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10/12/2016 11:44 CET | Aktualisiert 11/12/2017 06:12 CET

Ein Hoch auf die Datenanalyse im Wahlkampf

Markus Brunner via Getty Images

Die politischen Bundestrainer der Nation treiben gerade die neueste Sau durchs Dorf: Die bösen Datenleute von Camebridge Analytica machen ganz schlimme Sachen, indem sie Politikern helfen ihre Wähler kennen zu lernen. Huiuiui, wie können die nur!

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Die Debatte um Cambridge Analytica

Ein Artikel aus Das Magazin schlägt nach der Fake-News-Debatte nun die nächsten großen Wellen. Gerade noch waren profitgierige Teenager aus Mazedonien Schuld an Trump, jetzt sind es die profitgierigen Anzugträger aus Großbritannien.

Die Firma Camebridge Analytica will im Alleingang Trump zum Sieg verholfen haben. Dass sie von Ted Cruz gefeuert wurden, weil sie schlicht nicht wie besprochen geliefert haben, tut ihrer infamen Popularität keinen Abbruch, trotz der durchwachsenen Bewertung. Ted Cruz selbst war ja trotz intensiver Datennutzung auch nicht erfolgreich.

Dass prinzipiell Daten eine Rolle in der erfolgreichen Kommunikation von Botschaften spielen, dürfte die wenigsten überraschen. Wer einem Nazi veganes Biogemüse aus Tübingen schmackhaft machen will, muss sich sehr anstrengen. Und wer dem schwäbischen Hipster im Prenzlauer Berg ein billiges Schweinesteak aus Massentierhaltung verkaufen will, muss ungewöhnlich talentiert sein.

Dass diese Überlegung auch in der Politik eine Rolle spielt, ist ebenfalls nichts Neues.

Warum also regen sich alle gerade so auf? Einfach weil diesmal der Falsche gewonnen hat und das linksliberale Milieu nicht verstehen kann, warum diese schrecklichen Konservativen so erfolgreich sein konnten? Oder lebt es sich einfach entspannter mit einem klaren Schuldigen?

Die Datennutzung von Barack Obama

Fake News ist Schuld. Big Data ist Schuld. Die Leute sind zu dumm. Die Hintermänner zu böse. So recht geht diese Rechnung nicht auf. Vielleicht sind die Kommentatoren auch einfach etwas vergesslich geworden und haben verdrängt, wie sehr man sich 2012 schon über Obamas deutschen Wahlkampfberater Julius van de Laar aufgeregt hatte, als er es doch tatsächlich wagte, den datenschützenden Deutschen ins Gesicht zu sagen: „Man muss die Daten nutzen!" Damals fand auch ZEIT ONLINE schon: „Personalisierte Internetwerbung kann unheimlich sein."

Mittlerweile nutzen alle Kandidaten in den USA ausgeklügelte Datensysteme. Trotz Vergrößerung von Datenmengen und Rechenleistung ist Cambridge Analytica schlicht ein alter Hut.

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Politik-Professor Donald Green sagte der SZ nach Obamas Widerwahl: „Die Obama-Leute waren ... besessen davon, Daten zu nutzen und Erkenntnisse aus der Forschung anzuwenden."

Laut sozialmarketing.de sah das so aus: „Durch den Aufkauf sämtlicher auf dem Markt verfügbarer Lifestyle-Daten (z.B. von PayBack) und der Verknüpfung dieser Daten u.a. mit Daten aus den Wählerverzeichnissen (so genannte Voter Files, die Parteipräferenz, Namen, Anschrift, Telefonnummer etc. enthalten) in einer zentralen Datenbank, ermöglichten es die Erkenntnisse der Daten-Auswertung eine maximal effektive und effiziente Kampagne zu führen."

Die Wirtschaftswoche schrieb daher auch: „Obama war skrupelloser als Romney."

Das Datentalent von Reince Priebus

Natürlich hat auch Clinton 2016 diese Datensysteme ausführlich genutzt. Die Republikaner waren diesmal nur einfach besser. Dabei war weniger Trump selbst, sondern vor allem der Vorsitzende des Republican National Committee Reince Priebus entscheidend. Über 100 Millionen Dollar hat er für Daten ausgegeben, um zu verstehen, wie genau Amerika und seine Wähler ticken.

Das Predictive Modeling von Priebus war wie Google, Facebook und Amazon in der Lage, die Nutzer und Konsumenten, die jetzt in ihrer Rolle als Wähler unterwegs waren, genauestens zu verstehen.

Die Kombination von Trumps Intuition für den Frust der Wähler und dem analytischen Talent von Priebus hat am Ende das beste Zusammenspiel von Mensch und Maschine produziert, das wir seit Obamas Wahlkampf 2012 im politischen Raum gesehen haben.

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Was mit Cambridge Analytica jetzt groß gehyped wird, ist also erstens nichts Neues und zweitens schon seit längerem umfangreich publiziert. Und trotzdem ist es gut, dass wir jetzt wieder darüber diskutieren.

Denn tatsächlich geht es hier um die wesentlichen Grunddynamiken der Demokratie. Genau wie nach den früheren Medienrevolutionen (Entstehung der Sprache, Erfindung der Schrift, Entwicklung des Buchdrucks) führt auch das Internet zu Exzessen und ungesunden Kombinationen mit Profit- und Manipulationsinteressen. Da gilt es, wachsam zu sein!

Die Datennutzung in der Demokratie

Grundsätzlich ist das Interesse am Wähler von Seiten der Politik aus demokratischer Sicht vorbehaltlos zu begrüßen. Dass dieses Interesse sich auch digital äußert, ist auch kein Problem. Schon immer waren die erfolgreichsten Politiker Menschen, die ihre Wähler gut kannten oder intuitiv das Psychogramm ihres Gegenübers erkennen konnten.

Früher war dieses Talent nur genialen Charismatikern vorbehalten. Heute ist es durch die Masse an digitalen Daten auch für sozial untalentierte Menschen möglich, die verschiedenen Wählergruppen zu verstehen und emotional zu erreichen.

In den USA haben die liberalen Datengesetze daher dazu geführt, dass Kandidaten ihre Wähler so genau kennen, wie kaum ein Politiker vor ihnen. Und es hat einen Einfluss auf ihr Denken: alle Kandidaten passen ihre Botschaften in irgendeiner Art und Weise an ihre Wähler an. Bei Hillary heißt das hierzulande dann „Lernfähigkeit" und bei Trump natürlich ganz böse „Manipulation".

Man kann von Trump halten was man will - und das ist in meinem Fall als amerikanischer Staatsbürger, der Hillary gewählt hat, nicht besonders viel. Aber die Emotion gegenüber Trump jetzt effektheischend gegen jede Art von Datennutzung prinzipiell zu wenden, ist nicht nur unseriös, sondern manchmal sogar latent antidemokratisch!

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Im Kern der Demokratie liegt die Idee, dass die politische Klasse nicht einfach durchregieren kann, darf und soll, sondern um Unterstützung für ihre Ideen und Anliegen werben soll. Dass dafür nun auch digitale Technologien genutzt werden, ist daher auch keine fiese Marktlogik, vor der man die Demokratie schützen muss.

Sie ist schlicht die logische Konsequenz der demokratischen Idee selbst. Das Gegenteil einer Gesellschaft, die von ihren Politikern das intensive Bewerben und die konzentrierte Vermarktung von Ideen und Vorhaben verlangt, wäre die Autokratie. Und das Gegenteil einer Gesellschaft, die von ihren Politikern das intensive und umfassende Bemühen um das Verständnis jedes einzelnen Wählers verlangt, wäre die Aristokratie.

Dagegen bekenne ich ganz frisch und frei: Ein Hoch auf den demokratischen Liberalismus!

Die Datennutzung in Deutschland

Entscheidend ist nicht prinzipiell die Nutzung von Daten, um Menschen zu verstehen, selbst wenn das ganz gruselig Psychogramm genannt wird. Auch früher schon wurden nicht-digitale Daten wie Adresse, Religion, Verdienst, Familie, und Telefonnummern über Menschen erhoben.

Entscheidend ist daher vielmehr die Frage nach der grundsätzlichen Ethik von digitaler Datensammlung. Und hier kann Deutschland als souveräner Staat, auch im Verbund mit anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union, mit guten Gründen andere Wege gehen als Großbritannien und die USA.

Eine dem US-Wahlkampf entsprechende Anwendung von Analysetools über die Basics wie Facebooks Social Graph und Fanpage Karma hinaus ist ja in der deutschen Politik zur Zeit nicht zu beobachten. Zum wichtigeren Thema für die Bundestagswahl 2017 werden gerade eher die Social Bots, die von der AfD schon als legitime Waffe im Wahlkampf identifiziert wurden.

Grundsätzlich gilt: Was hierzulande gerade als das Ende der Demokratie beschworen wird, könnte man mit Fug und Recht auch eine Latte tiefer hängen. In weiten Teilen ist hier schlicht das Urwesen der Demokratie am Werk!

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