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11/02/2017 10:27 CET | Aktualisiert 13/02/2018 06:12 CET

Solange es euch schlechter geht, fühle ich mich besser

Carlos Barria / Reuters

Erhobener Zeigefinger und den Mund zu einem kleinen spitzen «O» geformt. Im besten Fall lächerlich, möchte man meinen.

Doch Donald Trump hat unterstützt durch seine besondere Mimik und Gestik von Anfang an den richtigen Ton getroffen und im Alter schließlich zu seiner großen Rolle gefunden. Schon nach seiner Nominierung hatte es sich immer klarer abgezeichnet: Donald Trump ist in Wahrheit ein Kämpfer für die weiße Rasse.

Er sagt das so nicht. Braucht er auch nicht, denn seine Schwärmerei für die «good old days» - die guten alten Zeiten - haben seine Anhänger sofort richtig gedeutet. Dieser Code bedarf keiner Erläuterung. Für einen in den 1940er Jahren geborenen weißen Amerikaner schließt diese Formel eben auch eine so wunderbare «Errungenschaft» wie die Vorherrschaft der Weißen mit ein.

Es dürfte Donald Trump daher schwer fallen, einen einzigen gleichaltrigen Schwarzen, hispanischen Einwanderer oder Angehörigen einer sonstigen sogenannten Minderheit ausfindig zu machen, mit dem er sich bei Zigarre und Whisky am Kamin entspannt zurücklehnen und über die guten alten Zeiten plaudern könnte.

Wegen dieser klaren Abgrenzung schlägt Donald Trump quer über den Atlantik durch ganz Europa bis hin in den östlichsten Winkel nunmehr Begeisterung entgegen. Hervor tun sich hierbei in vorderster Reihe die wahren europäischen Patrioten.

Also solche ausgewiesenen Amerikahasser wie Front National (FN), AfD, Geert Wilders (mit seiner Partei PVV) und die spitzfindige «identitäre Bewegung», deren «berechtigte Sorgen» vor dem sich anbahnenden Volkstod, der Islamisierung des Westens, großangelegten Umvolkungen und minderwertigen Mischvölkern nun endlich ernst genommen werden.

Selbst der Machthaber im Kreml, der in seinem ersten Leben Ostdeutsche bespitzelte, erteilte dem neuen amerikanischen Messias der westlichen Patrioten milde seinen Segen. Ja, es ist deutlich zu vernehmen, das allgemeine Aufatmen. Endlich ist das Kapitel «Obama», dieser Albtraum aller Trump-Anhänger, Bio-Europäer und des Ku-Klux-Klan ausgestanden.

Donald Trumps Angebot und das der ihm nahestehenden politischen Unterstützer diesseits und jenseits des Atlantiks richtet sich ausschließlich an den Caucasian - den weißen Amerikaner - sowie den Bio-Europäer; also den, der seine Mitgliedschaft zum europäischen Volkskörper in der Tradition des Ius sanguinis, dem Recht des Blutes, nachweisen kann.

Wobei hier, fragte man Björn Höcke, dann sicher auch noch Abstufungen bei Süd- und Osteuropäern vorgenommen werden müssten. Schließlich - und das als Hinweis an den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán - hat der deutsche Geschichtslehrer das Lechfeld sicher nicht vergessen.

Einen Sinn muss das alles nicht ergeben.

Denn auf Logik kommt es in einem solchen rein emotionalen Kontext niemals an. Dass Gruppierungen wie FN, AfD, PVV, FPÖ etc. natürliche Gegner sind, die für ihre Länder nationale Alleingänge propagieren und im Grunde niemanden außer sich selbst mögen, geht im rassischen oder im «Höcke-Petry-Deutsch» völkischen oder noch besser bio-völkischen Hochgefühl unter. Man organisiert europäische Kongresse, damit man später endlich wieder die alten Erzfeindschaften pflegen kann, um sich anschließend die Köpfe einzuschlagen.

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Björn Höcke, Mitglied des Thüringer Landtags und glühender Trump-Verehrer («historische Wahl»), bekommt Schweißausbrüche, wenn er nur an das Mahnmal für die ermordeten Juden im Herzen der deutschen Hauptstadt denken muss. Und Donald Trump verlegt die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, womit er Benjamin Netanjahu erfreut.

Überhaupt glaubt sicher mehr als die Hälfte der AfD-Mitglieder sowieso nicht daran, dass es sechs Millionen waren; vielleicht eine Million, aber viel mehr nicht. Gleichzeitig ist der Front National mittlerweile zur einzig wirklichen nicht anti-israelischen politischen Kraft Frankreichs mutiert, denn schließlich sind ja die Muslime die wahren Antisemiten. Auch Teile der AfD sind auf diese Linie eingeschwenkt; vielleicht taucht Höcke demnächst auch noch in Yad Vashem auf.

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Auf der Krim und im Donbass konnte der Vormarsch des ukrainischen Faschismus nur durch das mutige und konsequente Einschreiten von Wladimir Wladimirowitsch Putin gestoppt werden; so die Lesart der europäischen Patrioten.

Der Front National, seit langem Kreditnehmer russischer Banken (zuletzt u.a. First Czech-Russian Bank), unterstützte die russische Intervention in einem öffentlichen Kommuniqué, obwohl der Kreml selbst ein direktes Engagement in der Ukraine bis heute bestreitet.

Gerade in Ostdeutschland, wo die sowjetischen Kampfesgenossen bis 1989 zutiefst verachtet worden waren, und auch im weiteren AfD-Umfeld wird schon lange nicht mehr in Zweifel gezogen, dass im Juni 1941 ein Angriff der Sowjetunion unmittelbar bevorgestanden hatte, wie es seinerzeit schon der Völkische Beobachter berichtet hatte. Gleichwohl ist auch dort die Unterstützung der russischen «Nicht-Intervention» auf der Krim überwältigend.

Das Wissen darum, dass der Bundesrepublik von jüdisch-amerikanischen und/oder außerirdischen Kräften noch immer die volle Souveränität vorenthalten wird, das Land völkerrechtlich nichts weiter als eine Kapitalgesellschaft mit beschränkter Haftung ist und die Deutschen nicht Bürger, sondern Personal sind, ist über Reichsbürger und AfD weit in die politische Mitte vorgedrungen.

Es besteht allerdings jetzt, bei einem Präsidenten Trump, die durchaus realistische Chance, dass diese Erkenntnisse einer Überprüfung unterzogen werden.

Donald Trump stürzt sich währenddessen in die Außenhandelspolitik getreu dem Motto:

Solange es euch schlechter geht, fühle ich mich besser.

Er spricht von «massacre», wogegen die konspirativen Thesen der europäischen Patrioten von «Volkstod» und «Umvolkung» schon beinahe sophistisch wirken. Was jedoch völlig fehlt, sind Ideen darüber, wie man die eigenen Nationen bei dem sich abzeichnenden Ende ihrer Vorherrschaft in der Welt positionieren will.

Denn jedenfalls den Europäern ist im Verlauf des 20. Jahrhunderts der Herrschaftswillen abhandengekommen, mit welchem ihre Vorfahren noch koloniale Imperien geschaffen hatten.

Geblieben ist nur das beruhigende Gefühl, noch immer auf die Welt herabzublicken. Bereits jetzt, aber spätestens zur Jahrhundertmitte ein Trugschluss. Wahrscheinlich entspringt hieraus auch der Irrglaube, der Status quo der vergangenen Jahrhunderte könne erhalten bzw. wiederhergestellt werden.

Die "selbstverschuldete" Globalisierung

Der Wunsch ist sicher verständlich; Realitätsferne wäre jedoch eine Untertreibung. Man stößt sich jetzt an der «selbstverschuldeten» Globalisierung der wirtschaftlichen Wertschöpfungsketten, wodurch Chinesen und andere Asiaten ein wenig Geld verdienen. Denn wer sich schon über das Smartphone eines Flüchtlings echauffiert, dem sind auch 100 Euro Monatslohn für einen Chinesen in einer Sonderwirtschaftszone viel zu viel.

Gleichzeitig werden die enormen demographischen Veränderungen des 21. Jahrhunderts negiert. Der globale demographische Wandel wird anhand des von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (@dsw_worldwide) entwickelten und kürzlich aktualisierten Beispiels eines fiktiven globalen Dorfes mit exakt einhundert Bewohnern deutlich.

Kamen im Jahre 1950, also in der Trump'schen guten alten Zeit, noch 29 der einhundert Bewohner aus Nordamerika und Europa, so werden es am Ende des 21. Jahrhunderts nur noch zehn von einhundert sein. Der Absturz Europas - von 22 Bewohnern im Jahr 1950 auf sechs zum Ende des 21. Jahrhunderts - ist separat betrachtet noch gravierender.

Nun ist im demographisch-politischen Sinne «Masse nicht gleich Klasse» und von alleiniger Bedeutung. Aber man muss sich dennoch verdeutlichen, dass in Europa zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit zweihundert Millionen Einwohnern mehr als doppelt so viele wie auf dem gesamten afrikanischen Kontinent lebten. Hierin ist ein Grund für die mit der Berliner Konferenz von 1884/85 besiegelte vollständige Kolonisierung Afrikas durch die europäischen Großmächte zu finden.

Ob die Trump'sche gute alte Zeit so weit oder sogar noch weiter zurückreicht, sei an dieser Stelle dahingestellt. Die Welt in ihrer heutigen politischen Form und allgemeinen Verfassung ist jedenfalls das Ergebnis dieser zurückliegenden Epoche, die ihren Anfang mit der Entdeckung der «neuen Welt» zum Ende des 15. Jahrhunderts genommen hatte, jetzt allerdings vor einer globalen Zeitenwende (vgl. Beitrag in Huffington Post vom 27.11.2016) steht.

Im Grunde ist die Trump'sche Sichtweise sogar naheliegend, der den Status der 1950/60er Jahre, als Amerika - für die weiße amerikanische Mehrheitsgesellschaft - noch so richtig great war, wiederherstellen möchte. Voraussetzung für diese Sichtweise ist jedoch, dass Empathie, Gerechtigkeitsempfinden und Realitätssinn ausgeblendet werden. Und das ist der Fall.

Denn dass zum Ende des 21. Jahrhunderts nur noch vier Prozent der Weltbevölkerung in Nordamerika leben und davon wohl mehr als die Hälfte Latinos, Schwarze und Asiaten sein werden, beschäftigt den 70-jährigen Präsidenten ganz offensichtlich nicht. Einem Blick in das sich abzeichnende Regierungskabinett wohnt viel Surreales inne. Man hat den Eindruck, da treffen sich ein paar alte Buddies in angenehmer und exklusiver Clubatmosphäre mit musikalischer Untermalung durch Frank Sinatra.

In dem anhaltenden «Terror-Flüchtlings-Migrations-Furor» leistet man sich den Luxus nicht zu erkennen, dass nur ein Bruchteil der weltweiten Bevölkerung überhaupt (noch) Interesse an dem Besuch der westlichen Welt hat, von dauerhaftem Bleiben ganz zu schweigen.

Viele Mittelschichtler der zweiten und dritten Welt fliegen bereits jetzt lieber nach Dubai, Honkong oder Singapur, bevor sie sich mühsam ein Schengen-Visum erkämpfen. Angesichts der seit Jahren vorherrschenden Atmosphäre und der letztlich deprimierenden wirtschaftlichen Chancen für Migranten versuchen sowieso nur die jeglicher Hoffnung Beraubten in die westliche Welt vorzudringen, um dort einen Neustart auf unterster Stufe zu wagen. Jeder, der nur einigermaßen zurechtkommt, tut sich eine solche Tortur nicht mehr an. Und so verblasst der Reiz der ersten Klasse zusehends; ein Glas billigen Champagner kann man auch nach der Landung in angenehmerer Atmosphäre trinken.

Die legale Migration wurde - echte und Scheinehen einmal ausgenommen - quasi auf Null reduziert. Pro Jahr ertrinken ca. 3.000 Menschen, ca. 200.000 schaffen es durch das Mittelmeer illegal von Süd nach Nord, um in einen Wirtschaftsraum von rund 500 Millionen Einwohnern zu gelangen, was in etwa 0,04 Prozent entspricht. Selbst diese ...

... Mini-Migration, die ohne Kopftuch und andere Hautfarbe gar nicht wahrnehmbar wäre,

erscheint zu viel; mittlerweile sinnieren auch deutsche Sozialdemokraten unter dem Druck der europäischen Patrioten über «Auffanglager in Nordafrika». Doch auf dem afrikanischen Kontinent leben schon jetzt 1,2 Milliarden Menschen; zur Mitte des 21. Jahrhunderts dann 2 Milliarden.

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Wie realistisch ist es vor diesem Hintergrund, dass die Migrationsbewegungen zwischen Afrika und Europa zukünftig reduziert werden können? Erscheint eine jährliche Migration von 200.000 Menschen bei einer solchen Ausgangslage nicht schon per se als äußerst gering? Machte es vielleicht Sinn, den afrikanischen Kontinent als Wirtschaftsraum und Chance für die Europäer wahrzunehmen, wie dies bereits zu den Zeiten der Kolonisierung der Fall war?

Eine "mexikanische Mauer" an den Grenzen Europas

Gewissermaßen steht an den europäischen Außengrenzen bereits eine «Mexikanische Mauer» in Form des Mittelmeers. Insofern geht die Forderung von Thomas Oppermann (SPD), der einen Vorschlag von Thomas de Maizière (CDU), illegale Migranten in Auffanglager nach außerhalb zu verbringen, aufgriff, noch über Donald Trumps Ansatz hinaus; die Mortalitätsrate des Mittelmeers wird Letzterer sowieso nie erreichen.

Dafür würden die Europäer dann die Kosten für die Auffanglager in der nordafrikanischen Wüste sicher selbst tragen und in Zusammenarbeit mit Entwicklungshilfeorganisationen auch noch ein paar «Lagerbeauftragte» für Menschen-, Frauen- und sonstige Rechte drauflegen.

Kindergärten, schulische Einrichtungen, Werkstätten für duale Ausbildungsprogramme - vieles wäre in solchen Lagern denkbar - bis hin zu Kursen zur Familienplanung, Gewaltprävention und Genderproblematik.

Natürlich, für unsere Patrioten diesseits und jenseits des Atlantiks hören sich all diese Ideen von Einreisesperren, Mauern, Auffanglagern wunderbar an. Überhaupt, wenn man sich endlich mal wieder so richtig über «Neger», «Kameltreiber», «Kanaken», «Bohnenfresser» und «Schlitzaugen» in auserwählten Kreisen auskotzen und wenigsten dort sagen kann, was man sonst ja nirgendwo mehr sagen darf, dann fühlt man sich der Rettung des christlichen Abendlandes schon sehr viel näher. F*** political correctness!

Schließlich war seinerzeit ja bereits dem Volkswirt und SPD-Mitglied Thilo Sarrazin - um abschließend auch diese Lichtgestalt der Patrioten noch zu erwähnen, dessen Bestseller, so ein Gerücht, Donald Trump einfach gelesen haben muss - der forensisch-wissenschaftliche Nachweis der minderen Intelligenz von diesem ganzen Gesocks gelungen.

Wie alles, was uns derzeitig geboten wird, ist natürlich auch das - um nicht gequirlte S*****e zu sagen - wirrer emotionaler Nonsens für den bio-völkischen Stammtisch, den dieser wie ein Verdurstender aufgesogen hatte. Nun ja, Sarrazin hätte sich ebenso mit den gravierenden Intelligenzunterschieden innerhalb Deutschlands befassen können; insbesondere mit einigen - ausweislich einer Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr - nahezu intelligenzfreien Flächen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Aber dieses Feld hat er dann doch lieber geeigneten Experten überlassen; schließlich hätte man den betroffenen Regionen ansonsten möglicherweise vorschnell unrecht getan.

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