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21/04/2016 07:57 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 07:12 CEST

Nothilfe als Videogame

LOUISA GOULIAMAKI via Getty Images

Wie Freiwillige aus drei Kontinenten auf Lesbos zusammenarbeiten

Stell Dir vor Du gründest eine Organisation mit Menschen, die Du noch nie persönlich gesehen hast. Ihr lebt über den Globus verteilt, in Texas, Malaysia und Griechenland. Was verbindet Euch? Ein gemeinsames, humanitäres Ziel und eine Hand voll digitaler Standardtechnologien: WhatsApp, GoogleDocs und Facebook. Genau das ist die Geschichte von Marhacar, einem griechischen Non-Profit, dem wir im März auf Lesbos begegneten . Auf Lesbos, an der engsten Stelle nur 5km vom türkischen Festland entfernt, landeten seit Sommer 2015 so viele Flüchtlinge, wie auf keiner anderen griechischen Insel. Weltweit gibt es aktuell ungefähr 60 Millionen Flüchtlinge. Viele von ihnen flüchten in völlig überfüllten Schlauchbooten und mit oft mangelhaften Schwimmwesten abgesichert vor Krieg, Terror und Armut nach Europa flohen. In der humanitären Krisensituation ergriffen vor allem engagierte Ehrenamtler aus der ganzen Welt die Initiative. Auf eigene Kosten kamen sie nach Lesbos, retteten Tausende von Menschen aus sinkenden Booten, gründeten Zeltlager und verpflegten die Ankommenden mit medizinischer Hilfe, Essen, Kleidung und Rat.

Technologische Lösungen für Volunteers

Doch die Hilfsaktionen stellten eine logistische Herausforderung dar: die Boote landeten entlang eines sehr langen Küstenstreifens, die Camps und Lagerhäuser, voll gefüllt mit gespendeten Hilfsgütern, waren ebenfalls weit voneinander entfernt. Und hier kommt Marhacar ins Spiel. Eine Truppe junger griechischer Sozialunternehmer organisiert mit ihrem StartupBoat.Exkursionen nach Lesbos, um skalierbare, technologische Lösungen für die dort arbeitenden Volunteers und NGOs zu entwickeln. Sie erkannten die logistische Herausforderung und setzten ein einfaches Kommunikationssystem auf, um Hilfsgüter und Flüchtlingscamps besser miteinander zu koordinieren. Fünf Monate später ist eine Netzwerkorganisation entstanden, die Tausenden von Flüchtlingen kurz nach ihrer Ankunft auf Lesbos trockene Kleidung und Schuhe, Decken und Essen besorgt.

Dan, the Van

Einer der Helfer ist Daniel, genannte „Dan, the Van", da er sich für seinen Einsatz einen großen Lieferwagen gemietet hat. Der promovierte Meeresbiologe von der Universität Tromsø in Norwegen, kam als Freiwilliger zum Jahreswechsel nach Lesbos und arbeitete 6 Wochen als Fahrer. Jetzt, zwei Monate später, ist er wieder da.
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Photo WDan, the van Die erste Schicht beginnt um 9. Daniel bekommt von einem Dispatcher via WhatsApp seinen ersten Auftrag: Better Days for Moria, ein Camp für die Flüchtlinge, die nicht im offiziellen Registrierungscamp in Moria aufgenommen werden, benötigt 120 Decken, Männerschuhe und Kinderunterwäsche. Daniel fährt ins 20 Minuten von der Inselhauptstadt Myrtilini entfernte Warenlager nach Attiki. Dort haben Freiwillige schon die richtigen Kisten zusammengestellt. Wir helfen beim Beladen und fahren damit zum Camp. Kaum sind die Kisten ausgeladen, kommt schon der nächste Auftrag auf dem Handy an. In einem der Transitcamps im Norden sind 150 neue Flüchtlinge eingetroffen. Alle sind durchnässt, da ihr Boot kurz vor der Küste zu kentern drohte. Die nötigen Kleidungsstücke holen wir in einem anderen, von Schweizer Freiwilligen gemanagten Warenlager ab und bringen es die 50 km in den Norden. Im Transitcamp wehen die nassen Kleider der Geflüchteten an den Wäscheleinen. Dan, the Van zieht weiter, den nächsten Auftrag erledigen. So geht es weiter. Oft bis Mitternacht. 2016-04-18-1460995207-2165804-IMG_7003.JPG Photo Warenlager/Kleiderkammer Marhacar funktioniert sehr einfach: Freiwillige, die in Camps und an Landestellen entlang der Küste arbeiten, melden über einen WhatsApp-Kanal welche Hilfsgüter sie gerade benötigen. Dispatcher, die überall auf der Welt sitzen können, finden heraus in welchem Lager die benötigten Waren vorrätig sind und schicken dann Fahrer los, um diese zu transportieren. Die Fahrer wiederum sind ehrenamtlich Engagierte, die mit selbst bezahlten Mietautos Schichten von 9-15 und 15-24 Uhr übernehmen. Die meisten Freiwilligen werden über eine der Ehrenamts-Websites und Facebookseiten rekrutiert. Marcus und Christian, zwei Kölner, die wir auf unseren Routen treffen, hatten sich über Lesvos Volunteers gemeldet und verbringen ihre Urlaubstage als Fahrer für Marhacar. Viele Helfer nutzen Crowdfunding Plattformen wie GoFundMe um sich ihren Aufenthalt auf Lesbos zu finanzieren. Einmal als Fahrer auf der Insel tätig, melden sich die meisten nach ihrer Rückkehr zuhause für den Job des Dispatchers an, denn der kann von überall ausgeführt werden. Durch die Zeitverschiebung kann das ganz schön anstrengend werden - Dan's Dispatcher, Jerin, lebt an der amerikanischen Westküste und ist manchmal die halbe Nacht am Rechner um ihre Fahrer zu koordinieren. Das Training der Fahrer und Dispatcher erfolgt online: auf GoogleDocs finden Neulinge alle relevanten Informationen - hier beispielsweise das Trainings Manual für Dispatcher - und nehmen im Anschluss noch an einer Live Training Session teil.

Vorteile einer digitalen Netzwerkorganisation

Marhacar ist eine Netzwerkorganisation, die ohne digitale Tools undenkbar wäre. Die drei Kernmitarbeiter sitzen in den USA, Malaysia und Europa und sind sich bislang nur auf Skype begegnet. Amanda, eine ehemalige Lehrerin aus Texas, hat Marhacar als NGO registrieren lassen und organisiert die Trainings. Den Dispatchern sagt sie „Es ist so, als ob Du ein Videogame spielen würdest. Du musst Aufgaben erledigen und kannst verschiedene Levels erreichen". In Kuala Lumpur analysiert ihre Kollegin Ayu die Daten. Sie weiß in Echtzeit, wo welche Versorgungsengpässe bestehen. Über 50 Helfer waren bislang schon im Netzwerk aktiv und können je nach Bedarf kurzfristig aktiviert werden. Alle sind voller Elan und begeistert dabei. Unter den Hunderten von Apps, Plattformen und Websites, die in der Flüchtlingshilfe momentan zum Einsatz kommen, ist Marhacar deshalb so interessant, weil sie vieles richtig machen. Der Service ist aus der gelebten Praxis heraus entstanden und erfüllt einen wirklichen Bedarf.
  • Er basiert auf bekannten Tools, so dass niemand neue Technologien erlernen muss.
  • Es ist sowohl möglich vor Ort Nothilfe zu leisten, als auch weit entfernt von Zuhause beizutragen.
  • Die Organisation ist als Netzwerk aufgebaut und kann sich dadurch extrem flexibel auch kurzfristig auf neue Situationen einstellen. Sie können wachsen oder schrumpfen oder den Service auf andere Orte verlegen.
Gerade ist so eine Situation: seit der Schließung der Balkanroute ist der Flüchtlingsstrom über Lesbos stark reduziert. Die Macher von Marhacar überlegen, wo sie als nächstes hingehen. HintergrundDas betterplace lab beobachtet und analysiert seit Monaten die digitale Flüchtlingshilfe. Was in der Türkei und in Griechenland passiert, haben wir uns jetzt für unsere Forschungsreihe lab around the world angeschaut.2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg
Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen. Leseempfehlungen:
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