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07/12/2015 06:49 CET | Aktualisiert 07/12/2016 06:12 CET

Vom Misstrauen in die Medien

dpa

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Als im Oktober 2014 die selbsternannten patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes in Dresden auf die Straße gingen, wurde die Öffentlichkeit auf eine neue nationalistische Bewegung und vor allem auf das Wort „Lügenpresse" aufmerksam.

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Nach anfänglicher Verwunderung begann im Dezember des gleichen Jahres die geschichtliche Aufarbeitung dieses Begriffs, aus der ersichtlich wurde, dass er gar nicht so neu, ja eigentlich nie richtig weg war. Seitdem geht vor allem bei Medienmachern die Sorge um, die Bürger würden ihnen nicht mehr vertrauen oder sogar offen misstrauen.

Natürlich gibt es gute Gründe, einzelnen Presseerzeugnissen nicht zu trauen. Wer jemals den Alltag der journalistischen Berichterstattung erlebt hat, weiß, unter welchem Zeitdruck Redakteure beim Erstellen ihrer Texte stehen und wie selektiv Quellen ausgewählt werden, um die Kernaussage eines Artikels nicht zu gefährden, die vielfach schon vor Beginn der Recherche feststeht.

Darin lässt sich die Konstruktion einer medialen Wirklichkeit beobachten, im Interesse der politischen Grundausrichtung der Zeitungseigentümer bzw. den Wünschen der anvisierten Zielgruppe. Wenngleich in Einzelfällen sicherlich kritisch zu diskutieren, erscheinen diese Konstruktion erst dann als problematisch, wenn den Leserinnen und Lesern unbedingtes Vertrauen in und damit beliebige Manipulierbarkeit durch die Medien unterstellt wird.

Doch dieses Vertrauen gibt es nicht und hat es nie gegeben. In einer offenen Gesellschaft können Leser von Zeitungen, Hörer und Zuschauer von Nachrichten unter verschiedenen Angeboten auswählen und die Wahl fällt dabei regelmäßig auf die Beiträge, welche die eigene Meinung argumentativ oder ideologisch unterstützen. Menschen hören und lesen halt lieber etwas, das ihrer Meinung zustimmt als etwas, das ihr widerspricht.

Selbst die Wahl der Freunde unterliegt dem Kriterium, ob eine „gleiche Wellenlänge" oder zumindest eine gemeinsame Basis vorhanden ist, aus der eine Bestätigung für die eigene Form der Daseinsbewältigung zu kommen verspricht. In Gesprächen mit diesen Freunden können Meinung ausprobiert werden, mit Argumenten, die selektiv aus Medienprodukten übernommen sind oder ihnen widersprechen.

Vertrauen und Misstrauen in die Medien


Den Medien wird vor allem in den Bereichen gefolgt, die den Leser/Hörer/Zuschauer entweder nicht betreffen oder zu denen er oder sie keine Meinung hat. Darum ist es einer Zeitung möglich, Stimmung gegen Politiker oder Prominente zu machen, weil deren Image ohnehin ein Medienkonstrukt ist.

Aber bei einem lebensweltlich relevanten Thema wie z.B. der globalen Erwärmung ist zu beobachten, dass viele Menschen sich allen Aussagen von Experten und Medienberichten zum Trotz lieber den Argumenten der gedungenen Zweifler anschließen, denen zufolge die Sache mit der Klimaveränderung noch keinesfalls erwiesen und vielmehr Gegenstand wissenschaftlicher Streitereien sei.

Diese Version erscheint schon deswegen attraktiv, weil die Anerkennung einer menschlich verursachten Katastrophe den Appell einer Verhaltensänderung enthält, der mit einer Einschränkung der persönlichen Lebensgestaltung verbunden wäre. Gegen die allgemeine Berichterstattung wird daher eine Weltsicht vorgezogen, die dem eigenen Wunschbild und der eigenen Wahrnehmung entspricht, wonach alles doch gar nicht so schlimm sei.

Noch deutlicher wird die Form der selektiven Medienaneignung bei regionalen Themen, die direkt den Lebensbereich der Rezipienten betreffen - hier reicht das Vertrauen nur so weit wie die eigenen Überzeugungen, die sich keineswegs nur aus den Medien formen.

Während in Zeiten analoger Medien noch Kommunikationshandlungen in lokal beschränkter Form für die Meinungsbildung genutzt werden mussten, Gespräche mit Familie, Freunden oder in kleinen Gruppen Gleichgesinnter, lassen sich heute für jede Meinung und für jede Weltsicht Online-Foren finden, deren Teilnehmer sich gegenseitig in der Annahme bestärken, nicht allein oder sogar gegen die Mehrheit im Recht zu sein.

Je stärker diese Bestätigung durch andere ist, desto weniger muss auf professionell redigierte Berichterstattung der Massenmedien geachtet werden. „Die Medien" müssen nun mit der narzisstischen Kränkung umzugehen lernen, dass ihre Leser und Zuschauer keineswegs so treu sind wie sie viele Jahre lang vermutet haben. Die Treue war vielmehr ein Mangel an Alternativen, die besser in das eigene Weltbild passende Versatzstücke liefern konnten.

Der Begriff "Lügenpresse"


Wie variabel das geäußerte Vertrauen in die Medien ist, zeigt das Beispiel des Begriffs „Lügenpresse". Dafür gibt es zwei zentrale Verwendungsstrategien: Zum einen die Unterstellung einer Verschwörung von Politik, Wirtschaft und Medien, wahlweise gruppiert mit dem Weltjudentum, den Geheimdiensten und anderen, noch unbekannten Mächten.

Einer Presse, die daran beteiligt ist, das manipulative Weltbild der Herrschenden zu stützen, bei dem der einzelne Bürger zu entmündigten Objekten degradiert wird, kann nur unterstellt werden, dass sie die wahre Sicht auf die Dinge vorsätzlich verfälscht. Und wie immer stehen Verschwörungstheorie und gemäßigte Außendarstellung sich unversöhnlich gegenüber, weil jedes Argument der einen Seite nur das Bild der anderen bestätigt, es entweder mit einem Irrglauben oder mit einer Verschwörung zu tun zu haben.

Würde diese Strategie sich durchsetzen, wäre es in der Tat Besorgnis erregend, weil sie mit der Pluralität öffentlicher Äußerungen einen der Grundpfeiler der offenen Gesellschaft aufzugeben bereit ist. In ihrem Glauben an ein im Geheimen operierendes totalitäres System werden Verschwörungstheoretiker selber totalitär, wenn sie aus dem diagnostizierten Unrecht das Recht auf Widerstand ableiten, was in Einzelfällen bei Pediga-Demonstrationen unter dem Motto „Lügenpresse auf die Fresse" auch zu beobachten war.

Zum Glück gibt es aber noch eine zweite, deutlich banalere Strategie, mit der sich die Verwendung des Wortes „Lügenpresse" erklären lässt und die nach den Erfahrungen außerhalb von Dresden auf die Mehrheit nicht nur der Pegidisten anwendbar scheint: der Wunsch, in seinem eigenen Weltbild nicht gestört zu werden. Darin formuliert sich der Anspruch, die Presse möge die eigenen Überzeugungen entweder unterstützen und die Bereitschaft, sie ansonsten guten Gewissens zu ignorieren.

In keinem Fall muss eine andere als die eigene Meinung ernsthaft zur Kenntnis genommen werden. Nicht jeder der „Lügenpresse" sagt, glaubt an eine vorsätzliche Verschwörung, vielfach geht es einfach darum, in seiner Blase bleiben zu wollen, ohne von professionell erstellten Gegenmeinungen belästigt zu werden.

Unkenntnis über die journalistische Arbeit


Dabei ist „Lügenpresse aus zweierlei Gründen das falsche Wort: Zum einen unterstellt „Lüge" das bewusste Verstellen einer bekannten Wahrheit, was bei den selektiven Konstruktionen der Medienwirklichkeiten gerade nicht der Fall ist. Zum anderen verweist das Wort „Presse" nicht auf einzelne Beiträge oder Verlage, sondern pauschal auf ein gesamtes soziales Subsystem, dem einheitliches Vorgehen zu unterstellen schon ein gehöriges Maß an Unkenntnis über die journalistische Praxis voraussetzt. Aber man sollte nicht Böswilligkeit unterstellen, wenn der Wunsch nach Dummheit als Erklärung ausreicht.

Wie taktisch das Schlagwort der „Lügenpresse" eingesetzt wurde, zeigte die Pegida-Pressesprecherin Kathrin Oertel, die nach ihrer Trennung von Pegida Ende Januar 2015 eine eigene Bewegung zu gründen versuchte. Wohlwissend, dass sie dabei vor allem Öffentlichkeit brauchte, beeilte sie sich auf ihrer ersten Kundgebung in Dresden, die Meinungsfreiheit zu befürworten und sich enttäuscht von jenen zu zeigen, die auf Pegis-Demos laut „Lügenpresse" skandierten. Dahinter stand das Kalkül, eben jenen medialen Raum einzunehmen, der von Pegida wegen des geäußerten Misstrauens nicht ausgefüllt werden konnte. Es ging nicht auf.

Das Schlagwort der „Lügenpresse" ist kein Zeichen eines breiten Misstrauens in die Arbeit der Presse, sondern der Immunisierungsversuch einer Gruppe gegen voraussehbare Kritik. Tatsächlich ist sie Zeichen für den Glauben in die Macht der Medien, die als so stark angenommen wird, dass sie von vornherein neutralisiert werden muss, damit die eingeschworene Linie nicht durch die antizipierte gemäßigtere Sicht verlassen wird. Denn eines vermuten alle ideologischen Anführer: dass ihre Gefolgsleute schwach und beeinflussbar sind - schließlich profitieren sie selber davon.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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