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21/04/2016 15:22 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 07:12 CEST

Eine Stunde in einer Willkommensklasse

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Eigentlich wollten wir heute einen Schulgarten anlegen. Ich habe Blumensamen und Erde im Baumarkt gekauft, seit vier Tagen drehen sich sämtliche Spiele und Vokabeln um Gartenpflege und Pflanzenzucht.

Alle 12 Kinder schreien vor Freude auf als ich auf den Stundenplan für heute einen Garten an die Tafel male. Dass der Enthusiasmus etwas mit meinen überragenden Malfertigkeiten zu tun hat, ist unwahrscheinlich. Meine krakeligen Kreideblumen erinnern eher an tuberkulosekranke Marsmännchen als an eine bunte Sommerwiese.

Sie freuen sich wirklich auf den Garten, heute soll alles klappen. Gestern gab es bereits den Versuch, Sonnenblumenkerne in kleine Töpfe zu setzen. Es blieb bei dem Versuch, nachdem vier Kinder alle Kerne gegessen hatten.

Die Schule ist zum Mittelpunkt der Familien geworden

Ich unterrichte seit drei Monaten sechs- bis achtjährige Kinder aus Syrien, Irak, Libyen und Rumänien in den Fächern Deutsch, Mathe, Sachkunde, Sport, Bildende Kunst und Musik. Die Kinder können acht Buchstaben schreiben, kennen die Zahlen bis zehn und plaudern eifrig drauf los, wenn ich sie frage, was sie gestern nach der Schule gemacht haben. Es ist zwar nicht immer ganz einfach, aus dem Wortsalat eine reale Freizeitgestaltung herauszuhören, aber zehn der zwölf Kinder wohnen in einer Notunterkunft gleich um die Ecke. Die Nachmittage laufen dort für alle meistens gleich ab. Ich kann also notfalls auch raten.

Die Schule ist in den letzten Monaten zum Mittelpunkt der Familien geworden. Die Kinder sind vier Stunden bei mir, dann gibt es für einige noch gesonderten Förderunterricht, zu dem auch die Eltern kommen. Meistens lasse ich aber hier die Kinder spielen und mache mit den Eltern Alphabetisierungsübungen, die dankbar angenommen werden. Nach der Schule gehen die Kinder nochmal vier Stunden in den Hort, wo sie mit anderen Kindern Tischfußball und Lego spielen oder auf Dreirädern über den Schulhof heizen.

Die Schule ist für fast alle Familien die einzige Möglichkeit, in Kontakt mit der Berliner Außenwelt zu treten. Das ist nicht nur entscheidend für die Sprachaneignung der Kinder und deren Eltern, es ist auch wichtig für die Eltern der deutschsprachigen Kinder und Kollegen, die immer mehr ihre Berührungsängste vor den Flüchtlingen verlieren.

Nach drei Monaten kann ich jetzt mit den Kindern so gut kommunizieren, dass ich die Schwierigkeitsstufe etwas anheben will. Da ist etwas Wühlen im Matsch genau das richtige.

Ich gehe also nochmal mit einer Handvoll Erde um die Tische und wiederhole mantrisch das Wort „Erde", das die Kinder im Chor wiederholen, da klopft es an der Tür. Die Bezirkszahnfee steht vor mir und erinnert mich daran, dass sie jetzt einen Termin bei mir hat. Verdammt! Die Zahnprophylaxe. Vor zwei Wochen kam eine Mail von der Schulleitung, die ich zwar gelesen, aber auch sofort wieder vergessen habe.

Ich überlege kurz, wie ich Mundhygiene und Landschaftsarchitektur miteinander verbinden kann, gebe mich aber dann geschlagen. Der Garten muss warten. Der Kampf gegen Karies ist wichtiger.

Einige der Kinder haben erst in Berlin Bekanntschaft mit der Zahnbürste gemacht

Ich tue also so als sei das geplant oder als ob die Zahnfee immer unangemeldet kommt. Ich kann mich nicht rechtzeitig entscheiden und versuche etwas dazwischen zu finden. Und tatsächlich sind die Gartenpläne aus den Kinderköpfen weggewischt als Frau Zingst ein riesiges Stoffkrokodil aus ihrer Tasche zieht und mit ihm über Zähneputzen plaudert.

In den kommenden dreißig Minuten wird über ausfallende Vorderzähne gesungen, vom tägliche Zähneputzen der Kinder berichtet und gemeinsam am Becken die Zahnbürste in den Mund geschoben.

Einige der Kinder haben erst in Berlin Bekanntschaft mit der Zahnbürste gemacht. Bei der Schulärztlichen Zahnkontrolle vor zwei Monaten haben alle einen gelben Brief mitbekommen. Gelb ist nicht gut. Gelb heißt, dass sie dringend zu einem Zahnarzt müssen. Der Kampf gegen Karies hat gerade erst begonnen. Ich habe lange mit den Eltern über die Wichtigkeit des Zähneputzens gesprochen.

Der Kontakt mit den Flüchtlingsfamilien hat mir gezeigt, wie viele Wege der Kommunikation es gibt

Mit Sprechen meine ich eine Mischung aus Pantomime und Scharade, unterstützt von einigen Signalwörtern. Aber wir verstehen uns. Der Kontakt mit den Flüchtlingsfamilien hat mir gezeigt, wie viele Wege der Kommunikation es gibt. Nach anfänglichen Schammomenten auf beiden Seiten, finden wir es alle mittlerweile ganz normal und oft auch sehr unterhaltsam, eine Theaterimprovisation aufzuführen, um beispielsweise über den Zoobesuch nächster Woche zu sprechen.

Stolz halten die Kinder bunte Zahnbürsten in den Händen und strahlen abwechselnd Frau Zingst und mich an. Die Zahnfee versteht etwas von ihrem Job. Sie packt wieder ihr Krokodil ein und verabschiedet sich von der Klasse.

Für den Garten ist es jetzt zu spät, also gehen wir gleich in die Sporthalle, wo wir die verbleibenden dreißig Minuten Fußball spielen werden. Das mit den Blumen machen wir dann einfach morgen.

Ich habe in den letzten drei Monaten viel über Kinder und auch über mich gelernt. Als ich erfuhr, dass ich eine Willkommensklasse übernehmen sollte, holte ich mir jedes Buch über Traumatabewältigung und das Verarbeiten von Kriegserlebnissen, das ich finden konnte. Ich stellte mir verängstigte und verstörte Kinder vor, die mich mit ihren tieftraurigen Augen anschauen und nicht mehr wissen, was sie von dieser Welt halten sollen. Aber als es soweit war und die Kinder in meiner Klasse saßen, musste ich schnell meine Vorurteile revidieren.

Es waren normale Kinder. Kinder, die spielen, basteln und schreiben wollen, die sich streiten oder weinen, wenn jemand ihnen den Stift wegnimmt und die im zwanzig-Minuten Takt mal unausstehlich, mal wahnsinnig witzig und mal unglaublich liebenswürdig sein können. Eben Kinder.

Natürlich hatte noch kein Kind vorher eine Schule von innen gesehen.

Meine Kollegen hatten mich vorher gewarnt. Auf mich würden harte Zeiten warten. Die Kinder kämen aus bildungsfernen Schichten, sie hätten noch nie eine Schule von innen gesehen. Nur mit Härte käme man da an die gewünschten Ergebnisse. Aber auch das war Quatsch.

Natürlich hatte noch kein Kind vorher eine Schule von innen gesehen. Ich unterrichte eine erste Klasse! Und auch wenn viele Eltern der Kinder eine sehr rudimentäre Schulausbildung genossen haben, ist doch der Instinkt zu lernen bei allen Menschen ausgeprägt. Vor allem, wenn man sechs Jahre alt ist. Und nachdem ich diese beiden Grundprämissen meiner Kollegen als falsch wahrgenommen habe, ließ ich auch den methodischen Tipp mit der Härte.

Es ist nicht immer leicht, mit zwölf Kindern zu jonglieren, die allein schon vom Reden gestresst sind. Es ist schließlich eine Fremdsprache für sie. Aber auf jeden Fall befriedigt mich die Arbeit in diesen Momenten völlig, wenn die Klasse am Ende des Schultages vor mir steht mit Zahnbürste in der Hand und Stolz in der Brust, um mir in ihrer Mischung aus Deutsch und Fantasiesprache zu versichern, dass alle jetzt jeden Tag die Zähne putzen werden.

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