BLOG
07/01/2017 17:42 CET | Aktualisiert 08/01/2018 06:12 CET

Eine Zeit vor dem Menschen?

Nach anerkannten wissenschaftlichen Berechnungen ereignete sich der Urknall vor 13,75 Milliarden Jahren. Knapp 9 Milliarden Jahre später entstand die Erde, die dann - unbemerkt - 4,6 Milliarden Jahre, also 4,6 Milliarden Mal um die Sonne kreiste. Der moderne Mensch selbst betrat vor ca. 200.000 Jahren die Welt.

Ablestock.com via Getty Images

Nach anerkannten wissenschaftlichen Berechnungen ereignete sich der Urknall vor 13,75 Milliarden Jahren. Knapp 9 Milliarden Jahre später entstand die Erde, die dann - unbemerkt - 4,6 Milliarden Jahre, also 4,6 Milliarden Mal um die Sonne kreiste. Der moderne Mensch selbst betrat vor ca. 200.000 Jahren die Welt. Bräche er heute zum nächstgelegenen Stern Alpha Centauri A mit einer Geschwindigkeit von 60.000 Kilometern pro Stunde (Höchstgeschwindigkeit der Raumsonde New Horizons) auf und legte auf diese Weise rund 500 Millionen Kilometer pro Jahr zurück, dauerte diese Reise mehr als 80.000 Jahre, mithin mehr als 3.000 Generationen; und anschließend nochmals mehr als 3.000 Generationen zurück. Zum Vergleich, die moderne Zeitrechnung begann vor 80 Generationen.

2017-01-04-1483543698-1370278-JohnEichler_EineZeitvordemMenschen_AlphaCentauriA.jpg

Aus alledem folgt zunächst die simple Feststellung, dass sich diese Größenordnungen so weit außerhalb des menschlichen Vorstellungsvermögens bewegen, dass sie letztlich auch keinerlei Bedeutung besitzen können. Doch widerspräche es nicht auch jeglicher Logik, überhaupt einen Zeitraum erfassen zu wollen, der sich noch vor der vermuteten Existenz der Bemessungsgrundlagen der Zeit (Sonne und Erde) ereignet hätte? Oder anders ausgedrückt: Wie lange dauerte ein Jahr vor der Entstehung der Erde? Oder noch konkreter:

Wie lange dauerte ein Jahr vor dem Menschen?

Die Beantwortung dieser Fragen ist im Grunde einfach; hängt sie doch einzig und allein von der jeweiligen Sichtweise ab. Denn alles vorab zur Entstehung des Universums und der Erde Gesagte basiert auf einer zentralen philosophischen Annahme: der Annahme einer Existenz von Seiendem ohne eine sinnstiftende Wahrnehmung (durch den Menschen). Wäre hingegen die sinnstiftende Wahrnehmung Bestandteil des Seienden, verschwände dessen Objektivität, wodurch der Mensch alleiniges Zentrum der Welt und des Universums wäre.

Was hier als sinnstiftende Wahrnehmung bezeichnet wird, ist in diesem Kontext ein zentrales Merkmal des Seins. Insofern müsste die allgemeine Frage wie folgt lauten: Ist Seiendes ohne Sein denkbar? Natürlich nicht; um diese Frage exakt zu beantworten. Kann Seiendes ohne Sein existieren? Nein, denn Existenz setzt Bewusstsein voraus. Ist also Seiendes ohne Sein? Das werden wir niemals wissen.

Diese Antwort ist natürlich nicht befriedigend, aber auch nicht zu widerlegen. Auch die Bejahung (oder Verneinung) der Frage könnte nicht widerlegt werden, was jedoch ebenso irrelevant wäre wie die Vorgänge in einem nicht einsehbaren und von niemandem zu öffnenden Behältnis; auch wenn der Mensch Überlegungen über dessen Inhalt anstellen würde.

Im Gegensatz zu einem solchen verschlossenen Behältnis fehlt dem Universum schon eine äußere Begrenzung. Der Mensch hat eine solche Begrenzung weder (sinnstiftend) wahrnehmen noch eine seiner Logik entsprechende Vorstellung von einer solchen Begrenzung entwickeln können.

Dieser Umstand führt zu einem (Welt)Raum, dem die zentrale Eigenschaft des Räumlichen fehlt - die Endlichkeit.

In den Tiefen dieses Oxymorons, des unendlichen Raumes, des Nicht-Raumes sucht der Mensch nach Sinn und Ursprung und scheitert hierbei stets an der fehlenden Endlichkeit (des Universums), aus welcher erst Raum und in dessen Folge Zeit erwächst.

Gleichzeitig projiziert der Mensch seine Idee von Raum und Zeit in den Nicht-Raum, versucht diesen gar in dem ihm eigenen Drang (oder unwillkürlichen Instinkt) zu erschließen, obwohl dieses Ansinnen keinerlei Sinn ergeben kann.

Insofern hielte den Menschen selbst das Wissen darum, dass sich Alpha Centauri A mit einer größeren als vom Menschen jemals erreichbaren Geschwindigkeit von der Erde wegbewegte, nicht davon ab, nach Wegen zu sinnen, um eines Tages doch diesen uns am nächsten gelegenen Stern zu erreichen. Dennoch bliebe Alpha Centauri A unerreichbar; so wie Indien auf der von Columbus gewählten Route.

Dieses unlogische Element des menschlichen Seins darf getrost dem Animalischen zugeordnet werden. Der nachhaltige Einfluss dieser Seite auf das menschliche Sein ließe sogar die Frage zu, ob das Animalische - diese Instinkte - überhaupt vom Menschlichen zu trennen sind oder ob vielmehr beides als Einheit verstanden werden muss und der freie Wille - jedenfalls im kollektiven Kontext - eine bloße Schimäre ist, die ganz anderen Gesetzmäßigkeiten folgt.

Um auf die eingangs gestellten Fragen zurückzukommen, bliebe Seiendes ohne sinnstiftende Wahrnehmung jedenfalls irrelevant. Gleiches gälte ungeachtet einer etwaigen Logik für Überlegungen zu vermuteten Vorgängen außerhalb des Wahrnehmbaren; denn solcherart gewonnene Erkenntnisse können zutreffen oder auch nicht, sodass sie keinerlei Wert besitzen, was der menschlichen Logik gerade widerspricht.

Auflösung findet dieser Widerspruch nur dann, wenn die sinnstiftende Wahrnehmung - mithin das Sein - als Bestandteil des Seienden anerkannt wird. Auf die Frage, wann das Universum, wann die Erde entstanden, käme es dann nicht mehr an. Ob sich die Entstehung innerhalb weniger Sekunden vollzog oder Milliarden von Jahren dauerte, wäre ohne jegliche Bedeutung; im Grunde sogar falsch. Denn ...

... bei diesem Verständnis war vor dem Menschen nichts; auch keine Zeit.

Wären somit all die Überlegungen des Menschen zum Universum vergebens? Behielten Galileos mittelalterliche Gegner am Ende sogar Recht? Wir werden es niemals wissen. Denn das Sein endet jedenfalls mit dem Seienden, womit sich der Mensch - seinem Wesen folgend - niemals abfinden kann.

Möglicherweise markiert diese Grenze, an der die sinnstiftende Wahrnehmung des Seienden endet und sich der unstillbare Drang des Menschen nach Erkenntnis entfacht, deshalb den Ursprung der Transzendenz, welcher letztlich - und das wird meines Erachtens eine Erkenntnis des 21. Jahrhunderts sein - auch nicht mit noch so ausgefeilten wissenschaftlichen Formeln beizukommen ist.

Schließlich stellt sich noch die durchaus praktische Frage, nach wie vielen Generationen der Mensch seine bzw. die Menschheit ihre Vergangenheit unwiederbringlich vergessen hat. Diese Frage drängt sich bei Überlegungen zu Reisen in den Weltraum geradezu auf. Denn die Raumfahrer sollten auch wieder zur Erde zurückkehren bzw. jedenfalls Grund und Ausgangspunkt ihrer Reise kennen.

Rückblickend ist ein nachhaltiges Vergessen bereits nach wenigen Generationen festzustellen. Auch Aufzeichnungen und historische Dokumente beeinflussten das kollektive menschliche Vergessen nicht grundsätzlich. Es erscheint so, als brächen selbst in Granit gehauene Verbindungslinien irgendwann ab. Die Nachhaltigkeit von digitalen (audiovisuellen) Aufzeichnungen bleibt abzuwarten.

Auffällig ist jedenfalls die Parallele zwischen dem kollektiven menschlichen Vergessen der Vergangenheit einerseits und der für den Menschen unfassbaren und nicht zu begreifenden Unendlichkeit des Weltraums bzw. des Himmels andererseits. Vielleicht könnte man es so zusammenfassen:

Die vergessene Vergangenheit füllt der Mensch durch Mythen - die Unendlichkeit ergänzt er mit Transzendenz.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.