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25/12/2016 05:46 CET | Aktualisiert 26/12/2017 06:12 CET

Der Tanz um das Digitale Kalb

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Unternehmen im Spagat zwischen Digitalisierung, Tradition und gesellschaftlichem Wandel

„Der Mittelstand verschläft die Digitalisierung", hallt es fast schon gebetsmühlenartig durch die Medien. Wer etwas auf sich hält, MUSS „digital werden" - und zwar ganz schnell. Nur: Keiner weiß wirklich, wie das dann so ganz genau umgesetzt werden soll - das vollständig digitalisierte Unternehmen.

Kein Wunder also, dass der deutsche Mittelstand eher zurückhaltend auf den grassierenden Digitalisierungshype reagiert. Ist diese Zurückhaltung eher fahrlässig oder doch besonnen?

Um diese Frage zu beantworten, sehen wir uns die Realität in mittelständischen Unternehmen - soweit das bei der enormen Branchenvielfalt möglich ist - genauer an.

Was sind die Treiber von Digitalisierung, und was bremst sie aus?

Zunächst ein kurzer Blick auf die technischen „Highlights".

Hacker, Datenlecks und eine prekäre, digitale Infrastruktur

Am Beispiel der Cloud Services, die für viele als Synonym für den digitalen Fortschritt gelten, lässt sich die technische Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit eindrucksvoll demonstrieren:

Die unbestritten wichtigste Voraussetzung für eine Cloud Lösung, also der Verlagerung eines oder mehrerer IT-Dienste in das Rechenzentrum eines Dienstleisters, ist eine sichere, zuverlässige und entsprechend breitbandige Anbindung mit dem Netz des Anbieters - Herzlich Willkommen in der Breitbandwüste Deutschland!

Statt Glasfaseranbindungen stehen meist nur, auf Kupfer basierende, DSL-Anschlüsse zur Verfügung. Konsequenz: Begrenzte Bandbreiten, sowie mangelnde Zuverlässigkeit und null Zukunftstauglichkeit!

Auch die jüngst durch Hackerangriffe erneut aufgezeigten Schwachstellen, die hunderttausende Kunden längere Zeit von ihren, aus der Cloud erbrachten, Internet- und Telefondiensten abgeschnitten haben, ermutigen nicht unbedingt zu bedingungslosem Vertrauen in diese Dienste. Weitere Munition für Cloudkritiker liefern immer wieder auftretende Datenlecks - bedingt durch gezielte Spionage oder sogar fahrlässig herbeigeführt - wo sensibelste Daten unverhofft in der Öffentlichkeit landen.

Während große Unternehmen und weltweit operierende Konzerne diese Schwachstellen - teilweise - durch zusätzliche hohe Aufwände in Netz und Sicherheit kompensieren können, möchte der klassische Mittelstand eher ein rundum-sorglos Paket vom Dienstleister kaufen und sich auf sein eigenes Kerngeschäft konzentrieren - im Grunde genau das Ziel von Cloud-Diensten. Kann man dem Mittelstand da, vor dem Hintergrund des hier aufgezeigten Szenarios, seine Zurückhaltung verdenken? Ganz sicher nicht! Der gesunde Menschenverstand würde die Haltung wohl eher als besonnen, statt fahrlässig bezeichnen.

Technik sollte also einfach nur funktionieren, Punkt. Der kompliziertere und zum Gelingen der digitalen Transformation entscheidende Faktor, ist der Mensch selbst:

Mut zu neuem Denken und alle Menschen mitnehmen

Technologie ist ein Treiber und zugleich - wenn sie funktioniert - Erfüllungsgehilfe für das digitalisierte Unternehmen. Ob der Wandel jedoch tatsächlich gelingt, bestimmt im Wesentlichen die Unternehmenskultur, da Digitalisierung vor allem ein menschliches Thema ist.

Es gilt zu erkennen, welche menschlichen Eigenschaften, welche Strukturen den Wandel begünstigen. Ganz eindeutig sind dies Organisationsformen, die sehr viel Spielraum für Veränderungen und eine positive, konstruktive Streitkultur zulassen. Im schnelllebigen und disruptiven digitalen Zeitalter sicher keine große Überraschung, denn: Digitalisierung bedeutet oftmals, das eigene Geschäftsmodell infrage zu stellen. Das Unternehmen oder die Fabrik der Zukunft ist keinesfalls mit der Digitalisierung des Alten einfach nur gleichzusetzen! Und genau dazu benötigt ein Unternehmen selbstbewusste, mutige Mitarbeiter mit offener Denkhaltung, die Chancen erkennen und nutzen (dürfen), sowie Defizite aufzeigen (sollen).

Change ahead: Vieles spricht für den Mittelstand

Wie schlägt sich diesbezüglich der Mittelstand?

Zwar ist die Bandbreite an Unternehmen hier derartig groß, so dass sich pauschale Aussagen automatisch verbieten, jedoch sind gut funktionierende, klassische Mittelständler gerade in Punkto kurzer Entscheidungswege, Entscheidungsfreudigkeit und offener Kommunikation recht ordentlich aufgestellt - jedenfalls um Längen besser, als das Gro der Großunternehmen oder gar Konzerne.

Gesteckte Ziele werden hier oft beharrlich, ausdauernd und mit einer gesunden Portion Mut, auch einmal Fehler zu begehen - meist unbeeinflusst von ungeduldigen Investorengruppen - verfolgt. Es sind genau diejenigen Eigenschaften, die zahlreiche deutsche Traditionsunternehmen zu Weltmarktführern in ihren Marktsegmenten gemacht haben, und die für den digitalen Wandel so wichtig sein werden.

Ein Digitalisierungschef als Geheimwaffe?

Große oder gar multinational aufgestellte Unternehmen stellen zur Umsetzung ihrer Digitalstrategie nicht selten einen sogenannten Chief Digital Officer (CDO) ein, um den Laden digital in Schwung zu bringen. Bei Supertankern wie Siemens oder Daimler erscheint dies aufgrund ihrer schieren Größe und organisatorischen Vielfalt, neben vielerlei weiterer Maßnahmen, fast unausweichlich zu sein.

Doch bringt ein CDO auch Gefahren mit sich: Digitalisierung darf sich niemals vom „Rest der Mannschaft" lösen, muss ein Querschnitt durch sämtliche Organisationseinheiten sein, muss alle Menschen mitnehmen und darf keinesfalls zum Selbstzweck mutieren oder zu technisch interpretiert werden. Ein geeigneter CDO sollte sich daher neben exzellentem Technik- und Marktwissen, vor Allem durch ausgeprägte soziale und emotionale Intelligenz auszeichnen. Eine barrierefreie Kommunikation mit allen Hierarchiestufen - nicht nur auf Vorstandsebene - ist absolute Pflichtübung. Um es im Klartext zu formulieren:

Mit einem arroganten, schnöseligen Managertyp wäre eine erfolgreiche digitale Transformation gestorben, bevor sie überhaupt begonnen hat!

Generell lässt sich festhalten: Je größer ein Unternehmen, je komplexer die Strukturen, desto eher macht der Einsatz eines CDO Sinn.

„Eine erfolgreiche Transformation frisst seinen Schöpfer" - Ein Digitalisierungschef auf Abruf als Alternative?

Für mittelständische Unternehmen mit eigenen IT- Abteilungen kann es durchaus sehr viel Sinn machen, auf eigenes Personal zu setzen und eine zeitlich limitierte Einbeziehung geeigneter externer Berater - statt eines festangestellten CDO - in Erwägung zu ziehen. Das hat mehrere Vorteile für das Unternehmen:

Zum einen ist die oben beschriebene Gefahr einer zum Selbstzweck entarteten Digitalisierungsautomatik weniger wahrscheinlich, da ein Externer weder Rücksicht auf die Sicherung seiner eigenen Stellung - eine geglückte Transformation frisst seinen Schöpfer - nehmen muss, noch von der Belegschaft als Fremdkörper „in der vorher doch so heilen" Unternehmensorganisation wahrgenommen wird. Er kombiniert frische Impulse und Vorschläge aus dem Markt mit den Erfahrungen und Wünschen der Menschen im Unternehmen.

Zum anderen können sich Unternehmen, wenn sie noch unsicher sind, mit kleineren Projekten vorsichtiger an das Thema herantasten. Sie kaufen nicht gleich die Katze im Sack und es muss nicht immer der ganz große Wurf sein; viele kleine Schritte führen auch zum Ziel.

Alles toll, kein Grund zur Sorge?

Nein, ganz im Gegenteil!

Der größte Bremser des Wandels ist unsere Mentalität, erneut ein menschlicher Faktor: Eine Wertvorstellung und Denkweise, die von dem zu Ende gehenden Industriezeitalter geprägt ist.

Hier wird sichtbar, wie missverständlich der im Zusammenhang mit Digitalisierung oft verwendete Begriff „Industrie 4.0" eigentlich ist, denn er impliziert eine Vorstellung, dass der Wandel ein industrielles Thema sei. Doch wir stehen momentan nicht nur einfach am Beginn einer weiteren - der vierten - industriellen Revolution, sondern am Anfang einer völlig neuen Epoche. Und das aufziehende digitale Zeitalter, soll es menschlich und wirtschaftlich gelingen, erfordert ein stark verändertes Gesellschafts- und Wertesystem - so wie auch das Industriezeitalter ein neues Sozial- und Gesellschaftsgefüge gegenüber dem Agrarzeitalter eingefordert hatte.

Es bedarf eines Systems, welches eine lebenswerte Zukunftsperspektive für Millionen von Menschen liefert, deren Arbeitsplätze durch künstliche Intelligenzen und Automatisierung entweder verschwunden sein werden, oder sich grundlegend verändert haben. Kein Zufall also, dass sich mittlerweile auch Top-Manager wie der Siemens Chef Kaeser und Telekomchef Höttges für ein Grundeinkommen aussprechen und es sogar als völlig unvermeidlich bezeichnen.

Der Mittelstand wird Hauptverlierer eines verpassten Wandels sein

Die momentane gute wirtschaftliche Gesamtsituation in Deutschland - auch wenn sich bereits politische Zerwürfnisse deutlich abzeichnen - birgt eine riesige Gefahr: Ein Großteil der Menschen verharrt in einer trügerischen Komfortzone. Trügerisch, da sich die gerade beginnende digitale Revolution durch einen überaus disruptiven Charakter auszeichnet. Heute noch erfolgreiche Geschäftsmodelle können quasi über Nacht zu Ladenhütern mutieren. Verpasst Deutschland hier den strukturellen und geistigen Wandel, so wird der Mittelstand der Hauptverlierer sein. Während die Global Player nach dem Motto handeln können, „War schön bei euch, aber nun ziehen wir weiter in Länder, die den Fortschritt nicht verschlafen haben ...", lebt der deutsche Mittelstand in einer Schicksalsgemeinschaft mit den Menschen in diesem Land.

Hat der wirtschaftliche Abschwung erst begonnen - und dies wird plötzlich, heftig und für viele unerwartet passieren - ist es bereits zu spät zum Handeln: Eine daraus folgende politische Radikalisierung wird den sozialen Frieden - Grundlage für alles - längst zerstört haben.

Ein schneller Strukturwandel ist überfällig

Die Lebensadern des Industriezeitalters waren Straßen und Schienen, im digitalen Zeitalter sind dies die Datenwege. Massive Investitionen in eine nachhaltige, zukunftsorientierte Gigabit-Infrastruktur, so wie beispielsweise Glasfaserstrecken dies ermöglichen, ist das Gebot der Stunde. Jeder Bürger, jedes Unternehmen sollte Anspruch auf einen zuverlässigen und günstigen Zugang zum Web - und damit Teilhabe an Informationsaustausch und Bildung - erhalten, wie wir es heute bei Strom und Wasser als selbstverständlich empfinden. Keinesfalls darf Deutschland hier im internationalen Vergleich noch weiter zurückfallen.

Systemwechsel statt kleinmütige Reförmchen

Eine unvergleichlich größere Herausforderung ist die Reformierung unseres völlig ineffektiven, teils ungerechten und auf Sanktionen statt Belohnung ausgelegten Sozialsystems, welches soziale Not und Armut lediglich verwaltet, statt zu bekämpfen.

Eine gigantische „Sozialindustrie" - die daran blendend verdient - hat Deutschland wie ein Krake fest im Griff, behauptet gar, man könne mit homöopathischen Minireförmchen das kranke System heilen.

Dieses Vorgehen ist schlicht eine Beleidigung an die Intelligenz der Bürger, denn es verschiebt Probleme statt diese zu lösen, führt künftig entweder zu unberechenbaren Erhöhungen an Steuer- und Sozialabgaben, oder massiven Leistungskürzungen. So entsteht ein fatales Gemisch aus Lähmung und Zukunftsangst - statt den notwendigen Zeitgeist einer neuen digitalen Gründerzeit zu verbreiten.

Dabei könnten die kommenden Megasprünge an Produktions- und Effektivitätszuwächsen Unternehmen und Menschen in wahrlich „paradiesische Zustände" führen, wie es Götz Werner, einer der erfolgreichsten deutschen Unternehmer und glühender Verfechter eines Grundeinkommens, in der Süddeutschen Zeitung ausdrückte.

Ob die Teilhabe der Menschen am technischen Fortschritt nun mittels eines Grundeinkommens, oder anderer Modelle geschieht, sei dahingestellt. Jedenfalls benötigen wir keine häppchenweise Verschlimmbesserung des bestehenden, sondern ein komplett neues Steuer- und Sozialsystem, welches allen Menschen einerseits eine sichere und menschenwürdige Existenzgrundlage bietet, andererseits genügend Anreize für individuelle Leistungsbereitschaft setzt, um Kreativität und Mut zu neuen Wegen zu fördern - Eigenschaften übrigens, die zum Gelingen des digitalen Wandels wahrlich alternativlos sind.

Resümee

Nicht der Mittelstand, sondern unsere gesamte Gesellschaft verschläft - vielleicht - die Chancen der Digitalisierung. Das Thema kann nur ganzheitlich betrachtet und aufgelöst werden, Bürger und Unternehmen bilden hier eine Schicksalsgemeinschaft.

Hoffnungsvoll stimmt, dass Deutschland auch zu Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert zunächst nur behäbig startete, um dann später schnell zur Weltspitze aufzuschließen - und manchmal wiederholt sich Geschichte doch.

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