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13/01/2017 07:52 CET | Aktualisiert 14/01/2018 06:12 CET

Wieso die AfD an der Uni nichts zu suchen hat - und der Protest in Magdeburg dennoch zu weit ging

Video oben von Jonas B.

In Magdeburg ist es bei einem Treffen einer AfD-nahen Hochschulgruppe an der Otto-von-Guericke-Universität zu Ausschreitungen gekommen. Bei der Veranstaltung sollte Biologieprofessor Gerald Wolf einen Vortrag zum Unterschied zwischen Männern und Frauen halten. Auch Sachsen-Anhalts AfD-Landeschef Andre Poggenburg war anwesend.

Jonas B. ist Student an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Er war zur Zeit des Vorfalles im Veranstaltungs-Hörsaal. In der Huffington Post schildert er, was wirklich passierte.

Er ist der Meinung: Die AfD hätte wissen müssen, dass sie mit ihrer rückständigen Auffassung an der Uni nicht willkommen sind. Dennoch lehnt er den gewaltsamen Protest ab - auch weil die AfD diesen im Nachhinein für ihre Zwecke nutzt.

Die Veranstaltung spaltete die Studierendenschaft

Begonnen haben die Ereignisse schon wenige Tage vor der Veranstaltung. Als bekannt wurde, dass die Campus Alternative Magdeburg einen Vortrag an der Uni plant und dann noch an der Fakultät der Humanwissenschaften, spaltete dies die Studenten. Ein Teil der Studierenden wollte dem Ganzen keine Bühne bieten und entschieden sich, bewusst zuhause zu bleiben.

Der Großteil jedoch wollte ein Zeichen gegen Sexismus an der Universität setzen. So kam es dazu, dass vor der Veranstaltung eine Professorin einen Vortrag über Gender-Mainstreaming hielt und der Hörsaal der Veranstaltung bunt geschmückt wurde.

Dass es zu einer Eskalation kommen könnte, war recht früh absehbar.

Der Gender-Mainstreaming-Vortrag war bereits sehr gut besucht, sodass alle Stühle belegt waren und viele Besucher noch hinter der der letzten Sitzreihe standen, in erster Linie um ihren Protest gegen die AfD auszudrücken.

Währenddessen wurden bereits Flyer verteilt, in denen stand, dass man einfach nach dem Ende des Vortrags im Raum bleiben solle. So wurde der Hörsaal für die nachfolgende Veranstaltung blockiert. Mir war zu der Zeit schon bewusst, dass dort kein Vortrag der AfD-Mitglieder möglich sein würde.

Poggenburg wollte die Aufregung weglächeln

Genau so kam es dann auch. Die wenigsten der Anwesenden verließen den Raum. Zu meiner Überraschung, betraten Herr Poggenburg, die Vertreter der Campus Alternative und ein Professor, der erklären sollte, warum Frauen von Natur aus schlechter sind als Männer, dennoch den Saal.

Wenn man dies unter einem Aspekt der Sicherheit betrachtet, war dies ein Fehler, da sich einfach kein Publikum für den geplanten Vortrag im Gebäude bot. Nachdem sich die Campus Alternative zum Podest durchgedrängelt hatten, versuchte ein Mitglied der Campus Alternative den Beginn der Veranstaltung anzukündigen.

Seine Worte waren jedoch durch den Lärm der Protestierenden nicht zu hören. Man merkte Herrn Poggenburg seine Anspannung an, er versuchte sie jedoch wegzulächeln. Nachdem die einleitenden Worte beendet waren, stellte sich der Landesvorsitzende der AfD an das Mikro.

Auch ihm entgegnete nur lauter Protest. Mehrere Studenten mit einem "Students against Racism"-Banner betraten die Bühne und näherten sich Herrn Poggenburg.

Die AfD startete die Tumulte

Bis zu diesem Zeitpunkt alles noch relativ friedlich. Die Situation eskalierte als ein Mann in brauner Jacke aus der AfD-Gruppe, welche rechts im Raum stand, gewaltsam versuchte, das Banner zu entwenden. Hieraus resultieren Rangeleien und die Stimmung wurde sehr aggressiv.

Es kam wieder zu Tumulten. Es flog ein Böller in Richtung der Tafel. Studenten hatten verschiedene Banner dabei und hielten sie so, dass sie zum Ausgang leiteten, damit die AfD-Leute den Raum verlassen. Linksextreme trugen zur Eskalation bei: Es kam nochmal zu einer Schlägerei, bei der wohl eine Person eine Verletzung erlitt.

Die AfD-Delegierten verschwanden in einen kleinen Technikraum hinter den Hörsaal. Ich denke mal, dass sie dort über das weitere Vorgehen diskutieren. Herr Poggenburg nutzte diese Gelegenheit bereits, um zu twittern, dass er von "Linksextremen" angegriffen wurde.

Dies stimmt so einfach nicht. Nach Anrücken der Polizei und Jubel der Studenten wurde die Veranstaltung dann beendet.

Die Eskalation war erwartbar

Dass es zu einer Eskalation kommt, war in meinen Augen zu erwarten. Eine Universität ist ein Ort, an dem Menschen aus der ganzen Welt zusammentreffen, zusammenleben und -lernen. Eine Partei wie die AfD die mit "Nein zu Multi-Kulti" wirbt hat dort einfach keinen Platz. Gerade an der Fakultät für Humanwissenschaften ist ihre Ideologie in meinen Augen nicht zu tolerieren.

"Ein Techno-DJ legt ja auch nicht auf einem Metal-Festival auf"

Über Vorwürfe, die protestierenden Studenten hätten mit ihrem Auftreten die Meinungsfreiheit unterdrückt, kann ich nur schmunzeln. Zu sagen, dass Frauen grundsätzlich dümmer sind als Männer, ist in meinen Augen keine Meinung.

Die AfD kann von mir aus solche Vorträge halten, aber eben nicht an einer Universität. Das ist der falsche Rahmen. Ein Techno-DJ legt ja schließlich auch nicht auf einem Metal-Festival auf.

Gewalt geht zu weit

Ich finde, solche Proteste. wenn sie angemessen sind, gut und richtig. Was jedoch den Eindruck eines sinnvollen Protests sofort wieder zerstört, ist das Anwenden von Gewalt.

Zwar ist klar zu betonen, dass nicht die Studenten mit körperlicher Gewalt begonnen haben, aber dies rechtfertigt nicht, dass eine Person verletzt wurde.

Jede Form von Gewalt ist in solchen Kontexten abzulehnen. Ich denke, dass Herr Poggenburg genau wusste, was auf ihn zukommt. Er weiß, wie er die Ereignisse im Nachhinein darstellen muss, um Stimmen "besorgter Bürger" zu gewinnen.

"Protestieren ja, aber auf keinen Fall mit körperlicher Gewalt"

Das Zünden eines Böllers war mehr als unnötig. Zwar flog dieser nicht direkt in Richtung Poggenburg, wie viele angebliche Zeugen es jetzt schildern, trotzdem standen dort viele Personen und es bestand ein enormes Verletzungsrisiko.

Protestieren ja, aber auf keinen Fall mit körperlicher Gewalt. Trotzdem: Wer sich in die Höhle des Löwen begibt, muss damit rechnen, gefressen zu werden.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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