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26/02/2016 13:56 CET | Aktualisiert 26/02/2017 06:12 CET

Die Reactions werden Facebook grundlegend verändern

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Facebook führt neue Like-Buttons ein. Auf den ersten Blick ist es nur eine kleine Veränderung. Statt des „Daumen-nach-oben"-Buttons gibt es auf Facebook jetzt fünf neue Symbole, um auf einen Facebook-Beitrag zu reagieren. Facebook nennt die neuen Symbole Reactions: Ein weißes Herz auf rotem Grund, einen lachenden Smilie (Haha-Emoji). Einen, der Verblüffung oder Überraschung ausdrückt (Wow-Emoji). Und zwei weitere Symbole für Wut und Trauer.

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Die Überlegungen zu dieser Erweiterung wurden im Vorfeld im Web nach den ersten Ankündigungen von Facebook diskutiert. Ein erster Vorschlag aus der Community war, einen zusätzlichen „Daumen-nach-unten"-Button einzuführen, da bei bei traurigen Nachrichten und Informationen, die wütend stimmen, ein „Like" nicht angebracht schien.

Facebook hat sich gegen diese Lösung entschieden mit der Begründung, die User würden weniger Nachrichten posten, wenn die Gefahr besteht, viele negative Reaktionen zu erhalten. Das wäre nicht im Sinne von Facebook.

Wie verändert sich das Interaktionsverhalten?

Es ist für mich eine spannende Frage, wie die Einführung der neuen Buttons das Interaktionsverhalten der User verändert. Das erklärte Ziel ist, die Interaktion der User untereinander zu verstärken.

Ich kommentiere diese Neueinführung aus einer psychologischer Sicht und stelle fünf Thesen auf, wie die Einführung der Reactions die Kommunikation auf Facebook verändern könnte.

Die Kommunikation auf Facebook wird reichhaltiger

Bei der webbasierten Kommunikation fallen sogenannten soziale Hinweisreize weg, also z.B. über die Körpersprache, den Gesichtsausdruck, die Stimmlage, aber auch über sozialen Status und weitere Eigenschaften und Merkmale der Person. Deshalb fällt es manchmal schwer, die Gefühlslage der Kommunikationspartner zu verstehen.

Manche Aussagen werden falsch interpretiert und verzerrt wahrgenommen. Durch die Einführung der Reactions wird die Kommunikation auf Facebook um eine Kommunikationsebene ergänzt, auf der Emotionen ausgedrückt werden können, ein wichtiger Aspekt für gegenseitiges Verstehen.

Die Kommunikation auf Facebook wird extremer

Mit Blick auf Mobbing und Hass-Postings auf Facebook, z.B. zu Flüchtlingen, liegt insbesondere im Symbol das „Wut" ausdrückt eine Gefahr. Damit werden Diskussionen, von zum Beispiel Gegnern und Befürwortern politischer Entscheidungen, noch unsachlicher werden, da die neuen Reactions eine emotionale Stellungnahme nahelegen und damit auch die anschließenden Textkommentare beeinflussen könnten.

Außerdem wird noch schneller erkennbar, wer welche Meinung hat und wer zu welcher Gruppe gehört. Das könnte dazu führen, dass die Diskussion extremer und schärfer im Ton wird.

Die Kommunikation auf Facebook wird noch undifferenzierter

Gleichzeitig reichen die fünf angeboten Reactions nicht aus, um eigene Meinungen und Gefühle differenziert ausdrücken. Die User nutzen die verfügbaren technischen Möglichkeiten, um die fehlenden sozialen Hinweise auszureizen.

Diese Entwicklung ist auch in anderen sozialen Kommunikationsmedien, wie z.B. auf WhatsApp zu beobachten. Hier wird die Menge an verfügbaren Smileys und Emojis sehr differenziert genutzt, beinahe im Sinne eines eigenständigen Zeichensystems.

Die angebotenen fünf Reactions bei Facebook sind also zunächst ein Rückschritt, da die Nutzer gezwungen sind, sich auf eine eindeutige Reaktion festzulegen. Gerade bei der Differenzierung zwischen Wut und Trauer, könnte das zu einer Vereinfachung führen, die eher zu einer Abnahme der Interaktionshäufigkeit führt.

Die Kommunikation auf Facebook bleibt oberflächlich.

Der bisheriger Like-Button auf Facebook wird nach meiner Einschätzung von den Usern weniger als eine explizite Zustimmung zu den Aussagen, Inhalten oder Meinungen eines Posting genutzt, sondern eher als die die Äußerung: „Ich habe Deinen Beitrag gelesen". Oder „dein Beitrag interessiert mich".

Im „echten" Leben wäre das ein Nicken. Der kommunikationswissenschaftliche Fachausdruck heißt Back Channeling. Ich gebe meinem Gegenüber zu verstehen, dass ich eine Äußerung gehört und verstanden habe. Das bedeutet noch nicht, dass ich in allen Aspekten zustimme. Im nächsten Schritt kann ich dann antworten, und meine eigene Meinung darstellen.

Dazu passt auch, dass der Like-Button von Facebook genutzt wird, um abzuschätzen, was einen bestimmten User interessiert und auf dieser Basis den News-Stream anzupassen. Die neuen Reactions werden nach einiger Zeit genauso automatisch wie der Like-Button genutzt werden und dann eine genauso oberflächliche Äußerung werden, die ich -ohne lange nachzudenken- während des Lesen mit einem einfachen Klick von mir gebe.

Durch die Reactions wird sich gar nichts ändern

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie der Algorithmus zur Anpassung des eigenen News-Streams durch die neuen Reactions beeinflusst wird. Denn eine Nachricht, die mich wütend oder traurig stimmt, ist ja möglicherweise trotzdem für mich relevant.

Ich bin mir auch nicht sicher, welchen Mehrwert es für mich als User hat, wenn ich durch die neuen Reactions jetzt weiß, dass 100 Leute meinen Beitrag gut finden, und die Hälfte davon traurig und die andere wütend ist.

Verstehen wir die Buttons in Facebook wie oben beschrieben als eine Möglichkeit des Back Channeling, bleiben sie also ein „Like" das zum Ausdruck bringt: „Ich habe Deinen Beitrag gelesen und er interessiert mich". Die Nutzung der Reactions wird sich über die Zeit „automatisieren". Bei traurigen Nachrichten klicke ich eben auf das traurige Symbol. Und wenn ich wütend über etwas bin, dann wähle ich das wütende Symbol, sowie das mein Netzwerk von mir erwartet.

Ist die Veränderung nachhaltig?

Was sich ändert und wie nachhaltig diese Veränderung sein wird, ist eine spannende Frage. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es das noch nicht der letzte Versuch von Facebook ist, die Nutzerinteraktionen zu verstärken.

Und: Die Entwicklung ist ein gutes Beispiel dafür, wie die User von Medien deren Weiterentwicklung beeinflussen. Die Einführung der Reactions erfolgte auf Druck der User, Facebook musste eine Lösung finden, die den Bedürfnissen der Nutzer entspricht, und gleichzeitig das Geschäftsmodell (das nur bei aktiven Usern funktioniert) nicht gefährdet.

*Oder auch nicht.

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