BLOG
21/09/2015 08:09 CEST | Aktualisiert 21/09/2016 07:12 CEST

Nur Insekten opfern ihre Individualität für die Gruppe

Thinkstock

Nur Insekten opfern ihre Individualität für die Gruppe

2006 schrieb der inzwischen verstorbene Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, das Buch "Minimum. Vom Vergehen und Bestehen unserer Gesellschaft."

Es verweist auf die Auflösung der Familie als "Keimzelle der Gesellschaft" und damit der Schrumpfung sozialer Beziehungen auf ein Minimum.

Die soziale Überlegenheit der "Überlebensfabrik" Familie in Notzeiten lässt sich seiner Argumentation nach besonders mit einem amerikanischen Mythos belegen: der Tragödie der Siedler am Donnerpass, wo überwiegend "Einzelkämpfer" ohne familiäre Blutsbande im Schneesturm zu Tode kamen, Familienmitglieder hingegen überlebten.

"Frauen waren die Überlebensmaschinen", schwärmt der Autor "Hunger und Mühsal konnten sie besser ertragen, ihr Bedarf an Nahrung war geringer und da Frauen in der Kälte eine geringer Körpertemperatur aufrechterhalten müssen, setzen ihnen auch die Schneestürme und Tornados weniger zu. Diese Grundkonstitution befähigte sie zu altruistischen Leistungen, die die Welt erst lebenswert machten. Trotz der Trostlosigkeit und Bedürftigkeit vermochte die Frauen es nicht nur Vorräte, sondern auch soziales Kapital zu verteilen. Sie schlichten Streit, schaffen es immer wieder, die Männer sogar von Mord und Totschlag abzuhalten, sie verteilten die Nahrung gerecht, selbst als einige bereits verhungerten, erzählten Geschichten und bemutterten sogar Fremde".

Diesem konservativen Frauenbild wurde vom Fernsehen und der Presse viel Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl es diametral entgegengesetzt zur Emanzipation der neuen Frauengeneration steht.

Selbstlosigkeit und Aufopferungsbereitschaft mag den Arbeiterinnen eines Ameisenstaates angeboren sein, den weiblichen Wesen der Spezies Mensch jedoch nicht. Existenziell abhängige Frauen wurden in den letzten Jahrtausenden mehr oder weniger dazu verdammt, sich für die Familie aufzuopfern. Das Modell "Zurück-zum-Herd" jedoch ist eine Sackgasse.

"Je näher zur Gleichberechtigung, desto mehr Kinder", schreibt Elisabeth Beck-Gernsheim in ihrem Buch "Die Kinderfrage heute". Auch die Studie der Robert-Bosch-Stiftung "Kinderwünsche in Deutschland", am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung durchgeführt, nennt an erster Stelle ihrer Empfehlungen: "Nötig ist mehr Gleichberechtigung."

Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung kommt dank einer Studie zur Erkenntnis, dass eine Politik, die auf Emanzipation setzt, weitaus wirksamer ist als finanzielle Leistungen. Wenn die moderne Gesellschaft mehr Kinder will, muss sie dafür mehr Gleichberechtigung bieten.

Sichere Arbeitsplätze und lückenlose Kinderbetreuung sind ein wichtiger, wenn nicht der ausschlaggebende Faktor für eine höhere Geburtenrate in der heutigen Zeit. Ein Blick über den Zaun zu unserem Nachbarn Frankreich genügt.


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Video: Die sexistischste App im iPhone-AppStore

Hier geht es zurück zur Startseite