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29/09/2015 08:11 CEST | Aktualisiert 29/09/2016 07:12 CEST

Ein Gipfel soll die Welt retten: Promis und Politiker diskutieren in NY

Klatschen, klatschen, und noch mehr klatschen. Balsam für die geschundene Aktivistenseele. Momentum soll entstehen, emotionales Momentum. Global soll's sein. Und groß. Und inspirierend. Ein bisschen erinnert die Eröffnungszeremonie des Social Good Summit in New York an eine Erweckungsbewegung.

Romantische Ekstase ist das Ziel, die Menge soll aktiviert werden. Social Good Summit heißt direkt übersetzt Gemeinwohlgipfel und dementsprechend bunt ist der Strauß an Themen, denen sich die Gipfler widmen. Technologie als Entwicklungstool, das Internet, Datenschutz, internationale Kooperation, AIDS, Ebola, Diplomatie im digitalen Zeitalter, Innovation, Social Business.

Zynisch könnte man sagen, dass es vor allem die Anmoderation der Schauspieler ist, die die Themen verbindet. Weniger zynisch könnte man sagen, dass es der Gemeinschaftsgeist ist, der die Themen des Gemeinwohlgipfels zusammen bringt. Ein Zeitgeist entsteht, wie es Adrian Grenier ("Der Teufel trägt Prada") begeistert beschreibt.

2015-09-29-1443485208-6204915-21144036763_9187497fee_o.jpg Quelle: UNEP/flickr.com

Gedankenverflüssiger

Über Bundespräsident Gauck schrieb DIE ZEIT, er sei ein Gedankenverflüssiger, der trockene Themen in Emotion verwandelt und sich so lange darin suhlt, bis er hoch ergriffen mit den Tränen ringt. Ob die Beschreibung auf den Bundespräsidenten zutrifft, sei dahin gestellt. Dass er auf den Gemeinwohlgipfel zutrifft, steht außer Frage.

Ein hochkarätiges Feld hat man aufgeboten: Schauspieler, UN-Mitarbeiter, US-Diplomaten, ehemalige Minister und Staatschefs, noch mehr Schauspieler, Nachhaltigkeitsbeauftragte multinationaler Konzerne, einige jugendliche Erfinder und Aktivisten, und noch ein paar Schauspieler. Alle bemühen sich die Energie hoch zu halten - "high energy" ist schließlich nicht nur für Jeb Bush im Wahlkampf gegen Donal Trump entscheidend.

2015-09-29-1443485099-7206830-21577202988_52fe4db7f4_o.jpg Quelle: UNEP/flickr.com

Black Mambas

Und nach den ersten theatralischen Gesten entstehen dann auch echte Gespräche auf der Bühne - man kennt sich, man mag sich. Und hat interessante Geschichten aus aller Welt mitgebracht. Die Black Mambas zum Beispiel - eine Gruppe jugendlicher Südafrikaner, die sich im Kruger-Nationalpark den Wilderern entgegen stellt, die seit Jahren das weiße Rhinozeros an den Rand des Aussterbens geschossen haben.

Es sind diese kurzen Momente, in denen echte Erfahrung aus der tatsächlichen Arbeit im Feld es bis in die hohen Lüfte des Gipfels schafft und dem Gemeinwohlteil des Namens seine Berechtigung gibt. Und auch Politiker und UN-Direktoren bemühen sich redlich, das Scheuklappendenken der Realpolitik zu überwinden und die Machbarkeit von Kooperation und Innovation zu betonen. Schließlich geht es um unser aller Zukunft!

Helen Clark, Direktorin des UN-Entwicklungsprogramms, ist es besonders wichtig, die Voraussetzungen der menschlichen Entwicklung in den Blick zu nehmen und die humanitäre Gefahr zu beschreiben, die ökonomische Ungleichheiten mit sich bringen. In vielen Beiträgen ist von "root causes" zu hören, den Wurzelursachen.

Radikal an die Wurzel

Radikal möchte man also sein, an die Wurzel des Problems gehen und nicht nur Symptome bekämpfen. "Es ist nicht alles hoffnungslos", ruft Helen Clark der Menge zu. Recht hat sie. "Das sind alles keine einfachen Probleme", erklärte Wikipedia-Gründer Jimmy Wales der Menge. Recht hat er.

"Zielesetzen funktioniert", begeistert sich Amina Mohammed, die den UN-Generalsekretär in Entwicklungsfragen berät, selbst ein bisschen. Und natürlich hat sie Recht. Und doch bleibt ab und an ein Gschmäckle. Der super-innovative Esprit nutzt sich ab und allzu oft bleiben doch eher Plattitüden übrig: "Es reicht nicht, sich Ziele zu setzen. Man muss sie auch umsetzen", weiß die Moderatorin zum Beispiel.

Natürlich hat auch sie damit Recht. Schade nur, dass solche Banalitäten in der realpolitisch dominierten internationalen Politik nach wie vor betont werden müssen und keine Selbstverständlichkeit sind.

2015-09-29-1443484846-762653-21146264453_a08d3d0a0c_o.jpg Quelle: Sachyn/flickr.com

Nachhaltigkeits- und Entwicklungsfragen

Was ein Gipfel wie dieser vor allem zeigt, ist, dass Nachhaltigkeits- und Entwicklungsfragen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Es sind nicht mehr nur Hippies, Atomgegner und Friedensaktivisten, die von einer besseren Welt träumen. Es sind mittlerweile auch Konzerne, Regierungen, Unternehmer, und eine potente Mischung aus Prominenten und Aktivisten an Bord.

Ein Gemeinwohlgipfel, der am Rande der Generalversammlung der Vereinten Nationen stattfindet, kann eindrucksvoll die zivilgesellschaftliche Breite demonstrieren, die in den relevanten Diskussionen unserer Zeit zu finden ist. Charlize Theron ist gekommen, Victoria Beckham, Unilever-CEO Paul Polman, und die jordanische Königin.

Es geht ja auch schließlich um weit mehr als Politik. Es geht um Wirtschaft, um Bildung, um Würde. Und der Organisationsprozess, den es braucht, um diese hochkomplexen Fragen zu bearbeiten, geht über den traditionellen politischen Prozess weit hinaus. Das sichtbar zu machen, ist das große Verdienst des Social Good Summit.

Von New York nach Paris

Beim Gipfel zieht Amina Mohammed, deren unermüdlichen Arbeiten im Namen der UN viele der Erfolge der Entwicklungsziele zu verdanken sind, ihre vorläufige Jahresbilanz so: "Wir hatten drei Aufgaben in 2015. Wir mussten uns Ziele setzen. Wir mussten rausfinden, wie wir dafür zahlen wollen. Und wir mussten einen Klimavertrag schließen.

Die ersten zwei Ziele haben wir erreicht. Das dritte Ziel werden wir im Dezember beim Klimagipfel in Paris erreichen." Und weil ein wirklicher Erfolg in Paris noch ganz und gar nicht ausgemacht ist, fügt sie motivierend hinzu: "Ich bin da zuversichtlich." Wenn du es bist, Amina, dann sind wir es auch.

Denn wie hast du vorhin so schön gesagt: "Zielesetzen funktioniert." Und weil dir die neuen Global Goals, die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen, so am Herzen liegen, gibst du uns gleich die Gebrauchsanweisung an die Hand: "Alle Ziele zählen. Benutzt eins der Ziele immer auch als Andockstation für alle anderen. Das eine ist nie ohne das andere zu erreichen." Recht hat sie. Mal wieder. Also ohne alle Zynik: Danke, Gemeinwohlgipfel. Es hat sich gelohnt.

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