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01/04/2015 12:08 CEST | Aktualisiert 01/06/2015 07:12 CEST

10 Jahre Schule - und noch immer nicht in der Lage, den eigenen Namen zu schreiben

joana breidenbach

Stellen Sie sich vor, ihr Kind geht 10 Jahre lang zur Schule und kann danach nicht mal seinen Namen schreiben. Es sitzt mit 100 anderen Schülern in einer Klasse und bekommt die Versetzungserlaubnis nur, wenn er bei seinem Lehrer teure Privatstunden nimmt. Und bevor wir den Lehrer verteufeln, sollten wir wissen, dass der von seinem Gehalt allein im Zweifel nicht leben kann.

Ägyptens Schulsystem ist völlig am Ende

In einer Bildungsstudie des World Economic Forums belegt das Land den 145 von 148 Plätzen - fast 40% der Bevölkerung sind Analphabeten. Die Gründe dafür variieren, je nachdem wen man fragt.

Für Ranwa Yehia von der Arab Digital Expression Foundation steckt dahinter Regierungskalkül: dumme Bürger sind leichter zu kontrollieren. Andere schreiben die Bildungsmisere einem dysfunktionalen Staat zu, der durch die politischen Unruhen der letzten Jahre zusätzlich lahmgelegt wurde.

„Der Staat kommt mit dem starken Bevölkerungswachstum einfach nicht mit", erklärt mir Muhammad Habib, Mitgründer der Online-Lernplattform Nafham. Wir treffen uns im Büro der NGO, ein freundlicher Raum voller Bean Bags auf dem GrEEK Campus im Zentrum von Kairo.

„In den nächsten Jahren werden für mindestens eine halbe Millionen Kinder keine Schulplätze zur Verfügung stehen." Um Abhilfe zu schaffen, hat Habib gemeinsam mit dem ägyptisch-amerikanischen Investor Ahmet Alfi 2012 Nafham ins Leben gerufen, eine Plattform auf der komplementär zum offiziellen Lehrplan alle Lerninhalte in Form von online Videos aufbereitet sind und Schülern kostenlos zur Verfügung stehen.

In Nafhams Büro

Nafham heißt auf arabisch „wir verstehen" und genau darum geht es: Schülern den Lernstoff so anschaulich zu vermitteln, dass sie wirklich etwas lernen und die 2-3 Milliarden ägyptische Pfund, die Eltern jährlich für die Nachhilfestunden bezahlen, einsparen können. Seit September 2014 ist der gesamte Lehrplan in Form von 23.000 fünf- bis fünfzehnminütigen Videos online. Das Angebot scheint zu funktionieren: täglich werden 100.000 Stunden Lernmaterial angesehen und die Videos haben insgesamt 28 Millionen Views.

Woher stammen die 23.000 Lernvideos?

Wie sind diese beeindruckenden Zahlen zustande gekommen? Die meisten der Videos wurden von Nafham selbst produziert. Sie übernehmen aber auch Lernvideos von Dritten, wie beispielsweise der Khan Academy, ihrem großen Vorbild. Und seit 2014 liegt der Fokus auf crowdgesourcten Videos - insbesondere da sich der ägyptische Lehrplan kontinuierlich verändert und die neuen Inhalte am besten von den Schülern und Lehrern selbst vermittelt werden können.

Zu diesem Zweck veranstaltet Nafham einen monatlichen Wettbewerb, bei dem Interessierte Lernvideos einreichen und Preise gewinnen können. Auf diese Weise generieren sie jeweils an die 500 neue Videos. Eine der ersten Gewinnerinnen war eine elfjährige Schülerin aus Alexandria, die eigentlich nur einer Freundin, die eine Klasse verpaßt hatte, den Unterrichtsstoff vermitteln wollte.

Ein anderen Teenager ist inzwischen zu einem richtigen Profi aufgestiegen und hat sein Schlafzimmer in ein Aufnahmestudio verwandelt, in dem er die verschiedensten Lernvideos dreht.

Erdanziehung von Schülern selbst erklärt: Nafhams nutzergenerierte Videos

Die meisten Nutzer sind durch Mund zu Mund Propaganda auf die Plattform gekommen und ebenso organisch konnte Nafham über 360.000 facebook Fans generieren.

Viele Schüler schauen sich die Videos auf dem PC an, aber die Mobilzahlen - momentan bei 30% - sind steigend. Momentan erreicht Nafham 3% der insgesamt 18 Millionen ägyptischen Schüler. Und da die Internetraten steigen - bis Ende des Jahres sollen 40 Millionen Ägypter online sein sollen -sieht es auch für Nafhams Wachstum gut aus. Diese Zahlen sind vor allem dann beeindruckend, wenn man erfährt, dass das Team nur aus 8 Mitarbeitern besteht.

Aber sind die Online-Tutorials denn auch effektiv? Muhammad Habib ist sich bewußt, dass sie an der Lernmethodik und Wirkungsmessung noch arbeiten müssen - während das Angebot ursprünglich nur aus Videos bestand, werden diese jetzt von einer Q&A Sektion ergänzt, in der Lernende das Material nochmals selbst anwenden müssen.

Die Tahrir Academy

Dass Klickzahlen alleine nicht aussagekräftig sind, betont Alyaa Said von der Tahrir Academy, einem weiteren Online-Lernangebot für die ägyptische Jugend. Alyaa hat vorher bei Yahoo gearbeitet und weiß wie man Nutzerzahlen hochpushen kann. Die Tahrir Academy hat einen eigenen Erfolgsindex, den Learner Satisfaction Index, entwickelt, mit dem Likes, Verweildauer, Feedback- und Interaktionsfrequenz einfließen.

Ebenso wie Nafham ist die Tahrir Academy aus der Aufbruchstimmung nach der ägyptischen Revolution entstanden - das Startkapital stammte von Wael Ghonim, der die Erlöse seines Buchs Revolution 2.0. - The Power of the People is Greater Than the People in Power zur Verfügung stellte.

Über die eigene Website, einen Youtube Kanal, sowie Apps bietet die Academy 700 Videokurse an. Auch hier sind die Nutzerzahlen beeindruckend: Bislang haben sich 120.000 Schüler angemeldet und über 15 Millionen Minuten online gelernt.

Doch Inhalte alleine online zu vermitteln reicht den Machern der Tahrir Academy nicht aus. Die wenigsten Schüler interessieren sich so für Bildung, dass sie deshalb den Weg ins Internet finden.

Stattdessen setzt die Academy auf ein Blended Learning Angebot: die Online Tutorials (zum Teil selbstproduziert, z.T. von der Khan Academy und anderen übernommen) werden durch Tests, Diskussionsforen und Textdokumenten ergänzt. Gamification-Elemente sollen die Schüler bei der Stange halten: für absolvierte Aufgaben gibt es Punkte, mit denen Schüler untereinander wetteifern können.

Online braucht Offline

Darüber hinaus hat die Academy aber eine wichtige Offline-Komponente entwickelt: Auf der Website findet sich ein Werkzeugkasten, den Lehrer, Eltern, NGOs oder begabte ältere Schüler herunterladen und als Unterlagen für den Präsenzunterricht verwenden können. „Momentan verwenden wir viele Energien darauf die Community zu unterrichten, wie die diese Materialien für den besten Lernerfolg einsetzen können", berichtet Alyaa. „Dieser Mix aus Online und Offline macht das besondere an unserem Angebot aus."

Aber die Arbeit ist nicht einfach. Wie können Online-Angebote die grundsätzliche Ausrichtung eines Schulsystems verändern, welches vollständig auf Auswendiglernen von Fakten für Prüfungen ausgerichtet ist und weit davon entfernt ist, Schülern als eigenständig motivierte Lernende zu begegnen.

Wer zahlt für das Ganze?

Eine weitere große Herausforderung für Nafham und die Tahrir Academy ist die nachhaltige Finanzierung. Beide halten sich bislang mit dem Startkapital, sowie den Preisgeldern von Innovationswettbewerben über Wasser. Mein Termin mit Nafham mußte kurzfristig verschoben werden, weil Habib und Alfi nach Dubai fliegen mussten, um den Arab Social Influencers Award entgegenzunehmen. „Wir scherzen schon darüber, dass unser Geschäftsmodell darauf basiert, Preise zu gewinnen", sagt Habib.

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In 2014 gewann Nafham den ersten Platz beim Samsung Egypt Entelaq Wettbewerb

Mit ihren Versuchen, Werbung und Sponsorenlogos auf die Plattformen zu bekommen, waren sie bislang nur mäßig erfolgreich. Anbieter wie die Khan Academy, die Interesse daran haben, dass ihre Inhalte auch auf arabisch ausgerollt werden, sind zudem in der Lage für ihre Präsenz auf den ägyptischen Plattformen eine Gebühr zu zahlen.

Doch das alles langt noch nicht für die nachhaltige Finanzierung. Die Tahrir Academy will es jetzt mal mit Crowdfunding versuchen. Und Nafham arbeitet an seiner Wirkungsmessung, um für internationale Stiftungen und soziale Investoren attraktiv zu sein. Dann könnten sie endlich die Datenanalyse vorantreiben und Schülern individuelle Lernangebote machen.

Auch wenn die Finanzen noch unsicher sind - die ägyptischen MOOCs wollen sich nicht auf ein Land beschränken. Da sich die Lehrpläne zum Teil gleichen ist Nafham mittlerweile auch in Saudi Arabien, Kuwait, Syrien und Algerien präsent. Sie sind damit Teil eines Trends der in der arabischen Welt gerade startet: in Jordanien startete Edraak, in Saudi Arabien Rwaq.

Teenager entwickeln eine Sehhilfe für Blinde

Welches Potential im Online Learning für die arabische Welt steckt, durfte ich selbst am ersten Tag meiner Feldforschung erleben: Auf dem Kairo Mini Maker Fair treffe ich den fünfzehnjährigen Ahmed, der mit seiner Schulkameradin Najeeba eine digitale Sehhilfe für Blinde entwickelt hat.

Das Gerät besteht aus einer Brille mit Sensoren, die visuelle Signale in Sprache umsetzt. "Wo habt ihr Programmieren gelernt?", frage ich sie. "Kennen Sie MOOCs?", fragt Ahmed zurück. "Wir haben vier Kurse bei Coursera abgeschlossen und das Gelernte einfach umgesetzt".

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Teenagers Ahmed und Najeeba haben Programmieren bei Coursera gelernt.

Video:Dumme Bürger sind leichter zu kontrollieren. Die Lernplattform Nafham steuert dagegen

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe "lab around the World".

Weitere Informationen finden Sie hier.


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