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16/11/2015 06:18 CET | Aktualisiert 16/11/2016 06:12 CET

Was wir an Helmut Schmidt vermissen sollten

dpa

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Helmut Schmidt wurde die Gelegenheit verwehrt, Deutschland in großen Momenten der Weltgeschichte zu führen. Gleichwohl haben wir Deutschen einen Politiker von historischer Größe verloren. Seine Nüchternheit, sein Pflichtbewusstsein, seine musische und intellektuelle Bildung - kurz, Helmut Schmidts Bürgerlichkeit - geht uns abhanden. Auch deshalb werden wir Helmut Schmidt vermissen.

Im letzten Lebensjahrzehnt wurde Helmut Schmidt zu einer Art Celebrity. Schmidt im Fernsehen, Schmidt in Büchern, Schmidt der Raucher. Der Altkanzler war Kult geworden, ein Teil der selbstreferentiellen Nostalgieindustrie. Die Marke Schmidt wurde allerdings erst im sanften Licht des Rückblicks geschaffen.

Auch und gerade im Kontrast zu den Politikern, die ihm folgten: Schmidt der Weltbürger gegen Helmut Kohl den Provinz König; Schmidt der Staatsdiener gegen Gerhard Schröder den Spaßkanzler; Schmidt Schnauze gegen Angela Merkels Nebelkerzenrhetorik. Man merkte zunehmend, was man an den späteren Politikergenerationen vermisste.

Falscher Pathos

Leider kam zur Verehrung auch jede Menge falscher Pathos. „Wer soll uns jetzt die Welt erklären?" titelte die Zeit zu seinem Tode. Man darf vermuten, dass der Mann bei so viel Selbsterniedrigung mit dem Kopf geschüttelt hätte.

Welche Ironie, dass unsere Medien (allen voran „die Fernsehfritzen", wie Schmidt sie verächtlich nannte) zum Tode eines Mannes, der doch gerade für sein hanseatisches Understatement bekannt war, „große Emotionen" herbeizwangen. Auch wird gerne behauptet, Schmidt sei „ein Medienprofi" gewesen, also schon einer von uns.

Das stimmt nicht. Die polternden Debatten Schmidts mit Helmut Kohl und Franz Josef Strauß sind im Zeitalter der Medienberater praktisch undenkbar geworden.

Dabei muss man Helmut Schmidt nicht verklären, um ihn zu bewundern. In seiner aktiven Zeit war er bekannt für seine Arroganz. Er intrigierte gegen Willy Brandt. Einige seiner politischen Entscheidungen - etwa der Nato Doppelbeschluss - bleiben kontrovers. Trotzdem hält Helmut Schmidt einer ehrlichen, unverblümten Würdigung stand.

„Nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft"

Schmidt war ein Politiker der Kriegsgeneration, die sich den Aufbau eines funktionierenden Staates und das Allgemeinwohl auf die Fahnen geschrieben hatte. Das war Max Webers Auffassung von Politik als Beruf und Berufung. In seiner Abschiedsrede im Bundestag sprach Schmidt von der „nüchternen Leidenschaft zur praktischen Vernunft".

Dieses Vermächtnis ist in der Zeit des neoliberalen globalen Kapitalismus, in der Nationalstaaten als überflüssig gelten und die Politik sich im selbstauferlegten Rückzugsgefecht befindet, sein vielleicht wichtigstes.

Schmidt wurde ja 1982 auch gestürzt, weil die FDP sich zu dieser Zeit dem Wirtschaftsliberalismus zu verschreiben begann. Die von seinem Nachfolger ausgerufene „geistig-moralische Wende" endete bekanntlich mit Verurteilungen wegen Steuerhinterziehung und schwarzen Kassen.

Ideologieskeptischer Pragmatismus

Schmidts ideologieskeptischer Pragmatismus stürzte bei ihm (im Gegensatz zu seinem Freund Henry Kissinger) nicht in die Tiefen des amoralischen Zynismus. Bei einem Besuch des Vernichtungslagers in Ausschwitz beschwor Schmidt 1977 „dass es ohne Erkenntnis der Vergangenheit keinen Weg in die Zukunft gibt..., dass Politik etwas anderes ist, dass Politik mehr ist als ein Spiel von Macht und Interessen, dass Politik der moralischen Grundlage und der sittlichen Orientierung bedarf".

Aus einer fundierten Bildung, übrigens auch der Geschichte anderer Länder, schöpfte Schmidt den Sinn für moralische Verantwortung in der Politik, um „die Zukunft nicht dem Zufall zu überlassen, sondern sie mit Mut, mit Umsicht zu gestalten".

Dieser Sinn für Verantwortung machte Schmidt zu einem engagierten Europäer. Er führte Brandts Ostpolitik weiter, trotz seiner persönlichen Abscheu vor Erich Honeckers absurden Unrechtsregime. Außer Dienst warnte Schmidt eindringlich vor hysterischem Russlandhass und rief stattdessen dazu auf, nüchtern die Interessen aller europäischen Mächte zu berücksichtigen.

Bei seinem letztem Auftritt bei einem SPD Parteitag, inmitten der Griechenlandkrise, knöpfte er sich „schädliche deutschnationale Kraftmeierei" vor. Solch klare Worte werden wir vermissen.

Helmut Schmidt sah es als die Aufgabe eines Politikers an, schwierige Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen zu treffen und die Konsequenzen seines Handelns zu akzeptieren. Nicht zuletzt in der Zeit der RAF Morde bewährte sich dieses Pflichtgefühl.

Im Jahre 2015, da wir vor zahlreichen existentiellen Bedrohungen stehen - nicht zuletzt wieder vor der Bedrohung durch nihilistischen Terrorismus, aber auch der Gefahr der verantwortungslosen Überreaktion unser politischen Führer - sollten wir uns vor allem auf Helmut Schmidts nüchternes Verantwortungsgefühl besinnen.

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