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05/02/2016 08:36 CET | Aktualisiert 05/02/2017 06:12 CET

Verpasst Deutschland den digitalen Anschluss?

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Mit seinem jüngsten Gesetzentwurf ebnet die Bundesnetzagentur der Deutschen Telekom den Weg zu einem fast flächendeckenden Einsatz der sogenannten Vectoring Technik. Diese Technologie ermöglicht eine signifikante Erhöhung der Übertragungsbandbreite von theoretisch bis etwa 300 Mbit/s und somit eine breitbandige Anbindung von Endkunden über ihre bestehenden, alten Kupferadern - ohne aufwendige Neuverlegung von Glasfasertechnik.

Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Art Wunderwaffe zur schnellen Beseitigung des herrschenden Breitbandmangels in Deutschland, und die Bundesregierung wähnt sich in ihrer Breitbandstrategie, jedem Haushalt bis 2018 einen Anschluss von mindestens 50 Mbit/s zu ermöglichen, auf einem guten Weg. Auch für die Telekom scheinbar ein toller Erfolg, sichert er doch kurzfristig große Marktanteile, insbesondere im Privatkundengeschäft, bei gleichzeitig überschaubaren Investitionen. Ein Traum für jeden Finanzvorstand.

Ein genauerer Vergleich von Vectoring- und Glasfasertechnologie, hinsichtlich ihrer Zukunftstauglichkeit, wirft indes viele kritische Fragen auf. Der anfängliche Glanz verliert, langfristig betrachtet sogar für die Telekom selbst, schnell an Strahlkraft.

Eine schnelle Erhöhung der Bandbreite bei geringer Anfangsinvestition ist der Hauptvorteil von Vectoring

Der größte Vorteil, den die Vectoringtechnologie zu bieten hat, wurde einleitend bereits angerissen. Durch eine relativ einfache, schnelle und kostengünstige technische Aufrüstung der Kabelverzweiger in den Verteilerkästen der Netzprovider wird eine erhebliche Erhöhung der zur Verfügung gestellten Bandbreite erreicht. Bestehende Kupferkabel zu den jeweiligen Endkunden bleiben dabei vorerst bestehen. Es fallen keine zusätzlichen Kosten für eine Neuverlegung von Kabeln an.

Der flächendeckende Einsatz von Vectoring kommt einer Re-Monopolisierung des Marktes gleich

Allerdings, und damit wären wir bereits bei dem ersten großen Kritikpunkt bezüglich des Einsatzes dieser Technik, muss zwingend ein einzelner Betreiber die Kontrolle über sämtliche Leitungen am Kabelverzweiger haben. Nur dann kann Vectoring die elektromagnetischen Störungen zwischen den Kupferleitungen entsprechend ausgleichen und deshalb eine hohe Bandbreite erreichen.

Im Klartext: Die Telekom besitzt in ca. 98% der etwa 330.000 Kabelverzweigern die Mehrheit der Anschlüsse und bekäme hier einen exklusiven Kundenzugang garantiert. Alle anderen Wettbewerber würden damit dauerhaft von diesem Markt quasi ausgesperrt werden, viele verlieren gar ihre bereits getätigten Investitionen. Aus Kunden- und Wettbewerbssicht daher ganz klar ein „no go" zu dieser Re-Monopolisierung.

Durch hohen Energieverbrauch klimafeindlich

Eine Reihe technischer Nachteile verhagelt die positive Anfangseuphorie noch viel weitergehender. In die Verteilerkästen wird aktive Technik eingebaut, die an heißen Tagen noch zusätzlich gekühlt werden muss. Die Folge: Hoher Energieverbrauch, hohe Fehleranfälligkeit durch Überhitzung, und das Summen der Kühlung in heißen Sommernächten soll schon so manchen Bürger das Schlafen bei offenen Fenstern verleidet haben.

Die zusätzlichen Kosten für den Energiebedarf hat Stephan Breide, Professor der Fachhochschule Südwestfalen in Meschede, mit etwa 200 Millionen Euro pro Jahr taxiert. Abgesehen von den dauerhaften Folgekosten für Energie und Reparaturen, ist Vectoring also obendrein eine klimafeindliche Technologie.

Bereits die nahe Zukunft erfordert gigabit-taugliche Übertragungsmedien

Klopfen wir Vectoring schlussendlich noch auf seine Zukunftstauglichkeit ab und unterstellen wir, dass damit in der Praxis tatsächlich eine durchschnittliche, flächendeckende Bandbreitenversorgung von 100 Mbit/s erreicht werden wird. Um festzustellen ob das ausreicht, eine einfache Frage: Welche Anforderungen stellen die digitalen Anwendungen des nächsten Jahrzehnts an die Netzinfrastruktur? Die meisten Experten gehen hier von einer regelrechten Explosion der benötigten Bandbreiten aus, und ich schließe mich dieser Meinung an.

Ein Beispiel zum Videostreaming: Schon heute stößt ein 16 Mbit/s Internetzugang bei einem UHD-Stream an seine Grenzen, 50 Mbit/s sind bereits jetzt vorteilhaft. Weitere Evolutionsstufen der Unterhaltungselektronik werden sehr bald das Vielfache an Leistungsfähigkeit abverlangen und wir haben jetzt gerade erst eine einzige mickrige Anwendung eines einzelnen Endgerätes im Privatbereich betrachtet.

Die rasante Entwicklung des Internet der Dinge (IoT), als nur ein Beispiel für weitere bandbreitenhungrige Anwendungen, verlangt zusätzlich nach sicheren und fehlerunanfälligen Übertragungsmedien. Als sinnhafte Zukunftstechnologie fällt Vectoring deshalb nicht nur aufgrund fehlender Bandbreitenreserven glatt durch. Die Zukunft verlangt nach einer geeigneten Gigabittechnologie und zwar durchgängig bis zu den Endkunden.

Die Glasfaser passt sich perfekt dem künftigen Bandbreitenhunger einer digitalisierten Welt an

Die Glasfasertechnik ist aus heutiger Sicht das ideale Übertragungsmedium mit fast grenzenlosen Übertragungsreserven. Die optischen Fasern weisen geringe Dämpfungswerte auf, so dass lange Übertragungswege mit verhältnismäßig wenig Energieeinspeisung auskommen. Später erforderliche Bandbreitenerhöhungen bei bereits verlegten Fasern lassen sich bequem durch einen Austausch der Sender- und Empfängertechnik umsetzen, so dass in Zukunft größere bauliche Maßnahmen entfallen.

Da im Glas optische Lichtimpulse übertragen werden und kein Strom fließt, sind sie unempfindlich gegenüber Wasser und daher problemlos durch Seen, Flüsse und (Ab-)Wasserleitungen verlegbar - aufgrund ihrer Unempfindlichkeit gegenüber elektromagnetischen Störungen sogar dort, wo bereits Stromkabel vorhanden sind. Die extrem viel höhere Abhörsicherheit gegenüber elektrischen Kabelverbindungen rundet die Vorteilsliste von Glasfasertechnologie ab.

Wesentlich höhere, einmalige Kosten als Investition in die Zukunft sehen

Wären da nicht die hohen Kosten einer Erstverlegung von Glasfaser, dürfte das Kupferkabel längst der Vergangenheit angehören. Je nach topographischen Bedingungen und den sich daraus ergebenden Tiefbaukosten für entsprechend lange Trassen, könnten Kosten zwischen etwa 1000 und 5000 Euro pro Haushalt anfallen.

Einmalige Investitionen übrigens, die wir bei Straßen-, Gas- und Wasseranschlüssen wie selbstverständlich akzeptieren. Warum sollen Investitionen in eine dringend benötigte, digitale Infrastruktur schlechter gestellt werden?

Vectoring ist eine Brückentechnologie für nur wenige Jahre

Eine exzellent ausgebaute digitale Infrastruktur wird für eine Industrie- und Wirtschaftsnation wie Deutschland künftig ein mindestens ebenso, vermutlich sogar wichtigerer Standortfaktor sein, wie ein gut funktionierendes Straßen und Schienensystem. Ein flächendeckender, nicht nur nach kurzfristigen Gewinnerwartungen orientierter Netzausbau muss daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe werden.

Vectoring erfüllt in diesem Kontext lediglich die Aufgabe einer Brückentechnologie, die überall dort eingesetzt gehört, wo es kurzfristig sinnvoll erscheint. Keinesfalls darf dadurch der schnellstmögliche Ausbau von Glasfaser in irgendeiner Weise behindert oder verzögert werden - wie dies im Fall einer Umsetzung des besagten Gesetzentwurfes bevorsteht. Geschieht dies dennoch, droht Deutschland international den digitalen Anschluss zu verpassen.

Auch und gerade Telekommunikationsunternehmen wie die Deutsche Telekom würden die Folgen unangenehm zu spüren bekommen und in einer globalisierten Welt gegenüber ihren Konkurrenten stark zurückfallen. Der anfänglich so geniale Marketingplan könnte sich daher langfristig als Ritt auf einem toten Pferd outen oder auch anders formuliert: Operation gelungen, Patient tot.

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