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12/10/2015 06:22 CEST | Aktualisiert 12/10/2016 07:12 CEST

Sozialministerin will Prostituierte mit Freierbestrafung retten

Tim Bewer via Getty Images

„Der schwedische Weg zur Bekämpfung von Prostitution und Menschenhandel", so war der klangvolle Name der heutigen Veranstaltung. Die Zusammenstellung des Podiums erinnerte Branchenkenner eher an ein dogmatisches Gruselkabinett als an eine ausgewogene Informationsplattform.

Als da wären:

Sozialministerin, Altpeter von der SPD...

... welche sich beim Thema Prostitution nicht an die Parteilinie hält und mit kreativen eigenen Ideen vorprescht. Sie bedauert es sehr, dass Deutschland noch nicht so weit ist, hier das sogenannte Schwedische Modell (Freierbestrafung) einzuführen.

Eine sehr kluge Formulierung, denn so kann sie ihr Anweichlertum und auch die Tatsache, dass sie auf Länderebene auf fast völlig verloren Posten dasteht, hinter den Defiziten der anderen verstecken. Diese anderen sind ja schließlich noch nicht so weit.

Altpeter weiß, dass den Frauen in der Prostitution die Würde genommen wird. Aha! Da ist ja schon Mal ein Problem erkannt. Das hat ja was mit Stigmatisierung zu tun, oder? Ja, in der Tat ist die gesellschaftliche Stigmatisierung ein sehr großes Problem für unsere Branche.

Aber das meint Frau Ministerin nicht, denn sie geht moralisch und emotional an das Thema ran und nicht sachlich, wie es sich für eine gute Politikerin gehören würde. Es macht sie ja wütend und betrifft sie persönlich, dass es Menschen gibt, die für eine Liberalisierung der Prostitution sind. Was diese Menschen damit meinen, wird natürlich nicht gesagt.

Diese Menschen meinen nicht Legalisierung von Menschenhandel und Zwangsprostitution, sondern die Möglichkeit legal sexuelle Dienstleistungen anzubieten und dies auch in Bordellen, Studios oder Bars tun zu dürfen.

Für die besserwissende Frau Altpeter ist es allerdings an der Zeit, der Verherrlichung und der Verharmlosung ein Ende zu bereiten. Ich frage mich, wo denn eigentlich verherrlicht wird? Ich finde nirgends Äußerungen, die Prostituierte als Traumjob darstellen - weder von Beratungsstellen, noch von Gesundheitsämtern, noch von Forschern, noch von unserem Berufsverband.

Alle sagen, dass die Prostitution als Tätigkeit anerkannt werden muss, wenn die dort tätige Person sich selber dafür entschieden hat, dies zu tun. Die Gründe dafür können sehr vielfältig sein. Hier die Ergebnisse einer aktuellen Studie der TU Ilmenau:

Die Hauptmotivation für Sexarbeit ist ökonomisch: Im Vergleich zu anderen verfügbaren Einkommensquellen wird sie von den Beteiligten als die vergleichsweise beste Möglichkeit zum Geldverdienen angesehen. Das heißt nicht, dass freiwillige Prostitution immer als idealer Wunschberuf angesehen wird. Vielmehr handelt es sich meist um eine rationale Entscheidung gegen (noch) weniger wünschenswerte Optionen.

1) „Prostitution in Deutschland: Eckdaten und Veränderungen durch das Internet", Nicola Doering, Technische Universität Ilmenau, Sexualforsch 2014; 27; Seite 102 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York ISSN 0932-8114

Und einen wichtigen Punkt hat die SPD-Frau vergessen zu erwähnen. Nun, vergessen sicher nicht, denn auch sie hat keine Antwort auf die Frage, welche alternativen Beschäftigungs-möglichkeiten ihr Bundesland denn bietet für die ganzen angeblich traumatisierten, nicht Lesen und Schreiben und kein Deutsch Könnenden, ohne festen Wohnsitz und ohne Krankenversicherung Seienden?

Marie Merklinger, Aussteigerin aus der Prostitution...

... welche sonst auch gerne Mal unter dem Titel „Überlebende der Prostitution" auftritt. Sie selber hat als Prostituierte sehr viel Leid erlebt und schließt aus dem eigenen Schicksal, dass es allen Kolleginnen auch so gehen muss.

Marie wird zunächst alleine interviewt und erzählt ihre ganz persönliche Geschichte, wie sie freiwillig in die Prostitution eingestiegen ist und sich ihre Einstellung zu der Tätigkeit im Laufe der Zeit sehr geändert habe. Sie hat sich beschmutzt und benutzt gefühlt.

Ja, sogar vergewaltigt. Ich persönlich ziehe den Hut vor so viel Ehrlichkeit. Ja, das sind schlimme Erlebnisse. Ich denke, sie hätte viel früher aufhören müssen. Aber ich bin keine Psychologin und will nicht mit klugen Ratschlägen zu Themen kommen, von denen ich keine Ahnung habe. Schön wäre es, wenn sich andere Menschen auch so verhalten würden.

Huschke Mau, Aussteigerin aus der Prostitution

Jede noch so unseriöse Talk-Show würde sagen, dass es solcherlei Doppelbesetzungen nicht geben sollte. Nicht so diese Veranstaltung.

Huschke Mau kam nicht wirklich viel zu Wort, und dabei hat sie eigentlich sehr gut gesprochen. Zumindest zunächst. Als sie dann aber von sich gibt, dass es keine Prostitution gibt ohne Gewalt und Misshandlungen, wurden meine Kolleginnen vom Berufsverband neben mir reichlich unruhig. Eine höchst unzulängliche Verallgemeinerung.

Interessant fand ich auch die Überlegung, dass es keine Frau gibt, die ohne Dachschaden aus der Prostitution raus geht. Hmm, ich bin ja noch drin in dem angeblichen Milieu. Also, kommt das mit dem Dachschaden noch. Oder vielleicht hab ich noch gar nicht gemerkt, dass ich schon einen habe.

Sabine Constabel, Sozialarbeiterin beim Gesundheitsamt

Sie ist bekannt für ihre prostitutionsfeindliche Einstellung. Feindlich ist nicht das richtige Wort, denn sie ist sehr zuvorkommend, wenn Opfer zu ihr kommen. Sollten ihre Klienten diesem Bild nicht entsprechen, dann existieren sie quasi nicht.

Es sei ihr ja noch nie eine über den Weg gelaufen, die DAS freiwillig und selbstbestimmt macht. Sehr merkwürdig, denn sie hat zumindest mich doch schon öfter getroffen... Aber Frau Constabel sieht eben nur das, was sie sehen will.

Wo sie recht hat, ist die Tatsache, dass es die gestandene Hure, die dem Freier exakt sagt, was er darf und was nicht, unter den jungen Migrantinnen nicht mehr so oft gibt. Und genau dort sollte meiner Meinung nach angesetzt werden. Die Frauen müssen stark gemacht werden und nicht bedauert.

Meiner Meinung nach sollten sie eh lernen, sich klar zu artikulieren und durchzusetzen. Um nicht wieder falsch verstanden zu werden, möchte ich noch hinzufügen, dass es durchaus Kolleginnen gibt, die in diesem Job falsch aufgehoben sind. Diese sollten beim Umstieg unterstützt werden. Noch besser wäre eine freiwillige Einstiegsberatung, wo die angehenden Kolleginnen auch über gängige Sexualpraktiken und faire Arbeitsbedingungen aufgeklärt werden.

Julia Wege, Sozialarbeiterin und Leiterin der Beratungsstelle Amalie in Mannheim

Hier haben wir schon wieder die Doppelbesetzung. Warum die Beratungsstelle P.I.N.K aus Freiburg nicht eingeladen wurde, ist klar, denn diese hätten eine andere und wesentlich sachlichere Sicht zum Thema gezeigt.

Manfred Paulus, Polizist im Ruhestand

Er gibt gerne Horrorgeschichten über organisiertes Verbrechen im Bereich Prostitution von sich. Dass er damit den Statistiken des BKAs komplett widerspricht ist ihm völlig egal, denn seine Wahrnehmung ist eben die richtige.

BKA-Zahlen:

Der Anteil der „Organisierten Kriminalität im Zusammenhang mit dem Nachtleben" (vor allem Prostitution, Menschenhandel, Glücksspiel) ist im Vergleich zur gesamten organisierten Kriminalität sehr gering und entwickelt sich rückläufig. Rückgang von 10,1 Prozent im Jahr 2014 auf 3,3 Prozent im Jahr 2011.

Wirklich gut gefällt mir der Satz von Herrn Paulus, dass man mit der Kondompflicht nicht die organisierte Kriminalität bekämpfen kann. Kraftvoller Spruch mit nichts dahinter, denn das war nie so geplant.

Des weiteren bemäkelt Paulus die Scheinheiligkeit unserer Gesellschaft, wenn es um Freiwilligkeit in der Prostitution geht. Er weiß zu berichten, dass die Freiwilligkeit eine absolute Ausnahme ist. Ich hätte da gerne Mal eine Definition von Freiwilligkeit. Ist es noch freiwillig wenn man zur Arbeit geht, weil man Geld verdienen muss?

Die Grundsäulen des Kapitalismus erschüttern hiermit... Deutschland, ein Land voller Zwangsarbeiter quer durch alle Branchen. Nein, die anderen Branchen sieht Paulus eh nicht, denn Menschenhandel und Prostitution sind ja eins für ihn. Was ist eigentlich mit Menschenhandelsopfern in der Landwirtschaft, der Fleischindustrie, auf dem Bau oder in den Restaurants, in der privaten Altenpflege und wo sonst noch überall?

Anna Skarhed, Justizkanzlerin von Schweden

Sie tourt anscheinend durch die Welt und verkauft das Schwedische Modell als Exportschlager. Sie sieht in der Nachfrage nach Prostitution die Wurzel allen Übels. Ich verstehe nicht ganz was das eigentlich für ein Bild von unseren Kunden ist. Der brutale, stinkende und skrupellose Vergewaltiger?

Unsere Kunden sind ein ganz normaler Schnitt durch die Gesellschaft: der Lehrer ihrer Kinder, der Nachbar, der Ehemann..... Ja, und die sind alle sehr gut gewaschen und in der Regel auch sehr nett, denn vor der Profifrau wollen sie sich ja nicht blamieren. Aber die schwedischen Männer scheinen ja anders zu sein.

In Schweden ist eh einiges anders. So gilt dort der Staat als moralgebende Instanz. Eine vorsichtige Umerziehung der Gesellschaft wird in Schweden nicht als problematisch angesehen. Dies wäre in Deutschland völlig ausgeschlossen, nicht zuletzt vor unserem historischen Hintergrund.

Das erzählte die Dame auf dem Podium natürlich nicht.

Was sie erzählt, ist die vermeintliche Erfolgsgeschichte der Freierbestrafung. So hat sich in Schweden die Straßenprostituion halbiert. Also, ehrlich gesagt wundert es mich, dass es überhaupt noch Kolleginnen gibt, die dort auf dem Straßenstrich arbeiten, denn welcher Freier geht denn da noch hin? Der macht sich doch eindeutig strafbar. Und die Strafen sind in Schweden nicht ohne.

Was mit den Prostituierten passiert ist, die aufgehört haben, das sagt die Expertin nicht. Wir wissen von Sexarbeiter-Verbänden in Schweden, dass die Kolleginnen nicht aufhören, sondern in dunklen Wäldern vor der Stadt arbeiten, wo sie völlig ungeschützt sind. Viele versuchen bei sich Zuhause Kunden zu empfangen. Immer mit der Angst im Nacken, die Wohnung zu verlieren, denn der Vermieter macht sich strafbar, wenn er so was dort duldet.

Aber wo sollen sonst Kunden empfangen werden. Wie Frau Skarhed stolz verkündete gibt es ja in Schweden keine Bordelle. Dies paßt leider überhaupt nicht zu ihrem Lippenbekenntnis, den Frauen in der Prostitution ja überhaupt nicht schaden zu wollen. Da werden uns nicht nur die Kunden, sondern auch die Arbeitsplätze, weggenommen... und das alles zu unsrem Besten.

Na, da sind wir Huren aber froh.

Aus Schweden selber gibt es auch andere Stimmen von durchaus kompetenten Personen:

„Die Polizei-Arbeit gegen die Prostitution ist ein Witz", erklärte Fransson (stellvertretender Chef der Grenzpolizei in Malmö - Anm. d.Red.) im vergangenen Jahr schon gegenüber der Zeitung „Sydsvenskan". Und auch der stellvertretende Polizeichef von Malmö, Patrik Johansson, stimmt zu. „Das ist nichts, was wir priorisieren".

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