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04/03/2016 11:47 CET | Aktualisiert 05/03/2017 06:12 CET

Der ewige Deutsche

Er taucht immer wieder auf. Er lässt sich nicht totkriegen. Er ist immer zur Stelle, wenn es darum geht, gedanken- und gewissenlos Gewalt zu üben, unter dem Vorwand, das Volk zu verteidigen. Er sagt sogar, er sei das Volk. Dabei ist er nur ein Teil davon, und zwar der schlechteste. Hört ihn selbst erzählen:

"Man kann nicht gerade sagen, dass ich keine Übung darin hätte, Menschen vom Diesseits ins Jenseits zu befördern. Im Gegenteil: Im Mittelalter fing ich an, mein Gewissen zum Schweigen zu bringen - damals, als die Katholiken einen großen Bedarf an Henkern hatten.

Es gab so viele Ketzer! Immer wieder neue Arten von ihnen tauchten aus dem Nichts auf, so dass die hohen Geistlichen ihre wahre Mühe hatten, sie alle loszuwerden. Wer nun ein Ketzer war und wer nicht und warum, darum kümmerte ich mich nicht. Es war die Sache der geistlichen Gerichte, das auszumachen, und der weltlichen Gerichte, die Todesurteile zu bestätigen. Ich als Scharfrichter aber ließ mein Schwert auf alle niedersausen, auf Jung und Alt, auf Männlein und Weiblein, auf Adel und Bürger, es war mir gleich. Das Wichtigste war, der Kopf fiel ab. Ich war der Vollstrecker der Gerechtigkeit, gewissermaßen das letzte Glied derselben, die ausführende Hand, ohne welche die Gerechtigkeit zur Ohnmacht verurteilt gewesen wäre.

Irgendwann hörte ich auf zu zählen. Man gewöhnt sich an alles, an die angsterfüllten Gesichter der Verurteilten, an ihr Weinen, ihren Widerstand, ihre Schreie, auch an die Blutlachen auf den Brettern des Schafotts. Abends trank ich mein Bier und noch ein oder zwei Kornschnäpse dazu und fühlte nichts mehr. Wenn ich etwas fühlen wollte, kaufte ich ein Hure. Das reichte.

Irgendwann war auch ich an der Reihe. Nicht dass ich als Ketzer gestorben wäre, nein, Religion war keine Streitsache für mich. Nein, ich starb, weil ich zu viel gesoffen hatte. Mein Hieb war ungenau geworden, so ungenau, dass ich einem Verurteilten das Beil in den Rücken trieb, statt durch den Hals. Seine Schreie waren so tierisch laut und schmerzerfüllt, dass es selbst dem Publikum zu viel wurde. Von dem Tag an war es Schluss mit mir als Henker. Ich wurde entlassen.

Ich ging auf die Vierzig zu. Das war für einen Mann des Mittelalters schon ein gehöriges Alter. Aber von den restlichen Tagen meines Lebens bekam ich nicht mehr viel mit. Im Dunst von Bier und Kornschnaps vergingen diese Tage, ohne dass ich sie noch zählen konnte oder wollte, so wenig wie die abgeschlagenen Köpfe.

Ich fiel eine steile Treppe hinunter und dachte noch:

"Au, au, au, au! Verdammtes Tier! Verfluchte Sau!"*

und brach mir das Genick. Na ja, alles hat ein Ende. Es war nicht schade um mich.

Ein paar hundert Jahre später war ich wieder da. Es war eine herrliche Zeit, dieser Dreißigjährige Krieg! Zwischen 1618 und 1648 wogte er in Deutschland hin und her, von Norden nach Süden, von Süden nach Norden, ohne dass eine Entscheidung zustande kam. Katholiken gegen Protestanten, Böhmen gegen Österreicher, Schweden gegen Brandenburger, Spanier gegen Holländer, alle mischten irgendwie mit. Im Lande herrschte die totale Anarchie, es galten keine Gesetze mehr, und wenn sie irgendwo galten, gab es keine politische Gewalt, welche sie durchsetzte. Herrlich! Am besten war man Soldat, dann war man die Gewalt selbst. Egal auf welcher Seite! Alle machten sowieso das Gleiche! Man mordete, quälte, soff und hurte, was das Zeug hielt.

Ich selbst war Musketier bei den Sachsen: Mal kämpften wir für den Kaiser, mal gegen ihn, im Grunde war mir das gleich. Hauptsache, ich bekam meinen Sold, und unser Hauptmann erlaubte uns, irgendeines der Dörfer zu plündern, die in der Nähe lagen. Da wurden dann brennende Scheite in die Häuser und Scheunen geworfen, so dass die Frauen und Kinder schreiend herausliefen. Die Männer versuchten mit ihren Heugabeln und Sicheln Widerstand zu leisten, sie hatten aber gegen uns Musketiere und unsere Reiter keine Chance. Noch während sie ihre letzten Atemzüge taten, drangen wir in ihre Häuser ein und bemächtigten uns all der Dinge, die irgendeinen Wert zu haben schienen. Dann griff man sich eine Frau und tat ihr an, was sie verdiente. Die meisten Frauen schrien, wobei man nicht wusste, war es wegen des Unrechts oder war es aus Wollust? Es war mir auch egal. Hinterher ließ ich sie laufen. Im nächsten Dorf gab es neue.

Bis auf jenen Tag, als ich an die Falsche geriet. Ich lag gerade auf ihr, genoss meine Lust und ihre Not, als sie von irgendwoher ein Messer zog und es mir in den Rücken rammte. Ich dachte noch:

"Au, au, au, au! Verdammtes Tier! Verfluchte Sau!"*

fühlte, wie ich von der Frau herunterrollte und mich in Schmerzen wand. Dann kam mir Blut aus dem Mund. Schließlich bekam ich keine Luft mehr und, im Schein der brennenden Bauernhäuser, verschied ich qualvoll.

Es dauerte nicht lange, dann war ich wieder da.

Diesmal ging es gegen die Franzosen ... "

Zum Lesen der ganzen Geschichte, klick HIER.

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