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19/10/2014 07:47 CEST | Aktualisiert 19/12/2014 06:12 CET

Falls meine Kinder schwul werden: Vier Versprechen von einem Pfarrer/Vater

Ich denke häufig über die sexuelle Orientierung meiner Kinder nach. Keine Ahnung, ob es anderen Eltern ebenso geht. Deswegen möchte ich, als Pfarrer und als Vater, Ihnen und meinen beiden Kindern gegenüber einige Versprechen ablegen.

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Manchmal frage ich mich, ob meine Kinder einmal schwul werden.

Keine Ahnung, ob es anderen Eltern ebenso geht. Aber ich denke doch relativ häufig über diese Möglichkeit nach.

Vielleicht liegt es daran, dass viele Menschen in meinem Familien- und Freundeskreis schwul sind. Homosexualität ist Teil meiner Gene und meines Umfelds.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich als Pfarrer um Schüler kümmere und hier in den USA immer wieder Horrorgeschichten höre und erlebe, wenn offen oder heimlich homosexuelle Kinder ein Mitglied der Kirche werden möchten.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich als Christ mit vielen Leuten zu tun habe, die Homosexualität als das Widerwärtigste überhaupt empfinden und ihre Meinung bei jeder nur denkbaren Gelegenheit kundtun.

Wie dem auch sei: Ich denke häufig über die sexuelle Orientierung meiner Kinder nach. Und deswegen möchte ich, als Pfarrer und als Vater, Ihnen und meinen beiden Kindern gegenüber einige Versprechen ablegen...

1. Falls meine Kinder schwul werden, sollen es alle erfahren.

Meine Kinder werden ganz gewiss nicht unser bestgehütetes Familiengeheimnis.

Ich werde es nicht vermeiden, sie in Gesprächen mit anderen Menschen zu erwähnen. Ich werde keine Codesprache oder vage Ausdrücke verwenden. Ich werde niemandem diesbezüglich etwas vormachen und auch keine Rücksicht darauf nehmen, ob mein Gesprächspartner schon älter ist, an diesem Thema Anstoß nimmt oder es ihm unangenehm ist. Kind zu sein ist an sich schon schwer genug und viele homosexuelle Kinder fühlen sich ihr ganzes Leben lang furchtbar unangenehm. Ich werde meine Kinder keinem unnötigen Druck aussetzen, nur damit ein Cousin dritten Grades mit fehlgeleiteten Aggressionen es an Thanksgiving ein bisschen einfacher hat.

Wenn sich meine Kinder outen, dann outen wir uns als Familie.

2. Falls meine Kinder schwul werden, werde ich für sie beten.

Ich werde nicht dafür beten, dass sie wieder „normal" werden. Ich habe genug Lebenserfahrung gesammelt, um zu wissen, dass es für Schwule normal ist, schwul zu sein.

Ich werde nicht dafür beten, dass Gott meine Kinder heilt, ändert oder korrigiert. Stattdessen werde ich dafür beten, dass Gott meine Kinder beschützt - vor der Ignoranz, dem Hass und der Gewalt, den ihnen unsere Welt ihnen entgegenbringen wird, einfach weil sie sind, wie sie sind. Ich werde dafür beten, dass Gott sie vor denjenigen Menschen beschützt, die sie verachten und ihnen Böses wollen, die sie in die Hölle wünschen und ihnen die Hölle auf Erde bereiten, ohne sie jemals kennengelernt zu haben. Ich werde dafür beten, dass sie ihr Leben genießen, dass sie lachen und träumen und fühlen und vergeben und Gott und die Menschheit lieben.

Aber vor allem bete ich zu Gott, dass sie sich nicht von der gottlosen Haltung, die einige seiner fehlgeleiteten Kinder ihnen gegenüber einnehmen, davon abhalten lassen, den Weg zu ihm zu finden.

3. Falls meine Kinder schwul werden, werde ich sie lieben.

Und ich meine damit keine symbolische, tolerante Liebe aus sicherer Distanz. Sondern eine überschwängliche, offenherzige, unmissverständliche, meine-Eltern-sind-ja-so-peinlich Art von Liebe.

Ich werde sie nicht trotz ihrer sexuellen Orientierung lieben und ich werde sie auch nicht wegen ihrer sexuellen Orientierung lieben. Ich werde sie einfach deswegen lieben, weil sie süß sind, und lustig, und warmherzig, und intelligent, und freundlich, und eigensinnig, und fehlerhaft, und einmalig, und schön - und vor allem deswegen, weil sie meine Kinder sind.

Falls meine Kinder schwul werden, mögen sie unzählige Zweifel in Bezug auf sich und diese Welt haben, aber sie werden keine Sekunde daran zweifeln, dass ihr Daddy sie wie verrückt liebt.

4. Falls meine Kinder schwul werden, sind meine Kinder aller Wahrscheinlichkeit nach schwul.

Sollten meine Kinder schwul werden, dann sind sie es im Grunde bereits jetzt schon.

Gott hat sie bereits erschaffen, ihr Gehirn verkabelt und in ihnen den Samen ihrer Persönlichkeit gepflanzt. In Psalm 139 ist zu lesen: „Denn du bist es, der meine Nieren geschaffen, der mich im Leib meiner Mutter gewoben hat". Dieses unglaublich komplexe Zusammenspiel von Eigenschaften, das sie als Individuum ausmacht, ihre einzigartigen Seelen, all dies wurde bereits in jede Zelle ihres Körpers hochgeladen.

Und deswegen wird ihre Sexualität nicht bis zu einem bestimmten Termin definiert, dem ihre Mutter und ich entgegenfiebern können. Ich glaube nicht, dass es ein magisches Datum gibt, bis zu dem wir irgendwie das Richtige tun, sagen oder beten müssen, um ihre sexuelle Orientierung umzukehren, weil sie ansonsten endgültig ans andere Ufer wechseln.

Meine Kinder sind heute einfach eine jüngere Version dessen, was sie einmal sein werden - und sie sind heute schon unheimlich tolle Menschen.

Mir ist völlig klar, dass einige meiner Leser an diesen Zeilen Anstoß nehmen. Insbesondere dann, wenn Sie ein religiöser Mensch sind, ein Mensch, der diese ganze Thematik abstoßend oder unerfreulich findet.

Während Sie dies lesen, haben Sie vielleicht die Augen verdreht, mit der Zunge geschnalzt oder sich überlegt, welche Bibelzitate Sie mir schicken könnten. Vielleicht beten Sie dafür, dass ich Buße tue. Oder Sie überlegen sich, Ihre Facebook-Freundschaft mit mir zu beenden. Oder Sie haben mich bereits als sündigen, zur Hölle verdammten Ketzer abgeschrieben. Dazu kann ich Ihnen, so sanft und verständnisvoll wie nur möglich, nur eines sagen: Das ist mir wirklich so was von egal.

Denn hier geht es nicht um Sie. Das hier ist wesentlich wichtiger als Sie.

Sie sind nicht der Mensch, auf den ich neun Monate lang voller Spannung gewartet habe.

Sie sind nicht der Mensch, der mich bei seiner Geburt zu Tränen gerührt hat.

Sie sind nicht der Mensch, den ich gebadet, gefüttert und in zahllosen innigen, mitternächtlichen Momenten geknuddelt und in den Schlaf gewiegt habe.

Sie sind nicht der Mensch, dem ich das Radfahren beigebracht, dessen aufgeschürftes Knie ich geküsst und dessen winzige, zitternde Hand ich gehalten habe, als er genäht wurde.

Sie sind nicht der Mensch, dessen Haar ich so gerne rieche, der übers ganze Gesicht strahlt, wenn ich abends heimkomme, und dessen Lachen wie Musik in meinen Ohren klingt.

Sie sind nicht der Mensch, der meinem Dasein Sinn und Zweck verleiht und den ich mehr anbete, als ich es mir jemals hätte träumen lassen.

Und Sie sind nicht der Mensch, der hoffentlich an meiner Seite ist, wenn ich meine letzten kostbaren Atemzüge auf diesem Planeten tue. Wenn ich voller Dankbarkeit auf ein Leben geteilter Schätze zurückblicke und mich mit dem guten Gewissen verabschiede, diesen Menschen von ganzem Herzen geliebt zu haben.

Ich weiß nicht, wie Sie als Eltern darauf reagieren, wenn Sie herausfinden, dass Ihre Kinder schwul sind. Aber ich hoffe inständig, dass Sie diese Möglichkeit in Erwägung ziehen.

Denn eines Tages befinden Sie sich vielleicht in einer Situation, in der Sie - ungeachtet dessen, wie Sie Ihr Kind bisher wahrgenommen und erzogen haben - einem verängstigten, verzweifelten, verletzlichen Wesen gegenüberstehen, dessen Seelenfrieden, Identität und Akzeptanz, dessen ganzes Herz in einer bisher undenkbaren Weise in diesem einen Moment in Ihren Händen liegt. Und diesem Kind müssen Sie eine Antwort geben.

Falls ich diesen Tag jemals erleben sollte, falls sich meine Kinder mir gegenüber outen, dann hoffe ich, genau dieser Vater zu sein.

Dieser Blogbeitrag erschien ursprünglich auf johnpavlovitz.com.

Hinweis: Mit der Bezeichnung „schwul" beziehe ich mich hier auf alle Menschen, die sich selbst als lesbisch, schwul, bisexuell oder transsexuell bezeichnen oder die sich ihrer sexuellen Orientierung oder Identität nicht sicher sind. Ich bin mir über die Abgrenzungen und Unterschiede dieser Begriffe völlig bewusst, habe mich aber zwecks Einfachheit und Leserlichkeit auf das Wort „schwul" beschränkt. Dieser gängige, dem Durchschnittsleser vertraute Begriff war meiner Ansicht nach der einfachste und beste Weg für die Bezeichnung nicht-heterosexueller Menschen in diesem Beitrag. Ich hoffe, dass mein Herz für all diese Menschen dennoch aus meinen Zeilen spricht.

Video: Schockierendes Video: Wie Sie nicht reagieren sollten, wenn Ihr Kind Ihnen sagt, dass es schwul ist

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