BLOG
20/01/2017 07:34 CET | Aktualisiert 23/01/2018 06:12 CET

Warum die Welt besseren Journalismus verdient

Ein neues Jahr bringt neue Hoffnung. Es bietet uns die Gelegenheit, gute Vorsätze zu fassen, mit denen wir in der Regel versuchen, uns selbst und unser Umfeld ein wenig besser zu machen. Wir alle streben danach, uns zu verbessern. Und dieses gemeinsame Ziel sorgt seit Anbeginn der Zeit dafür, dass unsere Gesellschaft sich beständig weiterentwickelt.

In seinem neuesten Buch "Progress" erinnert der Autor Johann Norberg uns daran, dass wir "in den letzten 100 Jahren mehr Fortschritte gemacht haben als in den ersten 100.000 Jahren". Zudem nennt er uns gute Gründe, warum wir uns auf die Zukunft freuen dürfen.

Doch da wir ständig mit negativen Nachrichten überflutet werden, die uns die Schwächen und den Verfall unserer Gesellschaft aufzeigen, haben wir von der Welt und deren Bewohnern dennoch ein anderes Bild.

"Gute Nachrichten sind keine Nachrichten. Nur schlechte Nachrichten sind Nachrichten."

Der amerikanische Präsident Johnson (1963-1969) beschwerte sich einst bei dem Herausgeber und Verleger Henry Luce darüber, dass das Time Magazine zu viel über Negatives berichtet:

"Dank des Voting Rights Acts haben sich in dieser Woche im Süden 200.000 Angehörige ethnischer Minderheiten registrieren lassen. Dreihunderttausend ältere Menschen können mit Medicare abgesichert werden. Wir haben hunderttausend Jugendliche, die in Problemgegenden wohnen und trotzdem einen Job haben. Und von all dem ist hier nichts zu lesen!"

Luce antwortete: "Herr Präsident, gute Nachrichten sind keine Nachrichten. Nur schlechte Nachrichten sind Nachrichten."

Daran hat sich bis heute nichts geändert, denn die Geschichten, die allgemein als berichtenswert erachtet werden, drehen sich nach wie vor zumeist um Krieg, Korruption, Skandale, Mord, Hungersnöte und Naturkatastrophen. Und diese negativen Berichte werden nicht nur bevorzugt veröffentlicht - selbst wenn sie keinen höheren Nachrichtenwert bieten als andere Meldungen - sie werden zudem auch noch besonders hervorgehoben.

Mehr zum Thema: "Wir fokussieren uns auf Versagen und Korruption": Eine Psychologin erklärt, warum wir einen anderen Journalismus brauchen

Auch wenn es ein wirtschaftliches Interesse befriedigt, mit sensationslüsternen Schlagzeilen die Aufmerksamkeit der Leser auf sich zu ziehen und dadurch mehr Zeitungen zu verkaufen, kann zu viel Negatives tatsächlich auch schlecht für uns sein.

Haskins, ein bereits verstorbener Professor für Journalismus an der University of Tennessee, war der Meinung, dass es "negative Auswirkungen auf unsere Stimmung, Einstellung, Wahrnehmung und psychische Gesundheit haben kann, wenn wir längere Zeit mit negativen Nachrichten überflutet werden".

Diese negativen Auswirkungen werden durch neue Medientechnologien noch verschlimmert, denn diese Technologien sorgen dafür, dass wir noch häufiger Nachrichten hören und dass diese auch ständig abrufbar sind. Außerdem wird die "negative, sensationslüsterne und bildhafte Natur" der Nachrichten durch die neuen Technologien noch mehr verstärkt.

Der Wunsch nach seriöseren und weniger oberflächlichen gute Nachrichten

Dass die Medien eine gesonderte Rolle als Gesellschaftskritiker einnehmen, ist ein wesentlicher Grund dafür, warum der Fokus so häufig auf negative Nachrichten gelegt wird. Diese Rolle erfüllt eine wichtige Funktion, denn dadurch werden Machthaber zur Verantwortung gezogen und es werden Probleme ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, für die eine Lösung gefunden werden muss.

Mehr zum Thema: Journalist Michael Gleich über konstruktiven Journalismus: "Viele Medien zeigen nur die halbe Wahrheit"

Dies entspricht dem evolutionären menschlichen Überlebensinstinkt, unsere Umgebung genau zu beobachten, um im Fall von möglichen Bedrohungen oder Gefahren sofort reagieren zu können. Man kann zwar durchaus behaupten, dass Menschen generell dazu neigen, ihre Aufmerksamkeit (bewusst oder unbewusst) eher auf schlechte als auf gute Nachrichten zu lenken.

Das ist jedoch noch nicht das Ende vom Lied, denn immer mehr Leser interessieren sich für einen sozial verantwortungsbewussten "konstruktiven Umgang mit schlechten Nachrichten", da sie dies "interessanter finden, als einfach nur schlechte Nachrichten zu hören."

Dazu gehört, "mit schlechten Nachrichten sozial verantwortlich umzugehen und Lösungsvorschläge für Probleme zu machen". Denn wir finden nicht nur Probleme, wir suchen auch nach Lösungen! Der Wunsch nach "seriöseren und weniger oberflächlichen gute Nachrichten" wurde bereits laut.

Berichterstattung braucht einen lösungsorientierten Ansatz

Viele der führenden Nachrichtendienste sind diesem Wunsch bereits gefolgt und berichten über Lösungsmöglichkeiten. Dazu gehört auch die Huffington Post mit ihrer Kampagne "What's Working".

Diese Bewegung verdankt ihr Wachstum auch anderen Organisationen wie dem britischen "Constructive Journalism Project" oder dem amerikanischen "Solutions Journalism Network", durch dessen starkes und kontinuierlich wachsendes System es ermöglicht werden konnte, 75 Nachrichtendiensten und mehr als 5.000 Journalisten darin zu unterrichten, bei ihrer Berichterstattung einen lösungsorientierten Ansatz zu verfolgen.

Es ist jetzt an der Zeit, für mehr Einigkeit, Harmonie, Verständnis und Hoffnung zu sorgen

Anstatt auf die Moral und Verantwortung der gesamten Branche zu pochen und diese aufzufordern, sich unseretwegen dem Konstruktiven Journalismus zuzuwenden, kann auch jeder einzelne von uns sich dafür entscheiden, 2017 anders mit den Nachrichten umzugehen. Konstruktiver Journalismus (der sowohl Probleme aufzeigt, als auch Lösungen dafür bietet), kann uns bei unserem Streben nach Verbesserung helfen.

Mehr zum Thema: "Ihr Journalisten seid zu negativ"

Es ist eine wichtige Aufgabe der Medien, auf Missstände aufmerksam zu machen und sicherzustellen, dass wir daraus lernen und unsere Fehler in Zukunft nicht wiederholen. Wie wäre es denn, wenn wir das alles etwas umdrehen und sagen, dass wir ebenso gut über Erfolge berichten könnten, damit diese sich in Zukunft wiederholen. Bevor dieser Vorschlag nun von Befürwortern des anwaltschaftlichen Journalismus vorschnell verworfen wird, sollten wir Letzteren zuerst mit dem sehr geschätzten Ersteren vergleichen.

Bei beiden Formen des Journalismus gibt es keinen Unterschied in der Exaktheit der Berichterstattung, denn sie beide beleuchten die Hintergründe bestimmter Geschehnisse näher, damit die Menschen darauf reagieren und in Zukunft etwas ändern können.

Nachdem das vergangene Jahr sehr turbulent und voller Veränderungen war und die Stimmung oft feindselig war, ist es jetzt vielleicht an der Zeit, für mehr Einigkeit, Harmonie, Verständnis und Hoffnung zu sorgen ... Vielleicht ist jetzt die Zeit für Konstruktiven Journalismus gekommen.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.