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12/10/2015 08:19 CEST | Aktualisiert 12/10/2016 07:12 CEST

Wie Putin unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den IS das Assad-Regime befeuert

dpa

Der russische Aufmarsch in Syrien begann bereits Anfang August. Das Timing spricht dafür, dass Putin seinem Duzfreund Assad zu Hilfe kommen wollte: In jener Zeit verlor die syrische Armee zunehmend an Boden, der syrische Oppositionsrat mit Sitz im Pariser Exil entwarf bereits Pläne für die Zeit nach Assad, während selbiger Putin um Hilfe für sein von Sanktionen gebeuteltes Regime bat - und Russland erstmals die Möglichkeit von Luftschlägen ins Spiel brachte.

Militärischer Aufbau seit August

Doch wie ist es überhaupt um die militärischen Assets Russlands in Syrien bestellt? Und über welche Wege gelangt das Kriegsgerät ins Land? Die Unterstützung Assads (sprich: die Verlegung von Kriegsgütern) nimmt sich auf den ersten Blick ohne gemeinsame Grenze ungleich komplizierter aus als in der Ukraine.

Allerdings stellt die Seeroute, ausgehend von der russischen Hafenstadt Noworossijsk durch den Bosporus und über das Mittelmeer eine erfolgreichere Neuauflage der in der Ukraine erprobten Verschleierungstaktik dar: Entweder deklariert Russland die Lieferungen als humanitäre Hilfe oder gibt den türkischen Behörden gegenüber etwa Ägypten als Bestimmungsort an. Da die Durchfahrt durch die Meeresenge weitestgehend unreguliert verläuft, kann Russland so einiges an Material nach Syrien bringen.

Erste Anlaufstelle ist ein Marinedepot innerhalb einer syrischen Basis in der Hafenstadt Tartus. Von 2010 an wollten Militärplaner im russischen Verteidigungsministerium aus dem Depot eine richtige Marinebasis machen - der 2011 ausgebrochene Bürgerkrieg bereitete diesen Plänen ein vorläufiges Ende. Russische Militärexperten betrachteten die Verlegung von Truppen nach Tartus zunächst gelassen als Routinehandlung. Mittlerweile befinden sich nach Angaben der russischen Tageszeitung Kommersant jedoch bis zu 1700 Soldaten in Tartus.

Soldaten werden gegen ihren Willen nach Syrien gebracht

Auch hier werden Parallelen zum schmutzigen Krieg in der Ukraine deutlich, denn einem investigativen Bericht von Gazeta.ru zufolge erfahren viele russische Soldaten im Vorfeld nichts von ihrem neuen Einsatzort - und werden teilweise gegen ihren Willen über Noworossijsk nach Syrien verschifft.

Putin, symbolischer Gesten nicht ganz unverdächtig, ließ es sich nicht nehmen, einen Teil der in Sewastopol stationierten 810. Marineinfanterie an die syrische Küste zu verlegen - aus deren Reihen stammen die berühmt-berüchtigten „Grünen Männchen", die im März vergangenen Jahres die Krim unter russische Gewalt brachten.

Doch auch der Luftweg wird für Kriegslieferungen genutzt. Hier stand Russland jedoch vor schwerwiegenderen logistischen Problemen. So hatte das NATO-Mitglied Bulgarien Zweifel am humanitären Charakter der russischen Luftfracht angemeldet und Inspektionen gefordert. Russland verweigerte diese, woraufhin Bulgarien die Überflugrechte verwehrte. Griechenland, ebenfalls unabdingbares Glied in dieser Luftkette, erwog ähnliche Maßnahmen. Die Südroute war damit vom Tisch.

Es gelang Russland jedoch, den Iran und den Irak für eine alternative Luftbrücke zu gewinnen. Diese führt von Orenburg in Russland über Teheran und Bagdad direkt zum Militärstützpunkt bei Latakia - bei weitem das wichtigste Asset Russlands in Syrien. Dort sind die Kampfflugzeuge stationiert, dorthin wird das Militärgerät geliefert, Kriegsschiffe patrouillieren vor der Küste.

Neben einigen Bodeneinheiten (rund 500 Marineinfanteristen, T-90 Panzer, Kampffahrzeuge und Haubitzen) sind in Latakia vor allem die schweren Bomber vom Typ Su-34 und die Mehrzweckkampfflugzeuge vom Typ Su-30 stationiert. Bei den Su-34 handelt es sich um die neueste Bombergeneration, kaum ein Jahr alt, während die Su-30 Jagdflieger auch Luftziele unter Beschuss nehmen können - obwohl der IS bekanntermaßen über keine Luftwaffe verfügt (und auch nicht in der Lage wäre, erbeutete Kampfflieger überhaupt in die Luft zu bringen).

Timing und Zielauswahl

Neben dem Timing und der Bewaffnung zeigt vor allem ein Blick auf die Ziele der russischen Angriffe, dass der Schutz des Assad-Regimes Priorität hat vor dem Kampf gegen den IS oder andere radikale Gruppierungen. In der ersten Woche nach Beginn der russischen Luftangriffe galten nur zwei von 20 russischen Angriffen eindeutig dem IS.

Der überwiegende Großteil der Luftschläge konzentriert sich bislang auf den Norden und Nordwesten des Landes. Dort, zwischen den Städten Homs und Hama, halten sich hauptsächlich Kämpfer der FSA auf - darunter auch von den USA gestützte Rebellentruppen. Seit einigen Tagen unterstützen die russischen Bomber die syrische Armee bei einer Bodenoffensive nördlich von Homs.

Ein weiterer Teil der Angriffe richtet sich gegen islamistische Anti-Assad-Kämpfer wie etwa die Al-Nusra-Front, die ein radikal-sunnitisches Kalifat entlang des gesamten östlichen Mittelmeeres errichten will - und einen Zweifrontenkrieg gegen das Regime wie seine Gegner führt. Al-Nusra verzeichnete zuletzt einige Geländegewinne in den nördlichen Ausläufern der Provinz Hama, wo viele alawitische Unterstützer des Assad-Regimes leben.

Stellungen des IS werden nur soweit bombardiert, wie die von den Extremisten kontrollierten Gebiete von strategischer Bedeutung für das Assad-Regime sind. So etwa in dem Gebiet östlich von Homs, welches bis sich nach Palmyra erstreckt. In dieser an potentiellen Angriffszielen alles andere als armen Region flogen russische Kampfflugzeuge nur einen (bislang dementierten) Angriff auf die Stadt Palmyra, die es Mitte diesen Jahres deshalb in die Schlagzeilen brachte, weil der IS seit der Eroberung der Stadt die antiken Stätten dort systematisch zerstört.

Der Angriff dürfte weniger von der Sorge um die Kulturgüter als vielmehr von dem Umstand getragen sein, dass sich in der Region zwischen Palmyra und Homs die Öl- und Gasfelder des Assad-Regimes befinden. Diese tragen rund 80 Prozent zum Stromhaushalt der Regierung bei - eine mehr als kritische Größe, ohne die der Zusammenbruch der ohnehin sehr fragilen Energieinfrastruktur sicher wäre.

Fazit:

Insgesamt ergibt sich damit folgendes Bild: Das russische Angriffsmuster folgt in erster Linie der Logik des Machterhalts von Assad. Das erklärt, warum einige Angriffe auch (aber eben nicht nur) Stellungen des IS umfassen.

Was direktere Formen der militärischen Beteiligung Russlands angeht: Bislang spricht einiges dafür, dass die steigende Anzahl von russischen Bodentruppen der Verteidigung der (wachsenden) Stützpunkte in Syrien dient. Noch schließt Russland den Einsatz von Bodentruppen offiziell aus. Die Drecksarbeit erledigen vorerst seine Verbündeten - neben den Resten der syrischen Armee sind das größtenteils irreguläre Einheiten wie die libanesischen Hisbollah-Milizen mit langjähriger Kampferfahrung, aber in zunehmendem Maße auch direkt aus dem Iran entsendete Truppen.

Russland hat seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges die Ausbildung syrischer Militärs intensiviert und blickt auf eine lange Tradition von Waffenlieferungen an Syrien zurück. Davon profitiert Assad in einfacher wie unmittelbarer Weise, indem er den Krieg gegen sein Volk weiterführen und sich selbst länger an der Macht halten kann.

Hinzu kommt, dass sich für Russland in diesem Zusammenhang eine neue Form der hybriden Kriegsführung erschließt. Es ist anzunehmen, dass die syrische Luftwaffe, durch entsprechende Ausrüstung und Training aus Russland, nun in der Lage ist, ihre Luftangriffe auf die erklärten Regimefeinde unter dem Deckmantel russischer Einsätze zu fliegen. Die umgekehrte Variante ist ebenso denkbar.

Eine objektive Schuldzuweisung dürfte künftig schwerer fallen. Das Markenzeichen der postmodernen russischen Außenpolitik, medial vermittelte Sporen aus Desinformation und Relativismus in die Zwischenräume der westlichen Vorstellung von (völker)rechtlich ausformulierter Eindeutigkeit zu treiben: auch in Syrien kommt es nicht zu kurz.

Dieser Text ist Teil II einer vierteiligen Reihe zu Putins Einsatz in Syrien. Hier geht es zu Teil I: Welche Pläne Putin in Syrien tatsächlich verfolgt

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