dass man mit den anderen kommuniziert und diskutiert, dass man schreibt oder künstlerisch tätig ist, dass man Werke schafft auf dem Gebiete der Literatur, Philosophie, Musik, Malerei usw. Man ist damit zugleich dem Wirken der unkontrollierbaren Geschichtskräfte überlassen, denn was im Geistigen geschieht, kann nicht politisch gesteuert werden, sondern nur durch Ideen.

Das Reich der Politik und das Reich der Ideen sind von gänzlich verschiedenem Ursprung und verschiedener Art, was nicht ausschließt, dass sie gegenseitig aufeinander einwirken. Im Bewusstsein der Menschen aber sollte es klar sein, dass es ein großer Unterschied ist, ob ich als Staatsbürger oder als Mitglied einer Kulturgemeinschaft tätig bin.

Da wo die Staatsgemeinschaft Grenzen schafft, da reißt die Kulturgemeinschaft sie ein. Kultur ist letztlich immer zentrifugal und tendiert zur Universalität. Sie muss sich, in Übereinstimmung mit ihren eigenen Quellen, immer an den Menschen als solchen wenden, an den Geist in ihm, der unabhängig ist von der Nationalität. Darum wird, in vermutlich weniger als vierhundert Jahren, der Begriff der Nation auf dem Schrottplatz der Geschichte verrosten - oder im Museum landen.

  1. Friedrich Meinecke, Weltbürgertum und Nationalstaat, 2. Auflage, München/Berlin 1911, S. 1
  2. Ebd. S. 2, 3

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