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15/12/2016 07:22 CET | Aktualisiert 16/12/2017 06:12 CET

Rente: Es profitieren Haushalte, die gar keine Hilfe brauchen

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Die deutsche Bevölkerung altert aufgrund dauerhaft niedriger Geburtenraten und einer stetig steigenden Lebenserwartung. Besonders rasch wird in den nächsten beiden Jahrzehnten der Altenquotient ansteigen, weil dann die geburtenstarken Jahrgänge nach und nach von der Erwerbs- in die Ruhestandsphase wechseln.

Das stellt unter anderem die umlagefinanzierte Alterssicherung vor große Herausforderungen. Um die zu meistern, müssen politische Mehrheiten in einer Gesellschaft organisiert werden, in der die Versorgungsinteressen der Älteren zunehmend Stimmengewicht erlangen.

Lastverteilung bereits austariert

Damit zusätzliche Finanzierungserfordernisse, die aus der Bevölkerungsalterung erwachsen, nicht einseitig den jungen Arbeitnehmern aufgebürdet werden, tarierte die rot-grüne Bundesregierung bereits Anfang der 2000er Jahre die Lastverteilung zwischen den Generationen neu aus. Zum einen wird der Anstieg des Beitragssatzes bis zum Jahr 2030 auf 22 Prozent begrenzt - ohne Reformen drohte ein Anstieg auf über 24 Prozent.

Zum anderen soll das gesetzliche Sicherungsniveau langsam aber stetig sinken - jedoch höchstens bis auf 43 Prozent. So werden auch die Rentner an den demografischen Lasten beteiligt. Diese Haltelinien halten aber nur, weil gleichzeitig die Regealtersgrenze schrittweise von 65 auf 67 Jahre steigt. Was nach 2030 kommt, wurde bislang nicht entschieden.

Missverständnis Lebensstandardsicherung

Angesichts des sinkenden gesetzlichen Versorgungsniveaus wächst derzeit die Sorge vor einer zunehmenden Armutsgefährdung im Alter. Deshalb schlägt die Bundessozialministerin Andrea Nahles eine doppelte Haltelinie mit einem Mindestsicherungsniveau von 46 Prozent und einer Obergrenze für den Beitragssatz von 25 Prozent vor. Nur so könne die Akzeptanz des gesetzlichen Systems gesichert werden.

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Doch führt bereits die implizite Vorstellung, dass jede Einzelrente möglichst hoch ausfallen müsse, um Altersarmut zu vermeiden, in die Irre. Aktuell liegt fast die Hälfte aller gesetzlichen Renten unter der Grundsicherungsschwelle für einen Single-Haushalt. Aber nur 2,5 Prozent aller gesetzlichen Rentner beziehen Grundsicherung im Alter. Die Erklärung für diesen vermeintlichen Gegensatz ist naheliegend:

Mehr zum Thema: Hört auf mit der Politik gegen die junge Generation

Meist kommen in einem Haushalt mehrere Renten sowie private und betriebliche Versorgungsansprüche und Vermögen zusammen. Von einem höheren Versorgungsniveau würden deshalb viele Rentner-Haushalte profitieren, die gar keiner Hilfe bedürfen. Umgekehrt kann aber selbst mit einem Sicherungsniveau von 46 Prozent nicht ausgeschlossen werden, dass niedrige gesetzliche Renten weiterhin unter der Grundsicherungsschwelle bleiben.

Aber nicht nur deshalb vermögen die derzeit diskutierten Lösungsansätze kaum zu überzeugen:

Höheres Versorgungsniveau zu Lasten junger Beitragszahler

Ein höheres Sicherungsniveau als 43 Prozent ist nur zu realisieren, wenn der Beitragssatz bereits vor 2030, vor allem aber danach über die 22-Prozent-Marke hinaus angehoben wird. Das belastet die Mitglieder jüngerer Kohorten zusätzlich - sie müssen ohnehin einen Anstieg der Beitragslast um fast ein Sechstel verkraften und dennoch ergänzend privat vorsorgen.

Stattdessen den Steuerzuschuss zu erhöhen, ist keine Alternative. Denn der ist nur mit versicherungsfremden Leistungen zu begründen. Eine großzügigere Versorgung gehört nicht dazu.

Auch die Einbeziehung bislang nicht versicherungspflichtiger Berufsgruppen bietet keine dauerhafte Lösung. Ein für alle Erwerbsgruppen einheitliches Alterssicherungssystem mag mit Verweisen auf Gleichbehandlung und Gerechtigkeit wohl begründet erscheinen. Demografisch bedingte Probleme im Umlageverfahren können damit aber nur gelöst werden, wenn Selbständige und Beamte eine günstigere Altersstruktur aufweisen. Das ist aber zweifelhaft.

Es gibt aber Alternativen zu einer Verschiebung der Lasten auf folgende Generationen:

Perspektive Lebensarbeitszeit. Die aktuellen Ober- und Untergrenzen für den Beitragssatzanstieg und das Sicherungsniveau lassen sich über das Jahr 2030 hinaus halten, wenn die Regelaltersgrenze langfristig über die Grenze von 67 Jahren hinaus angehoben wird. Damit könnten das zahlenmäßige Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentner stabilisiert und so weitere Eingriffe in Beitragssatz und Sicherungsniveau vermieden werden.

Perspektive kinderabhängige Rente. Das Umlageverfahren kann auf Dauer nur aufrechterhalten werden, wenn auch künftig junge Beitragszahler folgen. Konsequent sollte sich deshalb der Versorgungsanspruch auch an der Kinderzahl ausrichten.

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Die Koppelung künftiger Rentenanwartschaften an das generative Verhalten würde die Finanzierungslast für folgende Generationen automatisch begrenzen. Falsch ist dagegen, eine Mütterrente aufzustocken, die keine familienpolitischen Anreize entfaltet, aber die Kinder- und Enkelgeneration zusätzlich belastet.

Unter der Annahme eines steigenden Stimmengewichts Älterer scheinen solche Perspektiven illusorisch. Doch haben Rentner und Arbeitnehmer im rentennahen Alter tatsächlich nur ein Interesse an einer möglichst hohen Versorgung? Oder erleben die Versicherten nicht im eigenen Familienkontext, dass die Akzeptanz des Umlagesystems auch von den Beschäftigungs- und Einkommenschancen der Kinder- und Enkelgenerationen abhängt?

Was ist, wenn die geburtenstarken Jahrgänge realisieren, dass der eigene Versorgungsanspruch die eigene Kindergeneration (er-)drückt? Dann greift das Bild von "Alt gegen Jung" zu kurz. Dann lassen sich aber Wahlen auch nicht länger mit Rentengeschenken gewinnen. Umso wichtiger, dass sich die Jugend mit eigener Stimme einbringt - in den öffentlichen Diskurs wie in der Familie.

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